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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 2 (1890) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
2 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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Ec erbebte am gas,^n Körper, fapaKKrtt oa# eil von sich und sprang auf. Diese Stimme hatte rüttelt. Wie sollte sie denn auch nicht, ei war ja ibre lte, entzückende, fesielnde Stimme. Einen Augenblick dünne . - ihn wohl, als ob er mit ihr bei seiner Mutter wäre, aber ein Blick auf die Umgebung genügte ihm, ihn an die trostiosc Wirklichkeit zu erinnern. Er griff nach seinem Hut und tvollte sortgehcn. „Bleib doch", sagte sic, ihn an der Hand fcsthaltend, ich will Dir doch Alles erzählen. Frntier liebte ich Dich nicht, jetzt aber vom ganzen Herzen. Als wir heute Abend ins Theater gingen, dachte ich nicht einmal an Dich. Der Graf brachte den Theaterzettel und ich laS Deinen Namen oarauf. Nur Neugierde, wie Du auf der Bühne auSschen wirst, veranlagten mich, hinzugchn. Ich bin Dir untreu zeworden, weil ich nicht die Frau eines Eantors sein wollte, ^ietzt werde ich wie eine echte Dame behandelt, lebe luxuriös er Graf liebt mich, mich ziehen aber nur seine Rcichthümer an. Bis heute fühlte ich mich sehr wohl. Ich war von Leide, Sammet, kostbaren Spitzen und Brillanten umgebe», ich sollte nicht so leben, wirst Tu wohl cinwendcn? Du gast vielleicht Recht. Mir ist aber tout egal, >vaS Andere on mir denken. Alle Bekannte des Grasen ^handeln mich mit Respekt. Ach, wenn Tn nur wüsstest, welch schöne Herren mir die Hand küssen böcbildete, kluge, reiche Leute natürlich keine tÄsellschast für Dich. Lieben kann ich aber keinen von ihnen, außer Tn, den ich erst heute so innig iieb gewann. Doch würde ich mich nie entschließen, Dich zu ^irathcn; Tu bist doch arm und ich liebe einmal diesen ttunder, diese Brillanten, fahre gern in einer Equipage und kannst Tu Dir den» je erlauben, in einer Droschke zu fahren'? Wie hübsch Tu nur. geworden bist, Moischele, wieso gefielst Du mir denn früher nicht? Ja. das ist Deiner Schüchternheit zuzuschrcibcn, die konnte ich nie gut leiden, rtzt wirst Du aber doch schon diese l-äßliche Gewohnheit abgelegt haben. Bleibe hier in meiner Nähe, die etlichen Tage, ji« wir hier zu bleiben gcdcnkcn. Wir werden ganz unserer Liebe leben, denn wisse es nur, ich liebe Dich aufrichtig. Dem Grafen werden wir davon Nichts erzählen. Ist es Dir denn nicht gleich, ob ich Deine angetraute Frau bin -der .... Dieses unausgesprochene Wort empörte ihn. . Abscheulches Weib", rief er mit Ekel aus, .abscheuliches iSeib!" .Gott, welch' ein komischer Kauz Tu noch immer bist. '-Selch' umwölkte Gedanken Dir noch Tein Gehirn trüben. Laß doch diese Hirngespinnstc. Während Tu in meiner Gegenwart kaum zu athmen wagtest, küßte mich jedesmal Ächlomc, der Sohn des Kaufmanns, wenn er mich nur erhaschen konnte. Sein Pater würde nie eine Heirath mit inirarmenMädchen zugegeben habe», deshalb hielt ich ihn von mir fern. Dir fiel natürlich dies Alles auch nicht im Traume rin. Deine Mutter schrieb Dir nichts von meine Flucht mit dem Grafnr. Sie wollten Dich nicht betrüben, vielleicht hat eS auch Tein Wohlthäter so eingerichtet, daß Tu von allem?m nichts erfahren sollst. Aber »vcshalb schweigst Du denn fortwährend? Liebst Tu mich denn gar nicht mehr? Nein, daS kann nicht sein, Tu liebst mich noch rasend. Wenn Dein Blick au, mir ruht, so kannst Du.ihn nicht mehr von «nr abwenden. Wie solltest Du mich aber auch nicht lieben, sieh nur, wie schön ich bin! Sic näherte sich ihm, schaute -hm mit ihren verführerischen Augen inS Gesicht, legte >hrcn iveichcn, vollen Arm um seinen Nacken und küßte ihn auf die Lippen. Wie ein Besessener riß er sich von ihr loS. Mit einer schnellen Bewegung legte er seine Hand an die Lippen, als yd er dadurch die durch