Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 17-18 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492351-8722846-5959717--1624-5374719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
trunfrn? Wer fühlte sich heute nicht in gehobener, ja, in königlicher Stimmung? „Gut Jomtow! Gut Jomtow!* tönte es zum Gegen- «ssße. Es war meine Mutter, die Königin selber mit ihrer kleinen Prinzessin an der Hand, die uns mit freudestrahlendem Besicht« zur Thüre entgegenging und uns hier mit lautem Rufe begrüßte. Bon ihr geleitet, gelangten wir bald in di« „gute Stube-, di« in einen wahren Krönungssaal umge» zaubert war. Der große Kronleuchter, der von der Zimmerdeck über den Tisch herunterhing, glich einer vielarmigen Brillantenflamme. Bon allen Seiten ergoß sich ein magisches Licht über alle Räume. Der große Familientisch war heute die ganze Länge des Zimmerhinau-geschoben. Nicht blos wir und unsere Gäste sollten an demselben heute theilnehmen, sondern überhaupt alle, die im Hause sich befanden, dir Dieustleute nicht auSgeschloffen. Hcutc sind wir all« gleich, alle Kinder eines Gottes, Angehörige eine- Stammes, heute aiebt es keine Herren und Diener, heute giebt es nur lauter Söhne und Töchter der Freiheit. An der Spitze der Tafel drängte da» .Hessebett', eine Art Thronsitz, den die Mutter « sinniger Weise hergerichtet. Unter einer blüthenweißen in allen vier ,Seiten mit Silberlilien bestecken Serviette, «fanden sich auf der Frontseite der Tafel die drei ungesäuerten Brode, welche die drei Kasten unseres Stammes vorsirllen: Kohen, Lewi, Israel. Drüber in zierlichen Silber» fchüsieln waren die symbolischen Speisen aufgestellt. Bor Jedem Gedeck stand ein blinkender Becher mit perlendem??*ine gefüllt. Für mich, dem damals einzigen Stammerben meiner Eltern, war zur rechten Seite des Later» ein kleiner Throu eigen» hergerichtet. In dem großen weiten Gemache herrschte eine so tiefe '^erklärte Ruhe, daß mau vermeinte, die EngelSkvpfe He» Hausfrieden» überall hervorleuchten zu sehen. Alle nahmen wir bereit» um den großen Familienttsch unsere Plätze ein. Da erhob der Bater den blinkenden mit Wein gefüllten Decher hoch in seiner Hand und verkündete mit lauter, feier» Acher Stimme den Segensspruch über den Wein, den wir satzweise leise wiederholten. Nachdem jeder von un«, auf die linke Seite hingelrhnt, den ersten der vier vorgeschrirbenen Berber geleert hatte, eröffnet« der Bater die Hagada mit den Worten: „Das ist da» Brod der Armuth, das einst unsere Eltern in Egypten aßen. Jeder, der hungrig, komme und Arise mit, jeder, der dürftig, komme und stiere mit un» das schöne Peßachfest. Jetzt sind wir hier, auf» Jahr werden tmr im Land« Israels sein. Jetzt sind wir Sklaven, aufs Jahr sind wir Söhne der Freiheit!* Eine ftierliche Sttlle trat drauf wieder im Gemache «in. Alle Blick waren jetzt auf mich gerichtet, denn al» einziger männlicher Sprosst war mir jetzt eine wichtige Rolle zugetheilk, nämlich die vier Fragen dem Bater vorzulegen: „Bater", begann tch nach einer kleinen Pause mit klingender Stimme, „vier Fragen will ich an Dich richten, erstens: Warum essen wir heute ungesäuertes Brod, ganz ander« al» alle andern Rächte de» Jahre»? Die zweite Frage: Was bedeutet da» Grünzeug, da» wir heute essen müssen? Die drsttr Frag«: Warum tauchen wir heute zwei- «al unser Brod in Salzwasstr? Und endlich die vierte Frage: Warum sitzen wir heute auf die linke Seite hingclehut?" Nachdem ich mit diesen vier diplomatischen Fragen fertig war, erwiederte der Bater mit weicher und schmelzender Stimme: „So höre denn, mein Kind. Wir waren Sklaven bei Pharao in l^yften und da hat un» der Ewige unser Gott von dort befreit mit starker Macht und ausgestrecktem Arme, und hätte der heilige, gelobt sei fein Name, uns damatt nicht erlöst, so wären wir noch heute, wir und unsere Kinder, Sklaven bei Pharao in Egypten!