Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 6 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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rffli .1'‘rtlfcA.'ti ___tftnc hinblicktt, btfltgwrtt «S HochzeitSzügen, die so wirr von allen Seiten herverstrümten, daß sie oft in «in« Maffe zusammenschmolzen und kaum mehr von einander zu unterscheiden waren. In der "Synagoge arbeitete der Trauungshimmel, der von früh morgen» bis spät in die Rächt aufgespannt war, wie die Guillotine zur Zeit der Revolution, da sie Exekution nach Exekution vollzog -und jede paar Minuten zwei neue Opfer verschlang. .Zu vielen Eeremonien hatte heute der Rabbiner, der die Trauungen vornahm, nur wenig Zeit. Alles ging mit schwindliger Raschheit, gleichsam mit Expreßzug. Auch beachtete man heute wenig die S»tte, nach der der Bräutigam mit seinen Unterführern unter dem Trauhimmel die Braut «»warten soll. Bunt bewegte sich Alles durcheinander, bald erwartete der Bräutigam die Braut, bald diese den Bräutigam, und allzu oft langten sic gleichzeitig unter dem Trauhimmel an. Wer hatte in dieser keuchenden Hast Zeit dazu, auf Sitte und Ordnung zu schauen? Hauptsache ist, daß man nur rasch über Bord gelange! Mit Feiwele, eines Flickschneiderleins Sohn, machte man schon gar rvenig Cecemonieu Als er mit seinen Unterführern anlangte, rückte ihm fast auf die Ferse auch die Braut mit ihren Unterführern nach, und schon standen - sie beide unter dem Trauhimmel, er im Raswulki und Littet und mit dem Streimrl auf dem Kopfe, daö sich ibm so tief über die Augen senkte, daß ihm kaum die Nasen- ' spitze hervorblickte, und sie nach alter Sitte tief verschleiert, daß von ihrem Gesichte gar nicht» zu sehen war. Dazu dunkelte es bereits in der Synagoge und die Wachssackeln, die einige der Gäste in den Hunden trugen, verbreiteten in dem dunllen Raum einen fahlen Schimmer, der die Gesichter . in Leichenblässe erschienen ließ; doch sie gaben Licht genug, daß die Exekution vorgenommen werden konnte. — Aber jy nur rasch vorwärts! Auf diese Trauung sollte die der Kinder der Reichsten und Vornehmsten der Stadt folgen und da muß es etwas feierlicher fein, darum gilt'« kerne h- Zeit zu verlieren. Schon »var der Becher mit Wein ge« 5? ' füllt, der Rabbiner verrichtet den SegenSspruch, schon diktirt rr die Eheformel, die Feiwele gewissenhaft wiederholte: »Du bist mir angetraut durch diesen Ring nach dem Gesetze Mose« und Israel'«!" Schon setzt Feiwele seiner Braut den . -Ehering auf; schonzerstampft er mit einer Energie, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, das Glas unter seinen Füßen und schon langte ihm der Rabbiner den zweiten ^Becher hin. damit er diesen antrinke. Aber in diesem “ Augenblick erstrahlten' aus einmal in der Synagoge mehrere Fackeln und alle Räume füllten sich mit einem neuen HochzeitSzug, aus dessen Mitte »virre Ruf« sich vernehmen ließen: »Wo ist denn unsere Braut?" und gleichzeitig stürmte ein hochgewachsener Mann bis zum Trauhimmel heran, wo er just in dem Augenblicke anlangte, als die Braut den Schleier zurückschlug, um vom Becher zu trinken, den ihr Feiwele hinlangte. Da entfuhr bei ihrem Anblicke de« bestürzten Vater — denn dieser war e« eben — der jäh« SchreckenSrus: »Meine Tochter! Weh geschrieen, meine Tochter »ourde einem fremden rbräutiaam angetraut!" Wie eine plötzlich« Lähmung erfaßte e« alle Nnwesenden. Der Braut mit dem zurückgrschlagenen Schleier, der das frischeste und blühendste Gesichtchen enthüllte, entsank das '-Ella«, da« zu ihren Füßen zersplitterte Feiwele ließ beide - Hände sinken und glotzte wie geistesabwesend vor sich hin, 'und dem Rabbiner erstarrte daS Wort auf dem Munde, »ährend all« Anwesenden »vie versteinert stehen blieben, ,ohue sich von der Stelle zu rühren Aber nach dem Augenblicke dieser