die Berührung ihrer Lippen hervorgerufene Empfindung verwischen könnte. .Geh' weg", rief er wüthend, athemlos, „fort von mir". "Ä stieß sie mit Gewalt von sich fort. „Du bist ein häß- 'ches, verachtungswürdiges Wesen." ihn auf- Straße. Ihn trug eine übernatürlich: Kraft. Schon hatte er" die lärmende, klebte Hauptstraße hinter sich, er kehrte in dumpfe, enge, finstere Straßen der alten Stadt ein. Alle Thore waren geschlossen, die Laternen brannten matt, auf der Straße sah man keine Seele. In engen Passagen sties Moischele auf verspätete Nachzügler. Man schimpfte, man jagte ihn, er merkte nichts davon. Ec lief vorwärts, wehrte etwas mit der Hand ab, als ob er Jemanden forttreiben ivolltc. „Fort, fort", flüsterten seine Lippen, .weg, Abscheuliche, Du bist zu verführerisch, geh' hinweg!" So lief er immer weiter und weiter, ohne irgend eine Ermüdung zu verspüren, stürzte vorwärts, ohne sich Zeit zu nehmen Athcm zu holen; wie in jenem Traume. Schonhatteer die Stadt hinter sich und bewegte sich auf der Hauptstraße, die zur Borstadt führte. Ein Wachtmann, dem der so eilig davon Stürzende verdächtig vorkam, rief ihn an, dieser wandte sich aber garnicht um, erbebte nur am ganzen Körper, schlang die Hände um den Kopf und stürzte davon. Der Polizist, der ihn durchaus anhalten wollte, setzte ihm nach, aber (9 >var ihm unmöglich, den Flüchtling einzuholen. Die Laternen tauchten schon seltener auf Moischele hielt einen Augenblick an und setzte seinen Weg dann etwaß kruhigtcr fort. Der Wachtmann verfolgte ihn noch immer,' ließ ihn keinen Augenblick außer Sicht. Da standen schon kleine, niedrige, einsame Häuschen endlich hörten auch diese auf und cS breitete sich ein groges, dunkleS, ebenes Feld au-. Nu» betrat er schon daS Feld, sprang aber entsetzt fort und ging längs der Eisenbahnschienen weiter. Er war unermüdlich, der Polizist konnte ihm^ kaum folgen. Da überbrückte ein kleiner Steg eine tiefe Schlucht. Moischele hielt am Geländer an und neigte sich zum Abgrund, der unter ihm gähnte. Schon im Begriff sich hinunterzustürzen, packte« ihn zwei kräftige Arme an den Schultern Es war der Wachtmanr.. Umsonst suchte er sich den Armen de- WächtcrS zu entteißen. „Laß mich in Ruh", zischte er, „weg Verfluchte, küffe mich nicht, versenge nicht meine Lippen." Nach einer Stunde entsetzlichen Kampfes, gelang eS endlich dem Polizisten, den Wüthcnde» zu bewättigen und ihn auf einer Droschke ins Universitätshospital zu bringen. Dort überlieferte er ihn den Diensthabenden. Moischele zitterte vor Furcht, in wilder Verwirrung sträubte er sich gegen Alle. Man brachte ihn in der psychi» attischen Hälfte der Klinik unttr, feffelte ihn und brachte ihn zu Bett. Am andern Morgen wurde er untersucht, man zog Erkundigungen über ihn ein und beschloß ihn als Kranke« aufzunehmen. q Den Professor umringten eine Menge junger Aerzte. und Studenten. Einer unter ihn, dessen Bruder da- Couservatorium besuchte, erkannte in ihm augenblicklich den College» seines Bruders und theilte den nicht wenig erstaunte« Anwesenden mit, daß dieser Unbekannte der junge Künstler sei, der' gestern den riesigen Beifall erntett. Von der unglücklichen Lage seines geliebten Schülers wurde der Profeffor in Kenntniß gesetzt. Augenblicklich begab er sich inS Hospital, ward aber ganz starr vor Schrecken, al» er seinen begabten Schüler, diesen bescheidenen, ruhige« immer in Gedanken vertieften Jüngling, mit seinem uubeweglichen Gesichte, durchdringendem, nachdenklichen Blicke, weichen, langsamen Bewegungen, den gestrige« Heldm der" ersten Bühne, den jungen Triumphator, der den Lorbeer verdient hat und mit dem ihn auch daS anspruchsvolle, stteug« Publikum willig überhäufte, den unvergeßliche Sänger, ' die Blüthe und Hoffnung der Oper Ivar — an Händen Füßen gefesselt, sich unruhig auf dem harten/'

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