Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 5 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Drr?-rzt zog die Achsel auf und verließ da» Zimmer, -» ei» Wort zu erwiedern. Diese» Schweigen war mehr als di« schrecklichste - »nvort. Die arme Mutter stieß ein laute» Wedgeheul au» und > , : mit brechenden Händn» wie eine Verwundete im Zimmer um. Endlich raffte sie sich zusammen und wischte sich die ^hränen aus den Augen. .Da gilt keine Zeit zu verlieren", rief sie sich voll utschloffenheit zu, .mein Lind, mein lheurr», mein einziges - ind darf mir nicht ohne Widde") aus der Welt gehen. - ch selber will mit ihr Widde sagen, pflegte ich ja immer _>r dem Schlafengehen mit ihr das Nachtgebet zu verrichten." Nach diesen Worten, die sie zu sich selber gesprochen, -ihm sie ihr breites Gebetbuch und trat vor ihr Goldele n, zu der sie sich so tief hinunterbeugtc, daß sie mit den 'ippen beinahe ihr Ohr berührte. .Goldele mein Krön, mein Herzkind', sagtt sie ihr, willst Du, daß ich mit Dir zu Gott bete, daß er Dir die Bünden vergebe." Goldele, die in den letzten Tagen wieder ihre Be- 'nnung erlangte, wußte was dies bedeutet, fühlte sie ja 'ich ihr junges Leben wie ein Licht n sich ausgrhen — sie icktc ihrer Mutter leise mit dem Kopse zu. Die Mutter setzte sich ihrem Linde zu Füßen und ■ftete mit schluchzender Stimme ihr das Bußgebet vor: .Verzeihe, vrrgieb mir, o Gott der Versöhnung Die Sünden, die ich begangen ohne zu wiffen." Goldele hauchte ihr jedes Wort nach, daß man nur aS leise Zinken ihrer Lippen sah. » * * O, Du keusches, sterbende- Goldele, bete nicht in dieser Stunde für Dich, denn Du bist lauttr und sündenrein wie da» Blau de» Himmels, da» kein Wölkchen noch berührt, aber bete wie ein fürsprechender Engel für Deine arme, verblendete Mutter: .Verzeihe, vergieb ihr, o Gott der Versöhnung Dir Sünden, die sie begangen ohne zu wiffen." <ti»c St«»ve ei» Ä«de Bon Berthold Auerbach. Es war im Jahre 1775, just in dem Jahre, als der allgemeine ReichSkaleuder zum ersten Mal erschien» da wanderte ein fröhlicher Student au» dem Thorr Erlangens heimwärts. Niemand ahnte und er selbst am wenigsten, daß der Student einst der trefflichste deutsche Lalcndermann werden sollte; denn eS war der junge evangelische Theologe P rer Hebel, der nach zweijährigem Aufenthalt auf der Universität Erlangen nun heimwärts zog, um wie man'» nennt in'» Philisterleben einzutrrten. Der Student, der mit dem Ränzcl auf dem Rücken und dem Danderstab« in der Hand dahin zog, hatte wohl manche» frische Liedlein und manchen lustigen Schwank im Kopfe; heute mochte es ih« aber nicht singe.ig und nicht spaßig zu Muthe sein, den» wer je die bunte Mütze trug (und auch Hebel hatte sie getragen, denn er hatte sich zu der Laud«mannschast der Mosellaner gehalten), wer je in glückseliger Jünglingözeit sich frei und frisch den Studien und dem Jugendübermuch d-ngab, der weiß was die Worte de» Liede» bedeuten: »Zur alten Heimath zieh ich ein, muß selber uun Philister sem." Ja, in eine« heimkehreuden Studenten streite» sich zwei Welte«, eine sorglos heitere und eine sorgenvoll ernste, «ad in manchem Manu« hört dieser Streit nie auf, uud da» hat auch fein Gute»; wer nicht einen unsterbliche« Studenten in sich hat, der hat kein frische» Herz. “'»j Widdqj, M ift ka» SlafcaMeiMtBife. - •'■Vj Drr lustür bald erust. sliäld fröhlicher Zeiten die Zukunft hinaus tränmend. .Halt JudI Zoll bezahlen!" wurde Hebel plötzlich au gerufen. Er stand vor dem