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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 15 (1891) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
15 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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«tfrtfl eilte. schart. blieb. Obwohl sich der Doktor niemal» mit einer Silbe bei lihm über sein häMiche» Ungemach beklagte, tröstete er ihn .mit größter Zartheit und Freundlichkeit, machte ihm sanfte lBorwürst, daß er e» an Geduld fehlen lasse und hatte obendrein die Max außerordentlich wvhlthuende Delikatesse. Marie ihm gegenüber? in Schutz zu nehmen, und »da« wird sich alle» ander» gestalten, wenn Marie erst Mutter sein wird', war der stete Schluß seiner Ermahnungin, rin« Prophezeiung, die Max mit solchem Entzücken erfüllte, daß er voll befriedigt nach Hause ging und seiner schmollenden Frau mit der alten Liebe und Zärtlichkeit entgegeukam. (Fortsetzung folgte.) Areitzett»«a»«t. SiHottettt pon Wat (an Camntlt). Tie Agada für da« Peßafest!- Da sehe ich sie wieder in meinem Aebetbuchc, die traulichen Liedchen, die ehrwürdigen Legenden, dir tändelnden Märchen, die wir Jahr um Jahr im Familienkreise zu beten, zu singen und un» z» erzählen pflegten, und da stehen auch mit schreienden, gewaltigen Lettern di« zehn egypttschen Plagen aufgezählt, jede rüthlich übertüncht, denn sie hat schon ganze Ströme rothen Weine« in sich eingesogen, mit welchem sie, nach althergebrachtem Brauche, jahrein jahraus an jedem Sederabend besprengt und betupft wird. Man sollte e« aber kaum glauben — so ein weinselige» Plägelchen gibt einen Duft von sich, einen starken Duft der Erinnerung. Wahrhaftig etwa» wie ein verhaltener Hauch der Freiheit wehet mir au« diesen Blättern entgegen. Ich weiß e» selber nicht mehr, ob die Natur im Verlaufe der vielen Jahre sich so stark abgenützt hat, oder ist in mir während dieser Zeit die Nrflektirmaschine, die sich Phantasie nrmch etwa« defekt geworden, daß sie die Welt und ihre Erscheinungen nicht «ebr mit jener Farbrnfrische in sich aufuehmrn und widerspiegeln kann, wie einstmal». Da» war rin ganz anderer Freiheit«monat, der >nir au« meiner Kindheit wie ein versprengter Tropfen im Kopse hangen geblieben ist. Da schwebte der Himmel ein hängend blaue» Meer über meinem Haupte, die Sonne warf energisch ihre graue Wolkenjacke von süh und strahlte so recht herzhaft au», daß sich ihr da» reinste Gold über Wald und Berg ergoß, so daß sie unter diesem Sonnenbad wollüstig aufguckten und die verborgensten Düste von sich freigaben. Die Bäume-reckten and streckten sich mit ihren saftig«» 'Zweigen, als würden sie locken und rufen: .So kommt doch wieder herbei, ihr Millionen grünen Blätter, denn wir tragen Euch schon 'wieder auf kräftigen Armen der Sonne entgegen!" Und auch die Bäche uud Flüsse sprengten stechert»drängend .ihre Ei»srffeln» und sie hüpften und jauchzt«: .Hurrah! wir sind wieder Kinder der Freiheit!' Und erst die tausend befiederten Gäste, die ganze Regimenter über die Lust einhermarschirte», und auf allen Sträuchern und Bäumen Absteigquartier nahmen. — Ja, da» war ein herrlicher FreiheitSmoaat. der mir von damals noch im klopfe lebt. Und wie mein Melamed') all' da« lustige Leben um sich gewahrte, da erfaßte auch ihn eia Wandertrieb, und er machte einen Knoten im Talmud, griff nach Spodi?) und Stecken und zog hinau» in die Häuser uud iu die Hütten, um für da» neue Schulsemester neue Talmidim anzuwerben, ltz.vergaß aber auch nicht von seiner Zucht ein Mustermitzunehmen, natürlich da» beste, wa» er bei sich j*) Ser jütische Sehen >) Eine «tt Pelzmütze. nämlich den besten sein« Slugu. Uad m» hü» Htm» vvrhnudr« ist, in welche« ei» herumtnaunelt, dort