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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 11 (1891) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
11 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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heul in die Krone ihn gestern flftOaL Ich wundre mich selbst, wa» gefahren. Er ist launisch mitunter grollt er mir noch von anno dazumal her, al» ich noch ein junge» Mädchen war und chm manche mir zugedachtr gute Partie verdarb." Der Hufall wollte, daß der Schmollende doch jetzt dem Kantorhaus« nähergetreten uud mit seinen scharfen, stet» auf der Wacht auslauernden Ohren Frau Lea» letzte Worte recht deutlich vernommen hatte. .Pschah!" sagte er und machte eine Bewegung, die ganz und gar nicht in Meierberühmtem Buche: .Die Kunst, den Damen in gefallen, oder der Gentleman wie er sein soll", vorgesehen, er spukte nämlich höchst despectirlich au». „Pschah!" wiederholte er, .waS hobt Ihr ausgenommen für eine Partie mit Eurer großen Schönheit und Klugheit? Spaß, da» kleine Kantorchen, da» Tuch Nicht» wie lauter Mädchen.* Schallende» Gelächter ringsum, selbst Frau Lea lachte mit, obwohl sie doch alle Ursache hatte, wegen dieser vernichtenden Kritik über den Vater ihrer Kinder recht ungehalten zu sein. Aber wer wird bei jedem Spaß Empfindlichkeit zeigen. Frau Lea war sogar nicht abgeneigt, ihren alten Gegner zu versöhnen. .Und me,nen Sohn rechnet Ihr gar nicht", fragte sie, .meine« Doktor, he? Laßt'» gut sein. Red Lödel, an der Heirath meine» Sohne» werdet Ihr'» verdienen, wa» Ihr an mir einst Schaden gehabt habt." .Spaß! e» ist viel Broche an Eurem Sohn", brummte der Schneider. .Wa» sprecht Ihr da?" fragte Frau Lea und runzelt« die Stirn. .Ihr seid ein noch drei närrischerer Mann, al» Ihr Euch gewöhnlich zeigt. Und ich ratb« Euch, erinnert Euch der Mahnung des Weisen, die wahrlich auf unnütze Schwätzer wie Ihr gemünzt scheint: Bei meleu Worten unterbleiben Fehler nicht, wer seine Lippen zügelt, handelt klug." E» war nicht erfreulich, den Schneider nach dieser Zurechtweisung anzuschauen, sein« Freunde fürchteten sogar, nn Schlagaafall werde dem Schwergekränkten auf der Stelle den Garaus bereiten. Denn fein Gesicht hatte sich noch gefärbt, al» da» Pupurwollentuch, da» seinen Hak» illlte und die Augen traten ihm vor. alwollten sie jä^ings ihren Höhlen entfallen. Der Zorn reckte und streckte da» Männlein, daß e» schier größer erschien und mit drohender Stimme sprach er kampfe-muthig zu seiner Gegnerin: .Ich könnte Euch ein« Antwort geben, Frau Lea, eidr Antwort, daß Ihr Euch auf beide Augen lege» würdet und weinen, aber Ihr dauert mich zu sehr, e» erbarmt mich, weil auch ich. de» Weisen gedenke, der dereinst gesprochen: Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ei« thürichter Sohn ist da» Herzeleid der Mutter." Frau Lea's Körper überflog ein Frösteln, jene» unheimliche Gefühl, da» der Bolk-mund schaurig genug deutet: der Tod laufe einem über da» Grab. Aber mit der Wißbegierde, welche ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen strebt, «ahm sie sich zusammen uud sprach heherzt: .ES heißt zwar: schwach ist das Gleichniß im Munde der Thoren, und Eure» Mitleid», so Gott will, bedarf ich nicht, aber ich merke schon, Ihr habt mir eine unuehme Nachricht zu Überbringer». So seid denn vielmals i uwd tretet mit mir in» Hau», denn die Angelegenmeiner Familie sind n«H die Angelegenheiten der ileindc." Sie schritt voran und Lübel folgt« ihr hinterdrein — schnell entschlossen verstellte Hanna Goldmann den Eingang der Thür mit ihrer vollen, stattlichen Person, sie kannte vortrefflich die Neugier ihrer Kronstädter Mtbürger, denen wie den Leuten in Paris und London und auch ander-wo ein bischen