Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 17-18 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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Anschauung hatte ihu von boten getrennt, bk etnft * r utrtinntnbwO in ihrer armselige«, geistmen Beschränktheit ^hrr Hoffnungen, ihre Zukunft-Wünsche auf ihn gebaut. — Jetzt richtete der Kantor sein Gesicht ein wenig in die -Höhe, Max sah mit Schmerz, wie welk und farbenbleich diese» -einst so heitere, frische Antlitz geworden, stärker erhob sich seine Stimme, laut betete er: „Erbarme Dich Ewiger, unser -Gott, über Dein Volk. Laß uns nicht abhängen von den "Gaben der Menschen, die nur Fleisch und Blut sind, auch Nicht von ihrem Darlehn, sondern von Deiner vollen, stets > Offenen, heiligen und unbegrenzter Hand, daß wir nicht beschämt und nicht zu Schanden werden in Ewigkeit." Wollte ihn der Alte wohl bei seinem Gott verklagen? »Dir wird Übel, Mutter," rief eine» der Mädchen. .Komm, wir wollen Dich zu Bett bringen!" Sie wies die dargebotenen Hände zurück. »Laßt mich, ftÄrt den Vater nicht." »Du wirst es nicht auShalten, Mutter," sagte der Kantor bekümmert. »Ich habe viel Schlimmeres ausgehalten." sprach sie mit gebrochener Stimme. »Bete Du, das macht mich stark. Laßt mich ausharrcu, bis zu Endr." Sie lehnte sich zurück ' und legte müde die Hand über die Augen Der Kantor, der auf einen Wink seiner Tochter Hannah, -geschickt einige Seiten in st-nein Gebetbuch überschlagen, begann wieder: »Verehret G. tt ihr seine Frommen. Junge Löwen darben ur.v hungern, aber die Gott suchen entbehren sein Gat: »Heil dem Manne, der Gott vertraut, dessen Vertrauter Gott geworden Ich war ein Jüngling, ward ein -Greis und nie sah ich den Redlichen darben, noch seine Binder nach Almosen gehn. O Herr, verleihe Deinem Volke Sieg, beglücke eS mit seligem Frieden " Darauf goß der Kantor den kleinen Pokal, der vor ihm stand, voll mit Wein, lobte Gott, der die Frucht de» .'Weinstockes erschaffen und sprach dann laut mit hoch er- 'hobenem Becher: »Herr der Ruchlosen, die Deinen Namen nie erkannt, die Peiutger Deiner Knechte und Deiner Frommen, die Frevler, die Dir ihr Knie nicht beugen, sie erreiche Dein Grimm, sie verfolge Dein Zorn, unter Deinem Himmel, Herr, tilge sie hinweg." »ES ist heiß," hatte die Mutter vorhin gelispelt. Die :r kleine Sonnt war dienstbeflissen zur Thür gesprungen und Chatte sie ungestüm geöffnet. Darauf gab das Kind einen Ks Schrei, daß dem erschrockenem Kantor der Becher aus der k'-Hand fiel und sich purpurroth über das weiße Leinen ergoß. »Fürchte Dich nicht, Sanni, ich bin es." Max faßte . die noch immer zitternde Kleine an der Hand und trat schnell mit ihr iu'S Zimmer. Die anderen Mädchen waren gleichfalls von ihren Sitzen aufgesprungen, sie und der Kantor betrachteten den neuen Ankömmling wie ein Spukbild mit ««verhehltem Schrecken, Johanna, die Aelteste, war augstvoll «m ihre-Mutter bemüht, sie fürchtete, die itnerwartete Aufregung würde sie tödten. »Verzeiht, wenn ich störe," sagte Max. »Guten Abend Alle zusammen. Ich habe gehört, daß die Mutter nicht Ä wäre und so bin ich gekommen ihr zu helfen. Du st auch längst zn Bette setn. liebe Mutter, und Dir nicht ben Dir so nöthigen Schlummer entziehen. Siehe ich habe Dir Arzenri mstgebracht, die Deine Schmerzen lindem wird." »Du bist eS, Du!" Ohne jede Hülfe hatte die Kranke sich erhoben und schritt auf ihren Sohn zu, hoch aufgerichtet stand sie vor ' ihm und sprach mit harter, fester Stimme: »Warum kommst Du in mein reine- Hau»? Geh' zurück, zurück zu Deinem Weibe, der Entarteten, die Du Dir auserlesen." ' »Mutter," antworttte er dumpf, »wmn sie schon mein Weib ist, muht Du sie darum immer