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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 17-18 (1891) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
17-18 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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Die löst eine» KlsvirrS ufc Wr Gesang heler . Lnner» und Frauenstimmen. »Mein Weib vergnügt sich.» tagte Max bitter. Recht ,.>ie zum Hohn trug ihm »er Wind noch lange die lustigen gelänge zu. Das sollte doch anders werden. Auf dem SRftrf. wege wollte er auf dem Borwerl einkehreu und fein Weib mit sich nehme». Es sollte Alles anders werden, anders und bester, er trug wohl auch sein Thcil Schuld daran, «ß Mari« außerhalb ihr Behagen suchte, sie war noch so jung und lebensfroh, in ihr pulsirte frischeres, leichtere» Blut, freilich sie war von anderer Art. — Bist Du wohl sicher, daß die Tochter der lüderlichen Käthe Dir ihre Treue wahren werde? Wie fiel ihm da» jetzt nnr ein? Wer -atte ihn einst so gefragt? Seine Mutter. Natürlich. Sie laßt« Marien. Und für die Liebe seines Weibes, hatte er deu Haß seiner Mutter eingetaufcht. .... Seine Mutter. Sie war krank. Bor Gram und Roch — schwerkrank. — Mochte sie doch ihn verabscheuen und ihm grollen, wen» s« nur seine Hülfe annehmen und leben wollte. — Diese eigensinnige, theuere. alte Frau — wenn er nun doch zu fpät käme und träfe sie nicht mehr — und sie läge vor chm still und kalt.... es zerrte ibm etwa» am Rock, er erschrak — aber es war nur eia Baum, der sich in das Tuch seine» Mantelkragens gehatt hatte. — Mein (Bott, wollte denn der Wald heut kein Ende nehmen — und dieser Hegen. — Es war stark dunkel geworden. Durch des Doktors Hirn jagten und tobten die Gedanken wie ein Wirbelsturm. Da» seltsamste, sernliegendste Zeug fiel ihm eia ... . Worte — Bilder — Menschen, die er längst vergessen glaubte, schwebten wie feurige Funk« vor ihm her. Dabei nng chm unaufhörlich, wie die endlos schwirrende Melodie einer Spieluhr, ein Bers des Homer durch den Kopf: „Jetzt kam graulich die Macht des verdunkelten Mondes und rastlos regnete Zeus, laut saust« der West' mit er» gossenen Schauern.' Er sprach deu Bers mehrere Male vor sich hin. er studirte ihn wie ein Schulknabe, er wollte seinen Geist zur Klarheit zwingen. Was glänzte dort wie ein heller Schein? Au einer alten weitäsngm Buche hing rin roh geschnitztes Mutter» gotttsbild, auf seinem breit vorspringenden Holzrahmen staud ein rolhes brennendes Lämpchen. — Gott sei Dank, das war die Kronstüdter Allee. — Nur noch eine halb« Stunde scharfen Rtttes und er würde die Stadt erreichen. Nun aber wurde der Braune müde und wollte nicht mehr recht weiter. Er mußte ihn umsonst antteiben und schlagen, so sehr ihn auch das ermattete, geduldige Vieh dauerte. Endlich langten sie Beide in Kronstadt an. Roß und Reiter — triefend vor Schweiß. Der Klempnermeister Scholz trat grad' aus der Hauschür, da der Doktor vom Pferde sprang. .Ei, ei/ sagte der alte Herr verwundert', ihr Jungen» treibt es arg mit den Braunen.* „Lebt meine Mutter noch?' C ja, aber — Golk weiß wie lange noch; c» geht ihr miserabel. Ist recht, daß Sie noch gekommen sind, gehen Sir nur nach oben — ich werde den Brauneu schon ab» führrn — hören Sie, aber Sie wisten doch, es ist schlecht Wetter für Sie bei Ihren Leuten .... „Ich »«iß. ich weiß/ erwiderte Max. Borsichtig, wie ein Dieb schlich er die Treppe des Elternhauses in die Höhe. Die Thur war unverichlojsen, er Uiutte leise auf und befand sich in dem keinen, engen Borraum, der die Küche und da» Schlafzimmer der Schwestern von der Putzstube schied. Emen Augenblick staud er rachlo», wo er eiutreten solle, da hörte er die laut betend« Stimme sei««» Bater». nun warne er nicht zu stören, ex wollte doch lieber warten, bis der Bater da« Tischgebet beendet haben würde. Die lleine GlaSthür, welche in d» Vorderst» bc