Sensation und Stadtskandal ein willkommenes Vergnügen gewährte. Im Hausflur sprach Löbel mit fliegendem Athem: .Euer Sohn ist ein Taugenichts, der weiß, wie angenehm heimliche» Brod uud gestohlene Wasser schmeck». Ich Hab' 'mit «»er tail qeht llarea, ein Lache« geht einem an, die hat er von theker - Mamsel, die ganze Stadt moouirt sich überbeiden. Ihr wißt'» ja auch, wie bei den Mucha'» der Apfel nicht weit vom Stamme fällt, und wenn 3br'» zulasset, wenn' Euer Sohn mit dem vorlieb nehmen will, wa» der lauge, Leuteschinder, der Baron von Dalwig nicht mehr mochte —" .Ihr lügt", rief Frau Lea zitternd. .So wahr soll mein Baterleben gesund sein!" Da wußtt Frau Lea, daß der Mann di« Wahrheit gesprochen und fragt« nicht» mehr, aber den Schneider überkam eiue fürchterliche Angst vor der plötzlich so stillen Frau und er lief davon, al» habe er selbst etwa» Böse» gethan. Sorgenschwer geleitete Hanna ihr« Mutter hinaus in, die bescheidene Wohnung. In der Hinterstube, der einzigen»^' welche erleuchtet war, saß der Kantor und unterrichtet« snne beiden mittleren Töchter. Kaum, daß seine Arau den Fußüber di« Schwelle gefetzt hatte, rief er sie an: .Gut, daß Du kommst, Mutter, mir ist recht schwer um» Her^ man hvtt auch gar so lange Nicht» von unser« Jungen!" .Willst Du nicht di« Lichter anstecken?" mahnte Frau Lea sanft. Der Kantor gehorchte ein wenig beschämt, doch der frierliche Aktu», an welchem sich sonst di« ganze Familie i» andachtsvoller Lust betheiligtr, ging an diesem Abend ohne Fröhlichkeit vorüber. De» Kantor» Sttmme klang matt und so sehr sie sich selbst auch darum zürnte, auch in Lea'» Seele fand heute da» Helle Fest keinen Wiederschein. Wir der Kantor da» brennende Kerzenstümpfchen welches er während der ganzen Zeit seines Gesänge» i» Händen gehalten, verlöschte, seufzte er tief und sagt«: .E» geht etwa» vor mtt dem Jungen." »Ich werde heute Nacht hinüber fahren", sprach Fra« Lea ruhig „ „Nun gar, wirst Du Dir die Nacht verstöreu und m» willst Du so schnell eine Gelegenheit finden?" äußerte der Kantor besorgt. .Der Bauernfritz au» Hernowitz ist hier, der fährt heut Nacht nach Kronstadt", rief Hanna, .der hat der Mutter die Fuhre angebottn." ' Letztere» war eigentlich «in« kleine . Unwahrheit, aber da» kluge Mädchen wußte recht gut, e» koste sie nur wenige gute Worte an den ehemaligen Bursche« de» Sekretär«, ihn zu diesem Anerbieten zu bewegen. Fritz, der seinem frühere» Feldwebel auf %tk und -i Leben archiug und mit der feinen Diplomatie der Untergebenen recht wohl di« Beziehungen ahnte, welche zwischen seinem früheren Herrn und Hanna hätten sein könne«, war -schnell bereit, ihre Mutter mitzunehmen und so fuhr Lea einige Stunden nach Mitternacht nach Trrbanobrtz zu ihrem Sohne, mtt vollster Bewilligung ihre» Gatten, einen anderen Willen al» den seiner Frau kannte der Kontor überhaupt^ nicht, überdieß hatten ihm »och Frau und Tochter alle - lichen Gründe zu dieser Reise vorgestellt, nur nicht biel wahre Ursache, denn der Kantor hätte den Schneid« viel lieber gespießt, ehe er ihm ein Wort zum Rachtheil^ seine» angebeteten Goldjungen geglaubt hätte. Siebentes Kapitel. Han» war nicht wenig erstaunt, al» er am andern'^ Tage in der achten Morgenstund« sich anschickte, um in d«»fl Dienst zu gehen, Herrn Ezechiels Kutsche vor der Thür de»' Echmidt'schen Hotel garni halte« fand. Er erkannte die! Insassin sofort und nß eifng den Schlag auf: .Frau Goldmann, wa» führt Stt hierher?" .Ich komme nach meinem Jungen seh'n." Aber statt ihr beim Aussteigen behilflich zu sein, wie Lea erwartet«, stand Han» vor ihr rathlo», verlegen uabj stotterte: .Sie wissen nicht? Max wohnt nicht mehr bei er logirt seit Wochen in der Apotheke." .In der

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