Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 5 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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iSttft 43' * sich nicht verfärbt» über die Schwach, »an ihm anthut. Hebel hat'« «och erlebt «»d lange überlebt, daß der A»denzoll - wir können ti kaum glauben, daß er je bestand — abgeschafft wurde; er hat aber in der Stund«, da ^-er selbst sür einen Juden gehalten worden war, da» ganze tiefe Weh kennen gelernt, da« den Juden in der bürgerlichen -Welt beschieden war. Der Leibzoll war abgeschaffk, aber der GeisteSzoll bestand und besteht in vielen Kreisen noch. -Der Jude, nicht vorurtheilSlo« betrachtet, soll bei jeder neuen -Begegnung, in jeder neuen Lebenslage sich documentirc». daß er ein gerader, ehrlicher. Menschen- und Vaterland«, liebender Mensch sei. -Hebel schloß sich mit besonderer Zu- Neigung den Juden an und lernte ihre Innigkeit, Dankbarkeit «ad Herzen-güte immer neu kennen. Daß e< viele gab, die von einem Schachergeist umhergetrieben wurden, störte ihn nicht; e« giebt solche in allerlei Eonfcssionen unter allerlei Formen. Hebel erzühltr gern gesprächlich und in seinem Aalender allerlei Witzwortc und Schwänke von und »st Juden, und er war einer der eifrigsten, der in Aussützen. wie det über Mose« Mendelssohn und über da« Sianhrdrin von Pari« und viele ander« dazu beitrug, seine Mitchristen über di« Juden auszullüreu und ihnen zu zeigen,?daß da« erst die echte Lieb« ist, die man Mensche» erweist, die andere Denk- und Glaubrnssormen haben, wenn sie nur in ihrer Weise da« Rechtschaffene »ollen. Wenn nur Jeder, der noch ein Borurtheil gegen Juden liegt — und e« haben Unzählige ein Borurtheil. ohne e« sich eingestehen zu wollen — wenn nur Jeder nur einmal -einen Tag, eine Stunde für einen Juden gehalten worden wäre; er würde sein Borurtheil oblegen und e« in Gerechtigkeit und Liebe verwandeln. Der Leser, der gerne wissen möchte, woher diese Geschichte genommen ist, sehe: Hebel'« Werke, Ausgabe 184», Band I., Seite 1l3. Dort steht'«. Ssphie 8ü»zt«rg, Me schS«e dftMu. Ol» Opfer »« Xt|ttU»a«.*) Sophie GünSburg, die junge Russin, welche im November 1890 in Petersburg zum Tode durch den Strang verurtheilt wurde und für deren Leben die Russen der Dereinigten Staaten und ganz Europa'« sich verwendeten, war eine Jungfrau von seltener Schönheit, scharfem Perstande, .»biegener Bildung, unbändigem Ehrgeiz und erstaunlichem Enthusiasmus. Durch ihre verlockende Schönheit zog sie Anbeter zu Tausenden heran, welche sich bemüheten, ihr ihre Mauten, ihre Titel und ihr Bermögen zu weihen; sie aber schlug all« au«, um ungestört für ihr Ideal, al« Aufkläruog»- Misstonktrin unter den armen Russen wirken zu können. Bor 21 Jahren hatte sie in einem Dorse Südrußland« da« Licht der Welt erblickt. Ihr Baker war ein ansehnlicher und «bildetet: Grundbesitzer, der sich einer geachteten Stellung »u erfreuen hatte. Den ersten Unterricht erhielt sie in der Schule ihre« Dorse« und im Alter von 17 Jahren bestand sie ihre Reifevrüfung an der höheren Schule einer benachbarten Stadt. A» dieser Zeit war sie ziemlich zart, aber gut entwickelt und von mittlerer Grüße. Dennoch «xuhte sie durch ihr wallende« blonde« Haar, ihre blonden Augen, ihre« leuhtgerütheten, außergewöhnlich zarten Teint, wie durch ihren elastischen Gang einen ungemein vornehmen Eindruck. In der Stadt, i« welcher sie studirte, hieß sie di« „Schöne" und im Elternhause standen ihr alle Mittel zu Gebote, den einstwen Mann ganz nach Belieben sich wählen zu können. Sie wallte sich jedach dem St»dium widmen und wenn «»glich Aerztin werden. Zchre ungewöhnliche Belefeicheit beute ihren Batrr denn auch, sie Medizin ftudiren zu welchem Studium sich auch ihre zwei Schwestern in . etmem, »■ c. t» b. < lat. Sie hatten schon all Boebrreitnnaech zu ihrer Anreise gekruffnt, al« mit einem Mal t die Universität weiblichen