führte, war mit einem dunklen Kattunvorhange bedeckt, geräuschlos näherte Max sich ihr, e» glückte ihm, am Rande der Scheiben konnte. - •' '-f ■■ Di« kleine Familie saß vollzählig um den viereckig weiß gedeckten Tisch, den da» Licht einer blankgeputzten Meffinglamp« und die ihr recht» und link» zur Seite? stehenden, in zwei nied eigen, silbernen Leuchtern brennend« 7 Kerze« müßig erhellten. Die vier Mädchen saßen mit dem Rücken zur Thür gekehrt und neigten die Köpfe andächtig über ih« Bücher^ von der jüngst«, deren Platz dem de» Bakers am nächsten , war. ward da» Profil sichtbar; das Nefthäckcheu, ein hübsche» j Kind von acht Jahren, knabberte noch an einem Stückche» > Mazze. welches sie vorher, unter der, nach dem eben vollendeten Nachtmahle bei Seite gestellten Sederschüffel entdeckt und dem Bater listig entwendet hatte. Der ttaditionelle Scherz war sicher der einzige Versuch von Fröhlichkeit, derH an dieser Tafelrunde gewagt wurde, denn ein Blick auf die f Hausfrau, die unglückliche Königin de» Abends, genügte »» jedes Lächeln in eine Thräne zu verkehren. Man hatte Fra» Lea's hartnäckig wiederholten Wunsch, an der Sederseier de» Pessachfeste« wie immer theilnehmen zu wollen, nicht zu.; wiedersetzcn gewagt, und die Kranke in ein« groß« Lehnstuhl 1 gettagen. Darauf hatte sic verlangt, daß man sie festlich -q anziehe und ihr eine bessere Haube bringe, und obwohl fie.H wLhrend des Ankleid«» einige Male bewußtlos geworde« "1 war, hielt sie sich jetzt am Abmd doch aufrecht mit jener starr« 3 Energie, die diese starke Fraumsrele bis zu ihrem letzt« >4 Athemzuge nicht zu verlast« wollen schi« Aber ihr Gestcht schi mmerte aschfarben unter dem stark«, jetzt völlig weiße» Haar nnd zeigte sich durch die Gewalt, mit der sie d« wüthenden Schmerz beherrschte, unglaublich «tstellt, ihre Lippen zittert« ruhelos die Worte nach, welche ihr Gatte mit wehmü thiger Stimme herbettle. .Gepriesen seist Du Ewiger, unser Gott, Herr de» All», der Du die ganze Welt speisest mit Deinem Gute, mit Milde, Huld und Barmherzigkeit, der Du Unterhalt giebst jeder Kreatur, denn ewig währt Deine Gnade, Du sättigst und stärkst Alle» was da lebt. Deine Hand bereitet Nahrung alle» erschaffen« Wesen." Dem Lauscher hinter der keinen GlaSthür ward wunder« ' sich zu Muthe. Ihm dünkte, er habe nie Schöneres und RübrmdereS gehört als diese Nagende, gottrusmdr Stinuse. Biel, sehr viel hätte er darum geben mögen, jetzt dadrinne» ■ä sein zu dürfen, an der Seite de» gut«, alt« Manne» zusitzen. Er fühlte da« hestigste Heimweh und er war doch», daheim. .Als er noch eiu Knabe war. wie hatte sich Max« immer auf dies« Tag gefreut. Wie ge« hatte er " Bater zugeschaut, wmn dieser aus wohlverschlostenem das weiße, seidene, silberdurchwirkte Gebetmäntttein heraus»^ nahm und da» prächtige Käppchen. „Sieh Max." hatte der Kantor dann lächelnd zu ihn gesagt, .heut' Abend bin ich ein König. Sieh, da« ist meiiN Krönuugsmantel. da» meine Krone und Du mem Prinz. —J Und deutlich entsann er sich des Abends, da er. a*j zehnjähriger Knabe, zum erst« Male am Zederab«d ohue.t Stocken und in tadellos «elodischem Tonfall die berühmtes Frage hrrsag« konnte: .Warum ist diese Nacht unterschiede»?! von all« ander« Nächten? I« jeder ander« Nacht', könnm wir sowohl Gesäuerte» als Ungesäuerte» esten und: diese Nacht nur Ungesäuerte»." Mit welchem Stolz hatte damals der Bater auf geblickt! Mit welchem Jubel ihn an'S Herz gezog« mtb; dabei gerufen: .Mein geliebter Junge — nicht leb« will ich, nur. vegettren und dich sehen. Taus«d Jahre sollst Du akt^ werden und Deine Kinder Dir gleich« Freud« bereittu, vie« Du mir Es hatte sich. gut erfüllt dieser Segmswuasch. D Max biß sich die Lippen wund lim nicht auszusv vor innerer Qual. Die viele Freud« hatte er, seinen Eltern noch lereitet? Er hatte fld

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