schmähen?" »Dein?" Sie stieß ein schrilles Lachen hervor, »Dein -Job warum auch nicht jede» Ander?».? Weißt Du eS nicht, H«ß die Kinder auf der Gaffe ersten, wie de- Doktor an'» Frau Buhlschaft treibe mst dem Herm Baron und^ iu^mwnrHause auf den Mühlen schamlos au»- und ««gehe tagelang." »Au» meinen Augen, geh', Deiner Hülfe bedarf ich nicht," sie hatte die Arzeneiflasche ergriffen, und schleuderte sie Max vor die Füße, daß die Splitter krachten — »fort, «h will nichtvon Dir, Du Genosse einer Dirne." Max hörte nicht mehr dm entsetzten Aufschrei der Andem, er sah nicht, wie die erschöpfte Frau bewußt!»» ihrem Gatten in die Arme fiel — er war in die Nacht hinausgestürmt, schäumend wie ein wilde- Thier, daS dahin rast die entflohene Beute wieder zu erjagen, aber weiter — immer weiter — entfernte sich das Ziel seinem Blicke und versank unerreichbar — er holte sie nicht mehr ein — die entschwundene Ehre. (Fortsetzung folgte.) Der FreihettSmonat. Silhouette von Nathan Samuely. (Schluß.) Ob die liebe Sonne es auch nur geahnt hat, wie e» diesen guten Leuten heute so wonniglich zu Muthe ist; aber al« wir mit hochgerütheten Wangen vom Bade zurück nach Hause gingen, lag sie bereits mit ihrem herrlichsten Frühling-lichte in allm Gassen und Gäßchen, alob sie heute eigen» ihre schönsten Goldteppiche aus den Boden ausgebreitet hätten damit diese Könige und Prinztn, wie in dem Zaubermärchen, dm Fuß nur auf Gold und Diamanten setzen. Zu Hause angelangt, fanden wir die Mutter geschmückt in einem blüthenweißen Seidenkleid mit Goldborden, da» noch von einer Großmutter als Erbstück ihr überkommen war. mit einem Diadem auf dem Haupte voll blitzemder T^amanten und einige Perlenschnüre um dm Haltz. Ihr Sr Rechten stand mein Schwesterchen, eine kleine Prinzessin, muck und niedlich in ihrem Spitzenkleidchen und ihrem länzend schwarzem Haar, das ihr schönes Gesichtchm mit n tiefblauen Augen und dem kleinen schelmische» Rosen» mündchen einrahmte Der Tisch war bereits gedeckt für da» Mittagsmahl. Das Erste, wadie Mutter nach dem Mittagseffen that, war, mich und mein Schwesterchen zu Bette zu bringen, dantit wir während deS Sederabend» bis tief in die Nacht uns wachhalten und bi» zu Ende die schönen Geschichten anhören von dem AuSzuge unserer Eltern aus Egypten. Als mich später der Vater mit einem Suffe au» dem Schlafe weckte, entrang sich ein Freudenschrei meinen Lippen, dmn ich gewahrte auf dem Sestel spiegelnagelneue Kleider, die für mich bestimmt waren, vom Sammtkäppchen angefangen bis herunter zu den Lackstiefelchen. Den ganzen Winter über träumte ich von den schönen neuen Kleidern, die ich für das Peßachfest bekommen werde und jetzt lag dieser herrliche Traum verwirklicht vor mir. Vater und Mutter halfen mir beim Ankleiden und da- Knarren und Knistern, das die neuen Gewänder und Lackstieselchen bei jeder Bewegung ver» ursachten, war für meine Ohren die allerschönste Musik. Wie stolz ging ich einher an der Seite de» Vaters, der mich mit in dte Synagoge führte. Das war lustig heute in den Straßen. Aus allen Häusern und Hütten strömte« die Leute, alle festlich gekleidet, der Synagoge zu, die schon von der Ferne mit ihren gothischen Bogenfenstern wie au» einem Lichtermeer hervortauchte. »Gut Jomtow! Gut Jomtow!" Das war ein Jauchzen, da» war kein Ruf mehr, mit dem der Vater die Schwelle seine» Hause» übertrat, al» er votl der Synagoge zurückgekehrt war. Dieser Ruf wurde von fünf Stimmen wiederholt, nämlich von mir und von den Gästen, zwei hochbetagten Greise und zwei jüdischen Soldaten, die der Vater für die Sederabende sich zu Tische lud und es klang nicht weniger Jubel auch au» diesen Stimmen, denn wer war heute nicht glücklich und freuden»