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Israelitische Wochenschrift · 1891-11-12 · 46 (12.11.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
46 (12.11.1891)
Date
1891-11-12
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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V«« Vßei», 10. November. (Oc^Eort.) Alls de« uilnen Umschläge der ״Zeitung de» Iudenthum«" spricht Herr I. Singer z. Z. in Pari« in nicht gerade sehr l:evenSwürdiger Weise von der Wirksamkeit der Rabbiner. Es wäre dem Herrn zu wünschen, daß er etwa« vorsichtiger ia seinen Aenßerungen und Aburtheilungen wäre. 9* weiß ja schließlich jeder, wenn er nicht auf den Kopf gefallen ist, wo ihn der Schuh drückt. Unsere Rabbiner, di« in dieser indifferenten Zeit mit großen inneren und äußeren Schwierigkriteu *״ kämpfen haben, sind im Allgemeinen auf der Höhe *ihre« «rrnseö. *.37! der ganzen antisemitischen Sampaas* hat auch nicht eine EmKtze Stimme behauptet, d»ß di^ätztftllchnl Führer de) Iudenthum» für die Auswüchsebe»sclheu verantwortlich zu mgchttr sind. Wir wünschen der Lachklopädie de« Iudenthum«, dieSinger heran allen möglichen Erfolg, nlauben aber nicht, daß der Schlange ״Judenhaßdadurch alle Augen geblendet werde». Philo hat da« Judenthum den Heiden mundgerecht ztt machen gesucht, aber die Apion« der späteren Zeit siud dennoch dadurch nicht zum Schweigen gebracht worden. — Also seien wir, ob Gelehrte de« Hukheder«, der Kanzel oder de« Schreibpultes, recht bescheikn, fleißig und vorsichtig, um^TMsereu Fe׳ud«n nicht eine Bresche zu zeigen, aus dir sie ■w ihrer bekannten RückfllhkUosigkit sich werfen könnten. — An den Herrn Ches-Redalrcur der obengen. Zeitung aber wollte ich bei dieser Gelegenheit die Frage richten, ob er in solchen durch nichts substantiirten allgr» meinen Angnffen auf den Rabbinerstand die Hebung desselben, die «r in den Aufforderungen an die HH. Rabbiner um ihre Mitarbeiterschaft diesen zugesichert hat, erblickt. rü rnhe, 5. Novbr Der ״Berlin für jüdische Geschichte und Litteratur" veranstaltet auch diesen Winter eine Anzahl Borträge. Am 14. November wird Herr Rabbiner Dr. Schi ffer von hier über ״Menaffe Ben Israel", sprechen. Ferner werden im Laufe de« Winter« Vorträge halten: im Drcembrr: Herr Dr. Ad. Lohut über: ״Alexander von Humboldt und di« Judenthum"; im Januar: Herr Dr. Steckelmacher, Rabbiner in Mannheim, über: ״Die Stellung einiger neuerer Philosophen zum Judenchum", im Februar: Herr Dr. Schwarz, Rabbiner hier, über: ״Baruch Spinoza", Herr Dr. H. Cohen, Proseffor an der Universität in Marburg, über: ״Die Messiasidee", im März: Herr Dr. R Löwenfeld-Berlin, über: ״Di« Judeuftage in Rußland". vest-rret«b-U»-ar«. Nie«, 5. November. Am 31. Oktober hielt Herr Rabbiner Dr. Güdemann in der ״Ssterr.-iSraelit. Union" einen trefflichen Bortrag über den sel. Proseffor Dr. H. Graetz, au« welchem einige Piecen von allgemeinem Jateressr sind und in Ihrem gesch. Blatte eine Stelle finden «öden. Der hochgeschätzte Redner geißelte in feiner satyrischer Weife manche Mißstände in Israel« Gemeinden, so z. B. die sich spreizende Borstauds-Hierarchie, mit folgenden Worten: ״Sie wissen, als gu'e Oesterreicher, daß man die Lebenskrästigkeit unseres Vaterlandes unter Anderem damit bewiesen hat, daß gewiffe Regierungen es nicht zu Grunde zu richten vermochten. Ebenso darf man von dem Iudenthum sagen. Laß es sehr stark sein muß, wenn eS gewisse Vorstände ertragen konnte. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ist auf «ine ganz unwissenschaftliche, eigenmächtige und gedankenlose Weise von den Vorständen an dem Iudenthum herumprobirt worden, ungeheure Kämpfe wurden in den Gemeinden heraufbeschworrn, während die Rabbiner stets mundtodt waren, tHerls zu Handlangern der Vorstände erniedrigt wurden, oder selbst sich dazu erniedrigten. Darum waren auch jene Kämpfe im Großen und Ganzen erfolglos, oder erzielten das Gegrntheil deffen, was man wollte. Denn di« angestrebte Assimilation mit der Umgebung ist mehr als je in die Ferne gerückt, und im Innern wurden