Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 1 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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"Ufes W« *? GövesEen.-Mtb Wtnbd, f» saget u:>*»a»?' drängte« Alle zusammen. „Wa»? fragt Ihr, so saget mir selber, Rabbaußaj, ob ro etwas Schrecklichere» in der Welt giebt, als Tot« bei Rächt weinen zu hören?' „Tote?!' fuhren Alle entsetzt zurück. »Und Ihr habet diese Nacht Tote weinen gehört?' „Nicht ich allein, sondern auch mein Weib und meine Kinder, so deutlich wie ich Euch jetzt höre. Noch jetzt sind mir die Ohren voll von jenem grauenhaften Weinen der Toten, daS ich diese Nacht gehört habe.' .Nun, so redet doch zu uns klar, Reb Mendel,' drängten Alle mit jenem Gefühle der Wollust, die derartige Leute immer empfinden beim Anhören grusliger Märchen. „Wie, wann und wo habt Ihr das Alles gehört?' „In der Mitternachtsstunde mag es gewesen sein,' erzählte Reb Mendel, „da weckte uns plötzlich eine jämmerliche Stimme — wir horchten erschreckt auf — die Stimme kam von oberhalb der Synagoge, gerade über unserem Kopfe. — Doch was sage ich eine Stimme, cs waren ihrer mehr als hundert, mehr als tausend, es war eine ganze Welt von Stimmen — und wie das weinte. In meinem Leben habe ich noch nie so ein Weinen gehört Ev war das Bußgcbrt „Al Chet', das die vielen Toten über meinem Kopfe zu Gott hinauffchriern!' (Forts, folgt) SSnftlerliebe. Eine Sr,ätzt»»» an» de» jüdische» Lebe». Frei nach dem Russischen von Sophie Aordon. III. Drei Jahre blieb nun Moischele seiner Heimath fern. Das Konservatorium war zwar im Sommer geschlossen, aber die Sommcrferien niußte er 'zu seiyrr allgemeinen Ausbildung mit benutzen. Einen Sommer widmete er auch speeiell dem Studium der Wagner'schen Musik. Er schloß sich dann seinen Kameraden an, die nach Bayreuth gingen um einen Eyclus Wagnerconccrte mitzumachcn. Ein Jahr vor dem Absolviren des Eonservatoriums fuhr Moischele nach Hause. Er war indeß zum hübschen Jünglinge mit einem nachdenklichen, blassen Gesicht, langen kastanienbraunen Haaren und sanften Augen herangewachsen. Aber ungeschickt > iu seinen Bewegungen und wenig redselig erschien er als | derselbe furchtsame, schüchterne, ruhige Knabe, der vor l Jahren seine Heimathstadt verlassen hatte. Entschlossenheit, | Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein, die schon bei seiner | eriten Heimreise bemerkbar wurden, ttaten dagegen in größerem! Maaßc im Gespräche, auch in seiner Denkungsart und seinen i Plänen für die Zukunft hervor; in seinen Manieren behielt j doch der kleine schüchterne Moischele die Oberhand. Er war j der beste Schüler im Conservatorium und wurde zur Bühne! vorbereitet. In, nächsten Jahre sollte er drbütiren und sein > Schicksal entschieden n>crden. Die Zeugnisse der Professoren und der Musikkenner sind nicht allein maßgebend, um Erfolg > zu haben, dazu ist j" auch die Ermuthigung des Publikums erforderlich. In einer Stunde fällt dann ein schonungsloses intolerantes, ja ungerechtes Gericht ein appellationsunfähiges, lfartes Uriheil über den Debütanten, dessen Ideal und Zukunft, oft auch Leben, in dieser Stunde vernichtet werden können. Wenn man sogar über mehr als Dutzendbegabung zu verfügen hat, so ist cs doch kein Leichtes, sich daS Patent deS Ruhmes, der Berühmtheit zu erwerben. Moischele fühlte , keinen besonderen Beruf zur Bühne und verhielt sich in i Folge dessen recht kalt dem Erfolge gegenüber, den ihm seine j Lehrer prophezeiten. Er schwärmte noch immer für ein« j 'lantorstelle in der Synagoge — nun versetzte er sich in Gedanken I auf da» Podium eine» europäische»'. Theater», wo er nach dem Wunsche seines Professor» seine herrliche Stimme entfalten-sollt«. und Zukunft^ der ^_ ihn abgedrückt und ihn tief, tief in'« Herz gtfNpä.' lernte die Macht der Liebe kennen, er lernte Selb«,' bie i spielin seiner Jugend, lieben. Bi« jetzt hatte er in ihr da» kleine, hübsche Mädchen gesehen. Jetzt stand eine üppigen Rose herangereifte Jungfrau vor ihm. sinnenverwirrende Schönheit übte auf ibn einen Verhängnis vollen Zauber auS; Selda entzückte, bezauberte ihn. 7. zu Liebe wäre er vor keinem Opfer zurückgescheut, um sie zu erringen würde er gern allem entsagen. Selda hingegen hegtefür ,hn keine Gefühle, ja seine Gegenwart, sein \ifyewtF Wesen,. sein Nachgrübel», seine Wonkargbeit erschienen ihr sogar lästig, sic sah aber doch in ihm, oa er ja voran«-, sichtlich gute Carriöre machen würde, einen passende» Gatten. Ihr gefiel eigentlich viel besser ein munterer,. modern gekleideter, in seinen Manieren eleganter Salonherr, ein sogenannter Stutzer, der die größte Sorgfalt auf fern« SchnurrbaN verwandte, und solch einem war sie auch ans' der Hochzeit einer Freundin begegnet. Er verstand, ihr so schöne Dinge über ihr Aeußerc» zu sagen und spaßte anrch: interessant beim Tanzen. Er war aber nur Eommi« und die Mutter wollte von dem Jungen, der so arm wie eia Rate j sei und nichrS anderes besäße, al» sein Frackkostüm, die" Glanzstiefel und den zerrissenen Roch den er im Laufe Woche im Geschäft trug, nichts wissen. Solch ein Herr sei also keinen Pfi^erling werth. Düs wirkte auch überzeugend^ auf Selda. Sie gab den Gedanken an ihn auf und kehüe 5 ihm auf der Straße den Rücken, wenn er den Versuchs machte, ihre Bekanntschaft zu erneuern. Dieser ließ aber nicht so leicht einschüchtern; er wollte doch noch ein» sein Glück versuchen und brachte Selda'» Bater eine Lampe zur Reparatur. Da hoffte er auf ein Plauderstündchen mit 1 dem Gee-npm»»< seiner Leidenschaft. Aber da kam ersch-v. an. Aelvä ' näht^ ein-nShwal um und flüchtete zu i£*t Nachbarin, der Ls»; xroRb etktzftng ihn' kichl.maß er- ' schnell ta&jfatti' ©taufe machte. Selda blickte ihm wLhl mit Bedauern nach, er war doch hübsch und ftzWedü^^ Schnurrbatt fand man auch nicht sobald bei eMM Officier,^ aber was half da Alle», er war und bliebe arm und « ihm Noth zu theilen, fand sie sogar ttäf seiner Gea wenig verlockend. Moischele ahnte Nichtvon Alle« vorging.^ war zu harmlos. In seinen Augen ’IM ein und wenn er in ihre kühnen, sell^tzumcder^n, entzü Augen blickte, so senkte er denGllpg Sä ktujgeH, al« ob «r|j sich vor den versengenden Strahlen der Sonne schütz wollte. Solch ein Blick durchdobrte sew Herz, er wäre gern zn Füßen gefallen, ^rde gern durch leidenschaftliche»^ Schluchzen sein erregtes beruhigt haben. Es dräu ihn, ihr schneeweißes, sanm^v^che» Händchen an Lippen zu führe«, es kräftig ^aylmmer an fein hochpochende»^ Herz zu drücken. WtPjJß-0 nur sah, verfolgte er sie «D verzehrenden Blicken -^dber angebottne Scheu, Schüchb heit. Verwirrung ltzßen ihn nicht die Schranken der strengf Zurückhaltung übchKreiten. Jede» Härchen, mit de« Wind spielte, ichL^Falte an ihrem Kleide, ja sogar Schnalle ihtt» Schuhes erschienen ihm entzückend. I« i! Gegenwatt ängstigte er sich aber, zitterte am ganzen Kör konnte keine zwei Wotte Hervordringen, al» ob Selda die Gefährtin seiner Jugend, sondern ein fremde«, ui gänzliches, hoch über ihm stehende« Geschöpf, etwa Nymphe, eine Göttin wätt. Im Geheime« konnte er dienen, sie anbeten, verhettlichen, vergöttern, wagte e» nicht, ihr gerade in» Gesicht zu schauen. E» giebt Leiden, keine Qualen, die er nicht willig au» Ließ» z« '' Mädchen übernommen hätte. Er vergaß an» Lernen, an» Conservatorium, an Zukunft. Marmorbein rüttelte ihn au« seine« auf, al» er sich nach dem Tage seiner Abreise e Ja, man brauchte wirklich übermenschliche Kräfte