Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 6 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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größerer Hast und Eilfertigkeit jogttt nicht die Jode« au» SMtrn, als die Kleinen beider!« Geschlechter in da» gelobte Land der Ehe. Mit meinem Schulkollegen Feiwele erging e» nicht anders. Zwar waren seine Eltern blutarme Leute, di« sich ganze Näcb.e die Augen aus dem Kopfe blind arbeiteten, um ein Stückchen Brod zu verdienen, aber sollten sie dadurch weniger für ihr Kind fühlen? Sollten sie weniger für seine Zukunft besorgt sein? Ueberall rettete man, und warum sollten auch sie nicht ihr Kind rechtzeitig mit einem Weibe versehen? Dazu war ja auch ihr Feiwele schon in den Jahren; fünfzehn Lebensjahre, das ist ja auch unter normalen Verhältnissen die rechte Zeit zum heirathen. Beim armen Schueidrrlein aber wollte sich zum Unglücke kein einziger Schadchen z«'gen. Man muß sich aber in der Roth selber zu behelfen wissen. Das war auch leicht gethan. In der Nachbarschaft wohnte rin anderes Schneiderlein, das wieder ein Töchterlein hatte, wa» braucht es Besseres? Der Anknüpfungspunkt war schnell gefunden: .Was sagen Sie zu der bösen Gesere?"') begann Feiwele's Vater zu seinem Nachbar mit einem tiefen Seufzer. »Gott hat uns schwer gestraft', gegcnseufzte dazweite Echneiderlein. „Und was fangen Sie mit ihrem Töchter! an?' rückte Fciwele's Vater vor. „Unb Sie mit ihrem Feiwele?' machte der Zweite einen weitern Schritt. .Er liegt mir wie ein Berg auf dem Kopfe', war die Antwort. ES entstand eine Pause, in der beide Schneiderlein unisono seufzten. Da machte Feiwele's Vater einen energischen Griff in seine Schnupftabacksdose aus der er auch seinem Nachbarn ein« Priese anbot, und nachdem beide mit tüchtigen Ladungen ihre .Schmeker' bepriestcn, ging Feiwele's Vater muthig auf die Sach« los. .Wiffen Sie, Reb Chajim, da habe ich rin« gute Idee'. .Nun, so laffen Sie nur hören", drängte der Zweite. .Einfach, ich Hab' rin Jüngel, Sie ein Mädel, machen wir aus ihnen ein Paar!' „B'nemoncs'), da haben Sie es ganz so wie ich gedacht — da» ist ein Siwug') — aber wovon werden die Kinder leben?' .Gehen Sie mir mit diesen Fragen!' grollte Feiwele's Vater. „Glauben Sie denn nicht an Gott? Wer hat unsere Ellern und Ureltern mit Brod versorgt?" .So ganz Unrecht haben Sie nicht, Reb Ähren, Gott hat Geld genug!' „Wären Sie also dabei?' .Und warum denn nicht?" .Und wann machen wir Hochzeit?" .Wer fragt heute .wann?' Natürlich noch heute?" »So sei es und mit Masel!"') „Maseltow! Maseltow!"*) Feiwele's Vater stürzte wie beseffen zu seiner Frau, um ihr mitzutheilen, daß Feiwele Lemasel') ein Choßen geworden ist und daß noch heute die Hochzeit gefeiert wird. Während die beiderseitigen Ätern ihn über seinen Kopf hinweg mit einer Frau versorgten, saß unser Kollege Feiwele im Cheder und erwartete voll Ungeduld seine Mutter, daß sie ihm wie gewöhnlich den Imbiß bringe, der in der Regel in einem trockenen Stück Brod bestand, und wenn Früchte billig waren, auch aus einem Apfel. Wirklich kam auch bald seine Mutter, aber den Imbiß brachte sie ihm diesmal nicht. »Feiwele, mein Leben, Du wirst heute vor . Abend nicht» effen", «öffnete sie ihm die trostreiche Aussicht. *) verhänanid. 