Studirenden die Zulassung versag e. Doch konnte diese« ihren Entschluß zu studiren nicht tschüttrrn. Sie hatte sich sofort entschlossen, in'« Ausland zt gehen und sich dort da« Wiffen anzueign-n, welche« ihr Geburtsland ihr versagte. Sie begab sich daher 1886 nach iüern, um dort ihre medizinischen Studien zu bettcibcn un) sich mit de« Eivilrecht vertraut zu machen. Die russischen Freunde, mst denen sie dort verkehrte, waren radical, eilige sogar waren Revolutionäre. Diese machten sie mit ihren Plänen und Bestrebungen bekannt, suchten ihr .Herz dt ich Erzähl»« von den Leiden der Armen und Bedrückten, sowie von russ Zuständen, dir ihr bi« dahin noch unbekannt geblieben waren, zu rühren, bi» sie schließlich ihre Gedankt» von sich und ihrer Earriäre ab- und auf das unglückliche 100s der russischen Massen hinübcrgelenkt hatte. Sie gab de» Ehrgeiz ihre» Leben« auf, kehrte nach Rußland zurück, erwarb sich ein Lehrerinncnzeug.tiß, um Heranwachsende Russen im ihre» Pflichten gegen sich und den Staat unterrichte» zu dürfe«. Die Polizcibehtrden hatten aber schon meirere Monate vor ihrer Heimkehr von ihrer radikalen tycsirnung gehört und begannen, ihr auf jedem ihrer Schritte Hindernisse in den Weg zu legen. Sie wandert« nun von Ort zu Ort, um der Polizei sich zu. entziehe». Es war vcrgtbens. Sie wurde auf;edem Schritte beobachtet, in chrcm W rken gehemmt und mst Arrest bedroht. Der geringe Erfolg, tvelchen ihr Werk aufzuweisen hatte, raubte ihr endlich den Muth und sie faßte den Entschluß, wieder in'« Ausland zu ge»cn. Al« ihr die Regierung zu diese,» Zwecke einen Paß verweigerte, wandte sie sich dieserhalb ur> Unterstützung au ihre radikalen Freunde und diesen gelang eS, sic in finstrer Rächt über die Westgrenzc schmuggeln zu können. Sie estle nun durch Deutschland nach Frankreich un ) von da nach der Schweiz. Ihre bitteren (Erfahrungen ha tcn ihre polittschen Ideen umgewandelt; sie wurde Nihilistin, ohne jedoch den nihstistischen Glauben und die Wirkung einer gewaltsamen Revolution zu theilen. Dieser Riß in der vollkommenen Anerkennung auch des höchsten Grades des politische» Radikalismn« wurde von Wilhelm Liebknecht, dem Führer der Sozialdemokraten in Deutschland, wieder geheilt. Rach mehreren Unterredungen mit demselben über die politischen Bewegungen, westhe den Eontinent erschüttern, fragte sie ih«. ob er be, polittschen Ereignisien den G-.brauch der Gewalt anrathen könne? ,Jn Deutschland und ähnlichen Ländern, wo eine unblutige Revolution möglich ist nicht", antwortete dieser: »in Rußland, wo Alle« so schwarz ist, ist sic die einzige Hoffnung." Früh im Jahre 1880 kehrte sie hiertuf mit einer Masse revolutionärer Schriften, welchc sic in ihren Kleidern und ihrem Gepäck verborgen hielt, nach Rußland zurück. Sic that diese«, weil sie glaubte, das Aeuherfte wagen zu müssen, um ihre Ueverzeugungen zur Geltung z:t bringen und west sie in einem fremden Lande immttfor: nur Scharmützlrr bleiben müsse, ohne e« je zum Fechter zu bringen. Mst einem englischen Paß versehen, reiste sie nun über Eonstanttnopel nach Petersburg, um aus diest Weise die russische Polizei zu täuschen. Um durch ihre Religion ihrer Sache nicht zu schaden, entsagte sie dem jüdisch:« Glauben und bekannte sich zur orchodoxen griechisch-katholischen Ikirche. Die« war aber noch nicht« oder doch nur we.rig im Vergleich zu den größer» Opfern, die sie noch zu t ringen beabsichtigte. Den« da r« ihr mit jedem Tage schwieriger wurde, ihre Mission zu verheimlichen und l», das ganze Werk, in welche« sie sich mst ihrer starLn Natur hineingelebt hatte, vor der Entdeckung j,u zittern begann, eilte sie aus die Polizei und bat, sie als Prostituirte einznschrriben. Doch sie blieb rein, konnte aber nur unter der Maske der Ehrloftckest, ich«« verdacht zu erwecken, für die Propaganda ihre« Werke« und die Organisation der revoluttonärrn Kräfte thütig sein. Al« Jüdin h***