Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 8 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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in narr mtemmt, so wiegte sich.ta» c^nlidan Haltung voll Drollerie und Trotz. Der Lollmmü warf sein weiße», gleißende» Licht über die kleine Mädchenfigur und beschien tage»hell ein runde», weiche» Kindergesicht mit schönen dunklen Räthselaugen. Der große Mund entsprach keineswegs der beleidigenden Annahme de» Doktor», dieser Mund war klein und die Lippen würzig roth, wie frische Walderdbeeren. „Aber unser neuer Miethcr", neckte Frieda, nebenbei die WirthStochter de» Hause», .der neue Doktor, gelt, der möchte Dir paffen?" „Bah", machte Lotte und warf ihren hübschen Schwarz, topf verächtlich zurück, .wa» kann au» Kronstadt gute» kommen?" Da riß der Sekretär da« Fenster auf und dröhnte mit der ganzen Gewalt seine» Basst» in die stille Nackt hinau»: „Sieh doch, Doktor, bei un» in Kronstadt gehen die Gänse» lein barfuß, aber in Trebanobitz haben sie wirtlich Schube an." Ein Aufschrei in allen Tonlagen, kreischend, lachend stoben die jungen Mädchen auseinander, und damit fand die interessante Unterhaltung eia Ende — und dir» Kapitel auch. Dritte» Kapitel. «rtiitUiifito* Der Doktor stand vor dem Spiegel und mustert« seinen äußeren Menschen. Ganz verliest in diese beschauliche Be» schäftigung hatte er ein mehrmalige» Klopsen an der Thür seine» bescheidenen Ankleidezimmer» völlig überhört, bi» Auf» und Zuschlägen, wie sehr starke Schritte, ihm die Anwesenheit seine» Freundes, de» Sekretär» Scholz, bemerkbar machten. „Schon wieder erste Garnitur, Leibrock und Eylinder- Hut?" fragte Han». „Ist die Zahl Deiner Antrittsvisiten noch immer nicht erfüllt? Wenn Du hier Deine Rundgänge weiter so raditaliter betreiben willst, wirst Du bald nicht umhin können auch dem Nachtwächter und dem Gericht«» Vollzieher Deine Aufwartung zu machen." „Glaubst Du, ick wäre de» ewigen Svießruthenlaufen» »icht auch längst satt?" entgegnet« der Doktor unwirrsch. „Gieb mal di« Liste her", befahl Han», ohne sich durch de» Doktor« schroffen Ton verletzt zu zeigen. Han» war wirklich ein seelensguter Kerl, die Rolle de» beleidigten Freunde» fehlte ganz in seinem Repertoir. Max reichte ihm «iu Notizbuch auf da» Sopha, welche» schmale, kleine Mövel der Sekrrtair bereit« vollständig mit seinem gewaltigen Lorpu» bedeckte. Han» la»: „Nummer Ein», der Tyrann von Mottenburg, will sagen, der Herr Oberbürgermeister." „Erledigt. Der Herr ObrrÜtrgermeister geruhte in höchst eigener Person mich au empfangen." .Welch unschätzbare Ehre!" „Ein Vergnügen war'» nicht." „Vergnügen girbt e» in unserer guten Stadt Trebanobitz überhaupt kein»", erklärte der philosophische Han»." — Weiter di« beiden Stadttäthe, der Herr Lollege?" .Auch die Mordthat ist geschehen", nickte der Doktor. „Der Herr Sanität»rath waren äußerst liebenswürdig." „Bon. Numero Drei, der Herr Amtsrichter Seligsohn." „Ich hatte den Vorzug", sprach Max, indem er über seinen glänzend schwarzen odaxöan baute formt sorgsam hinwegstrich. „Ah! und wie nahm er Dich auf?" examinirte Han«. „Wir sich'» gehört. Er ,st ein leidlicher Mann. Vielleicht ein viöchen linkisch und verlegen, kurz, eine passive Natur." „Und die Madamm?" Han» sprach mitunter sehr un» orthographisch. Der Doktor hatte den Hut auf den Tisch gestellt und hob