lähmende« Bestürzung, gerieth wieder di« Masse, wie galoanisirl, i» Zuckung und Bewegung und da erschollen wieder »okrre Rufe von alle» Seiten, die den er» en Vater wieder zu sich brachten, der jetzt mit verlier Geberde vor den Rabbiner hintrat: .Rabbi, »vaS ist anzufangen? Meine Tochter da« Weib Der Rabbi fuhr sich einige Mal mit der Hand über die Stirn, und nach und nach seine Fassung gewinnend, nahm er wieder seine ernste Miene an und glättete sich würdevoll den langen, weißen Bart. »Schneiderjüngel I", wiederholte er ge nessen, »und Reb Abba, der große Weise des Talmud, wir er denn etwa« anderes als ein Schneider? Nun, wenn e e« war, so!ann es mehr keine Schande sein, den Sohn eines Schneider« al« Schwiegersohn zu haben!" Der Arme war von dieser Anlwo r ganz verblüfft, während der Rabbi mit feierlicher Slimm: fortfuhr: »So höret mich, Reb Ähren, vorest antworte mir: glaubt Ihr an den lebendigen Gott?" »Rabbi, wie kommt Ihr zu dieser Frage?" entsetzte sich der Angeredete, »welcher fromme Jude glaubt nicht an den lebendigen Gott?" .So müsset Ihr auch daran glaube t", fuhr der Rabbi feierlich fort, »daß Goit ein Lenker und L iter ist der menschlichen Geschicke, daß nichts in der Welt geschieht, ohne daß er es voraus bestimmt hätte." Alle Anwesenden verharrten in feierl cher Stille, während der Rabbi nach einer kleinen Pause weiter fortfuhr: »Vierzig Tage bevor das Kind gebaren wird, heißt e« bei unS im Talmud, ruft man laut im Himmel auS: »Di« Tochter von diesem und diesem sei best« nmt für diesen und diesen", und das hat man auch bei J>rer Tochter voraus verkündet. — Gott hat verschiedene Sjegc, seinen Willen durchzusetzen. Und dieser seltsame Zufall, was sich jetzt hier zugefügt, ist ein Fingerzeig Gottes, dcß es sein heiliger Wille ist, daß ihre Tochter diesem da zum Weide gehöre. Run, wollt Ihr, ein Mensch von Fl.'isch und Blut, den Willen Gottes Umstürzen?" Der Vater der Braut, ein frommer, gotteSfürchtiaer Jude, stand, während der Rabbi so zu ihm sprach, vor ihm mit gesenktem Haupte. »O-, wimmerte er, »meiner große, Sünden wegen hat mich Gott so hart gestraft!" .Gestraft?", wiederholte der Raabi in verweisende« Tone, »woher wisset Ihr es? Vielleicht ist es gerade rin große« Glück für Ihr Kind? Und so rr fe ich Euch Maseltow! zu und alle die hier anwesend sind und die fest an (Bott und seine Bestimmung glauben, bitte ch, sie mögen mit mir rinstimmen: Maseltow! Maseltow!" Da brach es, als der Rabbi geendet, wie au» einem Munde von. allen Ecken und Enden oer Synagoge hervor: »Maseltow! Maseltow!" während bie Musik mit eine« heitern »Marsch" mitten hinernfiel und beim Lichte der vielen Fackeln bewegte sich die Strnße entlang der lang« HochzeitSzug. dem die Eltern de« Brautpaares, da» Schneiderlein und sein Weib, wie toll vorantc nzten. So gerieth Feiwele ohne sein H nzuthun nur rein durch den launischen Zusall au« der tiefen Niederung der Armuty auf die sonnige Höhe des Glücke». Er war der Schwiegersohn eine« der reichsten und angesel ensten Manne» der Gemeind« und der Ehegemahl eine» reizenden Weibchen«, da« er, umgeben von den Hochzeitsgä >ten, fesigrfchmiegl a« Arme m da« Hau« ihrer Eltern, wo ihn jahrelange Kost und alle» Gute erwartete. * Einige Wochen später erschien Feiwele wieder bei un« im Eheder, völlig um gewandelt, in neuen Seidenkleidern, die ihm die Schwiegereltern inzunsö^n anfertigen ließen mit einer theuren Zobrlmüy« auf dem Haupte, und um «w» seine Schätze zeigen zu können, 'ragte er un« nach der Tagesstunde, wobei er gleichzeitig, , u unserer Ueberraschung, au« seiner Westentasche eine blratrrd« goldene Uhr hervorzog, die an einer schweren, goldenen Kette hing. »Und wie stryt« mit dem Hunger?" fragte ihm die Rabbezin svaßhaft, »bist Du noch iuuuer hungrig, Feiwele?" Feiwele brach in ei« laute« Fi eudengelächter au«.