* VcraaioorUicher Nedutlrur: Dr. M. »ahmer, «agdrburg. Deus: 3t.8. fllal Dies« Hart: waren im Eho«s von alle, Tisä mst einem eigenthümlicheu Sntgsang.wiederholt, und gar feierlich klangen die tiefernsten Baßstiminen der beiden graubärtigen Gäste, verschmolzen mst dem kräftigen Sopran der beiden Soldaten, in welche mein Schwesterchen mit ihren reinen, metallenen Stimmchen jedesmal wie «in Silberglöckestt hineintönte. Stellenwtise flocht der Bater in die Hagada eine Legende au» dem Midrasch ein, oder erklärt« eine dunkle Stell« in der heiligen Schrift. Auch di« andern Gäste gaben hin und wieder ein „gleiches Wörtchen" zum Beste«. Dabei erzählte man sich alwh viele» von de« Leiden und Qualen, die unsere Brüder in den verflofstnen Jahrhunderten auSgestaude», während der Inquisition, der Kreuzzüge» wie überhaupt in alle« Zeiten und in allen Jahrhunderten. Unausläfchlich bleibt mir in Erinnerung von jener Zest eine Geschichte, die un» damals einer unserer Gäste, ein taubengrauer Greis, erzählt hatte. Ja Granada, erzählte er nämlich, lebt« eine Familie, die zwangsweise getauft wurde, die jedoch aber im Gehttmen treu dem Glauben der Eltern lebte und alle jüdischen Sitten und Gebräuche streng beobachtete. Da geschah e» eine» Peßachabends, daß diese Familie mit ihrem Oberhaupte an der Spitze wie gewöhnlich den Sederabendi« einem unrrrirdischen Kellerraume, der ein Prunkgemach bildete, bei verschlossenen Thüren stierte, wa» sie seit vielen Jahren zu thun pflegte, au» Furcht vor der Jnquisitton, die damalsüberall ihre geheimen Späher hatte. Einige Jahre lief es auch so ohne jede» Hinderuiß ab. Da jedoch geschah eseinc» Sedembeads, al» man, wie gewöhnlich, beim dritte» Becher vor dem unsichtbaren Propheten Elias di« Thür öffnete, daß plötzlich eine Schrecknsgestalt in dem Rahmen derselben sichtbar wurde, nämlich der Großinquisitor, gehüllt in einen blutrothen Mantel und mit dem Kreuze in der vorgestreckten Hand. Entsetzt wich bei diesem Anblicke Alles zurück, bedeutet« doch das Erscheinen des Großiuquisttors in einem solchen Augenblick für die ganze Familie Tod- und Verderben. Allem dieser Todesschreck dauerte nicht länger att nur einen kurzen Augenblick., Der Großinquisitor enthüllte ihnen sein Geheimnis, daß auch er von Geburt ein Jude sei, daß er von seiner Jugend auf den Dienste« den Jnquisitton sich gewidmet habe» um in mancherlei Gefahren seinen Brüdern beistehen zu können. Nicht blos ei n e jüdische Familie schon sei durch ihn vom Marterlode gerettet worden. Auch jetzt ist er von Gott dazu bestimmt, der bluttgen Jnquisitton jüdische Opfer zu entreißen. Dem heiligen Tribunale nämlich ist die Anzeige zugekommen, daß diese Familie trotz der angenommenen Taust im Gebest»« dem Glauben der Eltern leb« und in einem unteriroifch« Raume die Peßachabende stiere. Um keinen verdacht zu erregen, mußte er sich mit einig« Faoriliare» hierher begeben, um sich von der Wahrheit der Angabe zu überzeuge».. Er war jedoch vorsichtig genug, seine Begleiter draußen zurückzulaffen. Jetzt werde er zu ihn« hiuell« und ihnen, sagen, daß stne Anzeige nur eine falsche Berdächtignug sei. So feiert nur ungestört weiter unser schsnes Peßachfest,' Koß er sein« Worte, Gott hält schützend seine rechte Hantz^ C unser Bolk Israel, das er wohl «ü schwer« Straft» heimsucht, aber nst ganz untergeben läßt. —Er schläft unb* schlummert nicht, der Hüter Israels. Der greise Mann erzählte uns damatt diest Geschichte, mit einer solchen Anschaulichkeit uud Lebendigkeit, m tjp uns stellenweise kalt überlief uud wir mtt ängstlicher^ Spannung der. Entwicklung dieser Erzählung folgten, nachdem er lange schon mit dem Erzählen stetig war, lausck wir noch immer uud es schstn uns, daß das Alles sich t unseren Augen abspiele. Erst der Bater unterbrach^ allgemein« Stille, indem er mit Begeisterung bat/ Becher ergriff und mit lauter feierlicher Stimme au» der Hagada weiter recitirtr: &1Ü