zieht e «in mit sei»» , und beginnt eifrig zu werten. Man Hütte diesem Männlein mit de« Doppelhöckrr. de« rp'tzbärtchen, und dem bleichen, kr» nkhasten Gesichte nie so viel Beredungükrast zugetraut, wie er sie bei seiner Werbung entwickelte. Mit erstaunlicher Zungenfertigkeit zählte er all« sei« Vorzüge auf — er sei gottlob rin .Murcche") in stimm Fache, er habe eine eigne Unterrichtsmethode, ein Klotz müffe bei ihm prositirrn, er verstehe es gut mi: Kindern umzugehen, habe eine eigene Art, wie der Fleiß in dem Kinde zu wecken sei, seinem üheder entstauunen auch gottlob schon viele große .Lomdim")» mit welchen er sich gewiß nicht z« schämen Hab«; e« mangele ihn» auch, Gott sei Lob uud Prri«, nicht an Talmidim'), ja, er tot bc geradezu von allen Seiten zerrissen, denn wer kennt nicht Götzele Melamed? Aber ihm sei e» Hauptsache, gute, geschliffene .Küpstlich* hineinzubekommen, au« welchen sich wa« machen läßt. Da habe er beispielsweise ein .Züngele' n it sich, weit noch nicht da» beste — und schon schlägt er den Talmud auf, au« dem da» Jüngelr laut den .Schiur") zu krähen anfänät. Ganz etwa» Musterähnliche», beth, uert der Melamed, nachdem sein Jüngrle die Probe besta tden, ganz etwa» Musterähnliche« werde er auch au« die ein Kinde machen, ja, noch viel mehr, denn, wie er gehört, soll diese» Kind ein gute», glänzende» Küpsele auf sich i ragen. Und schon lockt er da« Kind zu sich hin, kneift ihm einschmeichelnd die Wange und stagt ihn so nebenbei au» wa» er denn bi» jetzt gelernt habe. .Kein böse« Aug'!' sagte er draus «it glatter Zunge, .ein brillante« Köpfte!' Aber so ein Brillant müsst erst den rechten Schliff bekommen, und er. Gott sei Lod und Brei«, verstehe c» an Besten, wie solche Brillanten zu schleifen! So lockt und schmeichelt er, bi» der Vater, geblendet, von so viel Vorspiegelungen, ihm sein Kind in die Schule gibt. — Und weiter zieht darauf da» kl:ine höckerige Männlein mit seinem MustetPrvbchen, um reue kleine Rekruten anzuwerbrn. * Während unser Melamed seinen stundgang durch die Stadt fortsetzt, erinnert sich dir gute siebbizen daran, daß auch sie die Hände in den Schooß nicht legen darf, den« schon steht ja da« schöne Peßachfrst vor der Thür«, vor allem heißt e» austäumrn mit dekc alten Hau-plagen, die in den Wänden, in den Ritzen und i t den Sparren der Betten sich festgenistet haben. — Diese widerwärtigen Feinde müssen "ein für allemal bekämpft werde». Die gute Reobezin legte ihre alte Rüstung an. Mit euer Papiermütze aus dem Köpft, über die Kleider eine weitsaltige Kattunschütze, in der einen Hand «ine riesige Kehr bürste, in der »weiten ein Besen mit einem nasstn Fetzen rnd «in Kiebel Wasser neben sich, so steht sie, «ine zweite Jecnne d'Arc, mitten im Zimmer, und spähet recht» und link» nach einem geeignete» Punkte au», wo den Feind anzugreiien. Bevor der Feldzug jedoch beginnt, drängt sie un» alle zu einem Haufen zusammen und schiebt un» mit eia,r gutmüthig lachenden Miene zur Thürr hinau», um freien Raum zu gewinnen, wa« wir jedoch nur mit Widerstreben geschehen ließe», denn die gute Rebbezin sah so ergötz ich au», daß wir gern in ihrer Nähe diesmal verweilt hatten. Aber auch im Hofraum fehlt et nicht an heiter« Zeritreuungen. Bor allem war e» die junge FrühlinaSsoune, oie un« mit ihrem frischen Lichte e nen vergnügliche« Anblick bot. Die kleinen verkrusteten Schneeberge, die letzte» Schutzwälle; unter welchen der Witter sich zu verschanze» suchte, uoterminirte die Frühliugcho»« fo lauge mtt ihren milden Strahlen, bi» sie m Trümmer zusammeasintea. Hier und dort zeigt sich «in Büsckielchen frischen Grases» «j «M^Ptrtster. *) «elehner. •) »Mer. •) Sie gehlen.

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