jetzt beide Hände hoch empor wie'zur Abwehr. „Der aute Amtsrichter. Der Himmel segne ihn dafür, daß er die Frau genommen. L» konnte schlimmer ablaufen für andere Leute." Fra« Amtsrichter Person."' „Jawohl, eine rechte SountagSnachmittag-Schönbeit. Aber die ganze Woche lang wie eine alte HauSgluckr schlürfend und nachlässig angezogen und immer keifend, wie die leibhaftige Cousine von Teufel» Großmama. Während meiner fünfminütlichen Anwesenheit nahm sie nur Dreimal Anlaß ihren Gatten auSzuzanken. Zugleich vertraute sie mir in aller Schnelligkeit ihre tiefste Verachtung der hiesige» KaufmannSfrauen, die keine ihrem Mann auch nicht die Hälfte eine» so respektablen Vermögen» gleich dem ihrigen zugebrachh. di« aber viel, viel größere Ansprüche erhoben, al» sie selbst sie die Frau Amtsrichter, dir einzige Tochter de» großen Banquier» Löwenstein au« Posen. Und da» Dienstmädchen, welche» mir öffnete, hatte rothgeweinte Augen, br!" „Höre Max, für die acht Tage Deine» Hiersein» hast Du schon recht eingehende Studien an den Einwohnern diese« Lande» gemacht.. Ferner die drei Seelsorger dieser geliebten Gemeinde?" „Drei? Wieso drei? Ich habe pflichtschuldigst de« Herrn Pfarrer und dem Herrn Pastor meine Visiten abgestattet." „Und dem Rabbiner Jacob?" Max schwieg. „Schäme Dich", schalt Han». .So seid Ihr nun, Ihr Juden. Ihr selbst wisset einander nicht zu ehren, aber von derübrigen Menschheit fordert Ihr unbedingt« Hochachtung für Euch." „ES genirt mich, dort zu verkehren. Da» naseweise, geldstolze Ding, die Lotte, möchte wohl glauben, ich komme wohl ihretwegen." „Unsinn. Wenn Du fort bleibst, wird Dir der alte Mann grollen und da» mit Recht. Ueberdie» ist er von Deiner Verwandtschaft." „Schon gut, schon gut", sprach Max ein wenig gereizt „ich werde heute noch mein Bersäumniß nachholen." „Heut? Am Freitag? Mensch, Du hast doch gar keine Lebensart. Morgen Nachmittag wirst Du dort vorspreche». Wenn Dich da» beruhigen kann — um dies« Zeit pflegt Fräulein Lotte Jacob da» Hau» ihre» Großvater» behufs Lustwandeln» zu verlassen." „Bravo!" Der Doktor griff vorsichtig nach dem Lylinder. „Hat ein hohe» Obervormundschaftsgericht sonst noch eine Anordnung für mich?" „Wo gehst Du jetzt hin?" „Zum Apotheker." „Zum Apotheker", dehnte da» Obervormundschast-aericht.^ „Du gehst ziemlich häufig nach der Apotheke. AußerhM^ triffst Du heute Abend den guten Mann ganz bequem in der Kneipe, wozu sich die Umstände eine» Staatsbesuche»' da noch aufladen?" .«an», mit bäucht, eine Paraphronesi» oder, um Dir verständlicher zu reden, der schönste Raptus vulgari» sei bet Dir im Anzüge. Dec Apotheker ist für mich" der wichtigste und einflußreichst« Mann am Orte. Wie bei alle» j andern Honorationen hier, bin ich auch vervflichtet, mich seiner^ Familie vorzustellen Du» unterlassen, hieße de» Man» beleidige«, hieße mich mit Gewalt zu Schaden bringe». Ergo! Weißt Du irgend einen vernünftige» Grund anz»- führen, au» welchem mir da» Recht entspringt, mich just - dieser Visite zu enthalten?" „Ja, ich habe einen solchen Grund", rief Han». .Nun?" „Je »un, ich kann «» nicht so recht auSdrücken." „Folglich ist er unvernünftig. Du hast Kopfweh, i Ich empfehle Dir Ruhe und dunkle Zimmer. Auf W se^n!" „Grobian!" murmelte der Sekretär. „Nur zwei noch hätte ich ihn Hinhalten möge». Morgen sollte Mo wieder auf da» Vorwerk zurück, verdammt — .■fl wenn