Ihore von Seegriuge». d> damals Anspachischen Grenzorte. Hebel sah sich um ui dann wieder den Ruftnden an. Wem gilt da»? Wer damit gemeint? »Was stehst du so da. verdammter Jude! Weinst du, ' du kannst den Zoll betrügen?" so rief der einäuafge Zöllner j am Thor und ballte durch da» Fenster dir Must gegen ‘ Hebel, und der Hund sprang au» der Thür und bellt« ih« an; er wußte was sein Herr grruftn hatte und daß auch^? er ohne Scheu seinen Zorn au-laffen und wenn er will di»/' Kleider zerreißen darf. Jetzt erst merkte Hebel, daß der,^ Zuruf ihm gegolten hatte. Wie wenn im Walde ein Mensch, der sich hincinträumt« in da» ewig unversiegbare wonnige Raturlrben, unversehens^ von einem wilden Thiere oder noch ärger von einem Hammerschlag aus Menschenhand getroffen wird, so stand Hebels plötzlich da. Also das ist die Welt, in die man eint eten^ soll, um da« Wort der Lieb« zu predigen? Unwillkürlich rief Hebel nach dem ersten Schreck: bin kein Jude." „So?" rief drr Zöllner, »du leugnest noch! Warte ich will dir," und jetzt kam er heraus und gcradttt-'j weg» auf Hebel zu und wollte ihn packen, und der Hnnjdk war bereit, Beistand zu leisten. Da sagte Hebel mit einet.^ Miene, in der sich Wehmuth und Schalkheit mit rinaadrA stritten: .Ich kann schon allein gehen und ich gehe mit Luch."} Plötzlich war er de» Scherzhaften und Lustigen inne - geworden, das in seiner jetzigen Lage war, und er wollte es ganz auSkostrn. »Muß ich doch auch einmal sehen, wie man als Jude in der Welt lebt," dachte er und da er die ebräische Sprache - gut verstünd, sagte er: „Soll ich vielleicht Judenzoll bezahlen, weil ich ebräisch gelernt habe? E» ist mir schmeichelhaft, daß Ihr mich für einen so guten Ebräer haltet, o». ob ich ein grborner Jude wäre," und mit einer pfiffig») Miene setzte er hinzu: »übrigens bezahle ich nicht». Füh mich zum Richter." Lächelnd ließ sich H*b«l durch 1 Stadt transportirrn und Alle» spottete ihn ans, und dl^ Kinder schrien hinter ihm drein: .Hephep!" als ob sie'» nach Noten in der Schule gelernt hätten. Hebel ab lächelte uud lächelte immer, selbst noch da, al» er vor unsäglich einfältigen Richter stand, der ihn sosort mit « Prügelsuppe bewirthen und dann ftei beherbergen »solltet Nun fing der Spaß doch an, über de« Spaß hina» zu gehen. Hebel legte süne Universitätszeugnisse und feil Reisepaß vor. Der Richter stutztt» aber besiegt war nicht; er wollt« den Stntenten bestraftn, «eil er sich i einen auSgegeben, der er nicht war. Hebel wußte ihm rnd den Meister zu zeigen, denn natürlich, zuerst mußte l Zöllner vorgenommru »erden; er selber hatte sich für nick andere» ausgegebeu al» er war. Der Richter aber wollt dem Zöllner nicht» thun, eine Krähe hackt der andern Auge au«, und hier wär's noch besonder» schlimm geu» denn der Zöllner hatte nur Ein Ange. Mit einigen gro Worten als Reisesegen wurde Hebel entlassen. Der Student hatte einen gesunde» Durst gehabt, er sich dem Städtchen nahte, jetzt wollte er hier in st' Wttthshause eine» Tropfen trinken; auf seiner Zunge wie Galle und Wermuch. Er machte sich bald zu« and Tbor hiaau«, aber zurückschauend dachte er: »Seegrin Dich vergesf ich nicht!" Und er vergaß es nicht, den» verlegt« m späten» Jahre» alle die alberne» Schallst» di« er in wohlgemnthen Stunde« ausheckte, am liebsten Seegrin gen. Auf de« ferner« Heimwege «nßte Hebel viel dar Nachdenken, was da» für ein« Welt ist, in drr ma» eine» Mitmenschen, weil er ander» Glanden» ist, Leibzoll verlangt wie von einam