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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 2 (1890) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
2 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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ganz rnfleKvll^WPWDBgen, au^ ii Äugen, stöhnend, wehklagend, Schaum ans den farblosen Lippen, vor sich liegen sah. „Geh' weg, Häßliche, Verdorbene, Abscheuliche! Weg! Quäle mich nicht, laß mich in Ruh!" brüllte er, zitterte «onvulsiwisch auf und suchte seine Hände au» der Schlinge Ju befreien, »m da» verhaßte Bild, da» ihm keine Ruhe ieß, zu verscheuchen. .Was ist ihm?" wandte sich der alte Lehrer mit Thräncn an die stet» eiligen Professoren. .Mit ihm ist es schlimm bestellt," antworteten diese, '.er ist unheilbar dem — Wahnsinn verfallen." Der Schreck«»A«amrt. Bon Nathan Samuely. (Korisetzung) .So ist e» also wahr", unterbrach ihn einer der Umstehende», .was man sich erzählt, daß die Todtcn in diesem Monat sich jede Nacht in der Synagoge versammeln, um dort ihr Gebet zu verrich'.en!" .Eine schöne Frage, ob e» wahr ist", wandte ihm ein Zweiter zu, „wie man nur so närrisch fragen kann!" .Die Wahrheit gestanden", polterte Rcb Mendel ein, I „habe auch ich nie daran recht glauben können, denn ersten» »ohne ich schon in der Kellerstube der Synagoge mehr al»! zehn Jahre und könnte doch nicht behaupten, während dieser! Zeit etwa» Auffallende» ge>ehen oder gehört zu haben, und j Sxitcn« heißt e» ja auch in den heiligen Psalmen: .Nicht i e Todten loben Gott", aber jetzt muß ich daran glauben,! wie ich an Gott glaube, denn wa» ich diese Nacht mit eignen > -Ohren gehört habe, da» könnte einem zehn Mal da»Gehirn lim Kopfe umdrehen!"! .Sehen Sie", rntgegnctc Schalem Henoch, der Schul- - klopfer, indem er dcn Zeigefinger auf den rechten Flügel j seiner Nase wie an einer Flöte legte und diese einige Mal | hinter einander recht kräftig pfeifen ließ, was er dann auch , beim zweiten Nasenflügel wiederholte. .Sehen Sie, mir ist > da» Alle» nicht mehr neu. Da habe ich erst vorige Woche j al» ich um Mitternacht die Synagoge öffnete, einen Todten ge- . sehen, der so hart an mir vorbeiging, wie ich jetzt neben | Euch stehe!" j .Und wir werden dazu schweigen?" schrie einer au» j der Schaar heraus. .W r werden unsere Todtcn w.-inen ' hören und werden schweigen?" .Rein, da» darf und soll nicht geschehen!" stimmten' viele laut zu, „legen wir nicht die Hände in den Schooß, sondern thun wir etwa»." .Und was meint Ihr, daß wir thun sollen?" fragten wieder einige Andere. „Dazu haben wir doch einen Wundccrabbi in der Stadt, -bei dem wir nn» Rath holen können!" „Ja, da» ist da» Rechte, wir gehen zum Rabbi", stimmten alle zu. Gejagt, gcthan — gegen dreißig Personen stürzten mit -verstörten Gesichtern zum Rabbi hin und schrien wie besessen. .Wie Gott Ihnen lieb ist, Rabbilrb, thun Sie etwas, schweigen Sie nicht! Todte weinen jede Nacht in der Synagoge, daß vor Rührung Himmel und Erde schmelzen müßten! Den armen Todten muß die Ruhe wiedergegeben »erden! Möglich, daß sie unseretwegen so schwer leiden, kür jeden Fall geziemt es sich, daß auch sie Rabbi eine hacht in der Nähe der Synagoge zubringen, damit Sie selber sich da» Schauerliche mitanhören, was mit Worten sich gar nicht schildern läßt!" Gegen Nacht» fand sich nicht allein der Wunderrabbi und seine Assistenten in der Nähe der Synagoge ein, sondern auch eine große Menge von Männern, Frauen und Kindern. Auch ich, damal« noch ein Änirp« von acht Jahren, stahl mich au» dem Hause und mit einem Schwarm