Jndiffrrentisciu« und Abfall eher vermehrt al« vermindert. Seien wir aufrichtig! Die Wiedergeburt des JudenthumS, die sich vor unsere» AnßkN vollzieht, ist, wie immer, von Iftr kchast ouSgegangen. Seit der Gründung des ersten Rabbinersemiuar« in Breslau im Jahre 1854 sind deren noch drei entstanden und ein fernere« ist durch die Wohlthätigkeft edler Mäcen« unserer Gemeinde, sowie durch de« zu erhoffenden Beistand der Regierung in unserer Stadt im Entstehen begriffen. Zu diesem glänzenden und unerwarteten Erfolg« hat Trätz durch seine ״Geschichte der Juden" am meisten beigetrageu. ES ist der leise, allmälige, aber sichere Gang de« Geistes, der sich hier offenbart. Dadurch aber wird der Kampf, der wünw auSbleiben kann, noch auSdleiben soll, auf dasjenige Gebiet übertragen, wohin er gehört, auf da« Gebiet döv-Vissenschaft, man wird begreifen, daß bloße Unruhe noch keine Lebensäußerung ist, daß Einfälle und Apergu'S keine Ideen 'sind, welche Berwirflichung verdienen, und wa« die Hauptsache ist: es werden künftig nicht diejenigen am meisten im Iudenthum zu sagen haben, die am wenigsten davon verstehen." Was hier von den Ssterr. Gemeindevorständen gesagt ist, gilt viel mehr noch von den preußischen. Auch da» waS der verehrte Vortragende über das durch Graetz' Geschichte geweckte Schamgefühl sagte, ist so treffend, daß es weithin verbreitet zu werden verdient: ״Unsere Weisen sprechen die tiefsinnige Bemerkung au«, Jerusalem sei deshalb zu Grunde gegangen, weil Einer ftch nicht vor dem Andern schämte. Die Menschen schämen sich aber nur dann nicht vor einander, wenn sie sich nicht vor einander zu schämen brauchen. Auch in unferm Jahrman schämte sich nicht vor unserer «ergangenheit, und K׳var deshalb nicht, weil man sie nicht kannte und die eigene Nacktheit und Blöße nicht erkannte. Gewiß verdient unsere Vergangenheit nicht schlechthin Lob, sondern sie hat auch vielcS aufzuweisen, deffen sie sich zu schämen hat. Aber wer wollte die Züge offenbarer Größe verkennen, die sie aufweist, die zahlreichen Licht- und Heldengestalten, welche alles Unwürdige überstrahlen und welch« doch eigentlich m demselben Sinne die Vergangenheit ausmachen, in welchem wir an die großen Männer unserer Zeit denken, wenn wir die Gegenwart preisen, der eS gewiß auch nicht an unwürdiger Beimischung fehlt. Die Bekanntschaft mit dieser Vergangenheit hat Graetz erst ia weite Kreise getragen De«- halb ist es jetzt nicht mehr so leicht, sich vornehm und geringschätzig von dem Iudenthum und seinen Jntereffen ab» zuwenden. ES ist auch in!kreisen, von denen man es früher nicht erwartet hätte, d• rigaear geworden, wenigstens ein bißchen Iudenthum zur Schau zu tragen, weil man sich por der Vergangenheit schämt, und da der Eine sich schämt, schämt sich auch der Andere vor ihm, und so schämen sich Alle — bis auf einige llnverschämte, welche die Ver» gangenheit wegen ihrer erhofften Zukunft preisgeben." Die Versammlung dankte dem Redner für seinen markigen Bortrag. 4§m«, 5. Novbr. (Or.-Eor.) Am Dienstag, den 27. Oktober, ist unser hochverehrter Gemeindevorsteher Herr Max Stern, Chef der Firma Jg. Strrn's Söhne, einem hartnäckigen Herzleiden nach «wöchentlicher Krankheit erlegen. Sein Hinscheiden erregte in allen Schichten der Bevölkerung, eine wahrhafte Trauer, da er nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren christlichen Mitbürgern in hoher Achtung stand. Der Verstorbene fühlte sich trotz hoher Auszeichnungen und Ehrenstelleu — er war Besitzer des Franz-Josef-Orden«, städtischer Gemeinderath, Ccnsor der öster.-ung. Bant, Handel«» kammerrath u. s. w. ganz und gar als Jude und repräsentirte seit 10 Jahren als Vorsteher unsere Gemeinde in würdigster Weis«, er widmete ihr alle seine freie Zeit und förderte alle chre Institutionen. Er freute sich über den Fortschritt de» hebräischen Unterrichts an unserer jüdischen Volksschule und der seit drei Jahren in'« Leb«! getretenen israel. Bibel- und Sprachschule. Der Verstorbene war aber auch den Arme«.

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