Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 5 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Pa; tf »■#/#/ (tTtufgrg'btn sm Br. W. »Itz»er in «agdeburg. Jn Mrtziltn, n) -cktzn», fit iit i«r»MHe fmilif. . Du« Büfette*. Bon Balkan Samueln. (Schluß.) —«ine Stunde ein Jude. Von Berthold Auerbach — Bertha Binz»-' Ifllt* bürg. Mt schöne Jüdin. Win Opfer des Nihillömu« — Streng« Muter. — Mthselausgaben. — «athsel-Auslösungen. 1 »achdruck an»diese» Blatte tft untersagt.) D«» Butzgehet. Bon Nathan Samueln. (Schluß.) Inzwischen gingen die Wogen der Lust immer hübet, Frauen und Männer tanzten im Kreise. Letztere mit den Mläsern in Händen und die langen Kaftan» hoch über den Kopf hinaufgezogen, da« so manche- Dingzum Vor« .scheine kam, was man sonst der Oeffentlichkeit nicht gerne 'Preis giebt. Die Musik arbeitete au» allen Kräften, daß kuan nur ein wirre» Durcheinander von Tönen hörte. Als »it dem Anbruche de- Tagedie Musik dabekannt« 'Lttchen onstimmte: „Schwieger. Schwieger, der Choßen ist nun klüger!" da war Goldele'S Mutter schier wahnsinnig vor Kteude, sie lachte, weinte und klatschte mit beiden Händen den Takt dazu. Um zehn Uhr Bormittag begaben sich die beiden Mütter »ach altjüdischrr Sitte zum Brautpaar ins Zimmer. In dem Zimmer de- Brautpaareanbelangt, bot sich den beiden Müttern ein Bild, da» sie gewiß nicht erwartet ijplten. — Da- Jüngele stand mit dem Besicht zum Fenster ^gewendet und zog und kräuselte sich die Seitenlockrn ganz k gestern. Auf dem Bette hingegen lag Boldele, nur zur ' Ufte entkleide». Der Schleier, weit verschoben, zeigte den nt, frischgeschorenen Kopf, der da» Aussehen eine» Stoppelselde» hatte, welche» man soeben der goldnen Saaten be- >«mbte. Die halbgeschlossenen Augen brannten ihr m Fieberglnth und auf beiden Wang^ spielten zwei hektische Rosen wie zwei Feuerflammen. Da erst gingen der verblendeten Mutter die Augen ans and sie stürzte zu ihrer Tochter hin: „Ach und weh der Mutter, die das sieht — Braut meine, Herz liebe», wa» ist Dir?" Statt aller Antwort schlug Boldele zu ihr die Augen auf und sah sie so unnennbar wehmüthig an, daß sich ihr zehnmal da» Herz im Leibe umdrehte. „Gewalt! Gewalt! Meine Boldele ist mir krank", heulte sie wie eine verwundete Wülsin, „Leute erbarmt Euch, kommt, reitet mir meine Boldele!" Da» Zimmer füllte sich bald mit Nachbarn und Nachbarinnen. Es entstand ein Tumult und ein Lärm. Der eine lies zum Stadtarzt hin, ein anderer zu einem andern Arzt. Die Frauen schlugen verschiedene abergläubische Mittel vor. Die arme Mutter rang unterdesien fort und fort die Hände und bat und flehete, man solle ihr chre Boldele retten! Kurze Zeit darauf erschien der Stadtarzt. Er ließ die «Kranke von den Kleidern los machen, untersuchte sie, fühlte ' den Pul», maß «it einem Thermometer den Grad der ,e, neigte lauschend'da» Ohr au ihr Herz und schüttelte ü» bedenklich den Kopf. »!" machte er, „eia bedenklicher Typhus ist im Jndeß verschrieb er eine Medizin. Im Krankenzimmer wurde e» immer wirrer. Die arme Mutter saß zu Füßen ihrer Tochter und wimmerte in sich hinein: „Meine Boldele, meine herzlirbe Boldele, mein Augapfel, min Leben!" Einige Nachbarn müheten sich ab, der Kranken immer frische El»- tücher auf de» Kopf zu legen, indeß lief di« Mutter de» Bräutigams in die Apotheke, um die Medizin bereiten zu lassen — und da» Jüngele? Auch dies:» sah ein, daß «* mit den Händen etwa» thun mußte und;og und drehte nm so energischer sich die beiden Schläfenlockm. Man ließ es gewiß der Kranken an Pflege nicht fehlen. Die Mutter stürzte wie wahnsinnig vor einem Arzte zum andern, drauf zu den Gräbern, die sie m t Gebeten stürmt» und dann wieder in die Synagoge, wo sie die Thüren der Sen Lade aufriß und die darin liegenteu Torarollea mit erschütternden Worten beschwur, bei Gott für ihr ein» zige» Kind Fürsprache zu halten. Aber da» Alle» half nichts. Boldele verfiel in immer grüße» Hitze, der Kopf stand chr wie in Flammen und au» ihren Augen sprühüe ein unheimliche» Feuer. Sie phantasirte c ft stundenlang und mehr als einmal hörte man sie im Delirium aufschreie«: „Die Krone — weshalb reißt ihr mir die goldene Krone vom Haupte? — Nein, ich lasse mir den Kopfe nicht nahe treten, und wenn ich drob sterben irüßte . . . Wa»!I!I schnellte sie empor, daß sie auf einmal mit beiden Füßen au» dem Bette fuhr, .wa», ihr reißt, ihr schneidet, wisset ihr, daß ihr da» Herz mir au» dem Leibe i eißt, mit glühenden Zangen da» Herz, mein arme», mein wi.ndes, mein kranke» Herz!" Die arme Mutter saß die Nächte lang zu Füßen ihre» Kinde» und schluchzte und weinte sich Oie Augen blind — Boldele war ja auch ihr einzige» Kii d, da» ihr theurer war als ihr eigene- Leben. In der letzten Zeit hürte auch da» Phantasiren auf. Boldele lag bleich wie Kreide und die Augen weit aufge» rifseu, starrten nach einem Punkte hin. Die Aerzte kamen und gingen, sie verschrieben keine Medizin mehr und wozu auch? Sie vermochte ja nichtmehr herunterzubringen, der Mund war ihr zusammengeklemmt, »ß man nur mit schwerer Mühe ihn öffnen konnte. Die Aerzte verließe» do» Krankenzimmer mit jenem traurigen Kopfnicken, da» keinen Zweifel mehr über den Zustand der Kr, nten auflommen ließ. An einem jener Tage — der Z astand Boldele'» war so hoffnung-lo», daß auch die Mutter :» jetzt ahnte, daß die Stünden ihre» Kinde» gezählt sind — da trat sic ent» schloffen vor die Aerzte hm. „Herr Doktor", sagte sie, „kann mein Kind mir noch gesund werden?" „Bott kann auch Tobte beleben", .twiederte der Doktor ausweichend. „Aber im natürlichen Wege, Herr Doktor, ich mufr««#* wissen!" ß i