von kleiuea mengte ich mich mitten in da» Geunrre von Leuten, die den ganzen Hofrau« erfüllten. - ach sicht -»mir da« ganze Bild vor An^n, wie wenn es «ft gestern geivese» wäre. Es war nah einem trübe», verregneten Herbsttage. Die Nacht brach jäb von den Bergen, w e aus einem Hinterhalte hervor. Der sternenlose Himmel hing wie ein schwarze« Tinten meer von unermeßlicher Ferne üb r der Erde, so daß da» Gewoge von Menschen in dem gioßen Hofraum der Synagoge inehr mit dcn Ohren al» mit den Augen wahrzuiiehmen war. Je tiefer die Nacht sich voischob, von einer um so größern Furcht und Angst fühlte sich die große Menschen,nasse beherrscht, so daß sie miuttenlanz in Todesstille verharrte. Du ließ sich plötzlich vom Dachbidcn der Synagoge ein lanacr, schluchzender, durch Mart und Bein dringender Ton vernehmen. m „Aha!" rief Rcb Schajc Jakow, der Adjutant de» Rabbi, .da erkenne ich deutlich die Stimme — et ist unser Borbeter Rib Eli, der im vorigen Jahre gestorlcn ist — ganz aus ein Haar dieselbe Stimme!" „Bon Reb Eli unserm Borbcter!" ging cs wie ein Brausen durch die vielköpfige Menschenmenge. .Schal Scha!" erhob sich e>n Zischen von verschieden«» Seiten, .laßct uns hören unser Reb Eli olow bMoholem!" (Friede mit ihm!) .Was für Colloratur!" bewunl>erte ein Kunstkenner, .ganz dieselbe wie beim Leben und noch entwickelter!' Inzwischen war auf dem Dachboden der Synagoge die Stimme Reb Eli'» verschlungen und übertäubt von tausend andern Stimmen, die schw.r von einander zu unterscheiden waren, alle schluchzend, herzcrs hltternd, voll Weh und Jammer, wie nur fündig: Seelen aus dem Hüllenpfuhl schreien, um die Baratt crzigkeit Gotte» zu erwecken. „Al ohet! — hört'» Ihr, die Torten beten »I oh»t!" „B-lleii wir mit!' schrie Einer hei aus. llnd wie Meercsbrausen ertönte es aus der ganzen Menge, alle beteten „al ohet“ mit d.n Todten. Wieder trat eine Pause ein Nur oben auf dem Dachboden heulte es noch immer s» entsetzlich wie früher. Da lüste sich eine Gestalt aus den wirrem Menschenknäuel los. es war ein altes Weib, das mit einem lauten Jammcrrufe zum Wunderrabbi hinckürztc: „Gewalt, heiliger Rabbi, Gemalt! Ich höre meine Tochter weinen, die mir vor zwei Monaten gestorben ist!" „Mein Sohn!" schrie ihr eit anderer nach, „da erkenne ich deutlich meines Sohnes Stimme!" „Mein Bater, Gewalt mein Bater!' jammerte ein Dritter. „Mein Bater! Mein Sohn! Meine Tochter! Mein Bruder! Meine Schwester!" tobten jetzt aus einmal mehrere Stimmen durcheinander. So ging e» mit jedem Augenblicke immer toller zu und erst die l-eranbrcchende Mörgenröthe machte diesem wüsten Treiben ein Ende, wodann die Merze händeringend und mit wincn Köpfen sich nach verschiedet rn Seiten zerstreuten. An demselben Tage aber noch sa td beim Wunderrabbi eine große Versammlung statt, an welcher alle Slausuer theilnahmen. Es handelte sich darua, Mittel auszufinden, wie die aufgeregten Todten zu besän tigen. Für die erste Zesi ordnete der Rabbi bestimmte Psalmen zu beten an, von welcher er sich den besten Erfols versprach, und uoz seiner Sache noch mehr sicher zu se.n, designirte er den besten und frömmsten Schoferbläser der Gemeind«, damit er jede Nacht einige beruhigende T:lies und Terue« de» Todten vorblase. Allein auch diese Mittel erwiesen sich leider al» erfolglos, denn die Todten fuhren fort. Nackt für Nacht auf dem Dachboden der Synagoge ihr markerschütterndes Geheul vernehmen zu lassen. Da nahm der Rabbi seine Zuflucht zu einigen noch verschärsteren Maßregeln. Er rief eine geheime Sünden

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