5 t Ehr« ') Mi» •) Bestimmung. •) Biel «lück. •) Zu •(«*! __ _ »mte da« ihm die Hellen Thräne« in den Augen. „Mutter, ich bin hungrig!" rief er mit weinerl« Stimme. .Geh', Kind', beruhigte sie ihn, „von einen Tag faste« stirbt man nicht." »Aber ich bin hungrig', versetzt« Feiwele „und Heute s ist nicht Jomkippur, daß ich faste» soll'. „Wer weitz", erwiderte ihm die Mutter mit einear^ vielsagenden Achselzucken, „vielleicht für Dich noch mehr als Jomkippur! Und mit dieser räthselhaften Antwort verließ sie das hungrige Feiwele und eilte geschäftig die Straße hinunter^ Wir alle im Cheder fanden nicht weniger» als er, die Worte seiner Mutter räthselhast. Warum soll für ihn der heutige Tag mehr als Jomlippnr sein? Nur di« Rebbüin,*) , die heute mit uns allein im Eheder war, denn ihr Mann lief in den Gassen berum und vermittelte Partbien — sch-e»^ diese Worte nicht »nißverstandrn zu haben. Sie vertröstete sowohl Feiwele wie unmit den Worten: „Ihr werdet schon heute alle erfahren, waS mit Feiwele geschehen wird", 'j Wir waren alle voller Spannung. Noch zerbrachen wir un« darüber den Kopf, da kam.£ da» Schneiderlein, Feiwele's Vater, eilig und ganz roth vor Aufregung ins Cheder gestürzt. »Wo ist Feinule?' „Da bin ich', rannte Feiwele ihin entgegen, „hast Du mir was zu essen gebracht. Vater, ich bin hungrig!" .Dem liegt noch solch« Dunimheit im Kopfe!' grollte / der Vater. .Komm nur schnell mit mir!' Und hastig, ohne uur weiter rin Wort zu sagen, faßte , ’ er sein Feiwele bei der Hand, setzte ihm den Hut aus, half ihm in die Pekische hinein und cotführte ihn, schnell wie der Wind, dem Cheder. DaS Erscheinen seines Vaters und dir Hast, mft der er chu dem Cheder entführte, lam un« noch räthsrlbaft« vor; aber noch breiter zeigte sich da» Schmunzeln auf bcniJ** Munde der Rebbezin, die uns unter Lachen zurief: „Run,' mit Feiwele sind wir fertig!" Wa« sie damit meinte, verstand kein einziger von unS; aber noch an demselben Abend erfuhren wir Alles. Da kam einer unserer Kollegen ganz erregt in« Cheder gerannt und rief uns schon bei der Thüre zu: »Wollt« Ihr etwas Schöne« sehen, so kommtsl" Im Cheder herrschte seit einem Monate völlige Anarchie/ denn unser absoluter Herrscher, der Melamcd, überließ uns' seit einiger Zeit ganz unserm Willen, und da liefe» wir hinter s »nserm Kollegen, wie eine wildausgelvste Herd« über d»e Straße hin, bis zu einem kleinen Häuschen mit niedrige»,^ versunkenen Fenstern, wo wir mit unserm Anführer Halt": machten. Da bot sich uns ein Anblick, der uns in dem ersten Augenblick ganz starr machte. Umgeben von vielen alten : Leuten, alle in ihren Sabbathkleidern, thronte unser Feiwele; an der Spitze der Tafel, gar putzig ausstaffirt: schwimmend in einer AtlasraSwulki*). dir einem ganzen Dutzend solcher; kleinen Feiwelich bequem al» Hinterhalt dienen könnte, und über, diesem ein weißer Leinwandkittrl mit einem breiten Silber»^ kragen, während eine Eabbathmütze mft 12 abgegriffene»^ Zobelschwänzen sich ihm tief über den Kopf senkte, daß nun ' von ihm nur di« Nasenspitze hervorsah. Feiwele hatte noch-! immer jenen weinerlichen Zug um den Mund, wie wenask er soeben wieder ausgerufrn hätte: .Mutter, ich bin huugrtgl^Z Würde aber Feiwele rS nur geahnt haben, günssige Wendung sein Geschick auf einmal nehmen werde/ er hätte gewiß nutzt eine so saurrtäppische Miene ge Feiwele näallich war lauge nicht der einzige, der Hals und Bein sich heute verheirathe» mnßw, vielr wimmelte die Stadt von lauter solchen Brautleuten., *) ItatttMita. *) «iac «rt