Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 46 (12.11.1891)
- Date
- 1891-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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der uns, die zu einander wie geschaffen schienen, zusammen» geführt hatte. Unter mehreren Geburtstagen, die in das Semester fielen und gleichsam zur Festigung de» innigen und freundschaftlichen Zusammenlebens dienten, eröffnest der meinige die Reihei die Thatsache. daß ich reich von meinen nunmehrigen Freunden in aufmerksamster Weise beschenk wurde, läßt eine Beurthellung unseres Berkchrs zu. Da sich unser Kreis aus Studirenden aller Fakultäten zu» sammeusetzst, hatten wir nie Mangel an Gesprächsstoff; jeder wußte etwas anderes zu erzählen, und so kam eS, daß ich anfangs weder aus den Worten noch aus den Handlungen eine antisemitische Gesinnung erkennen konnte. Wurden im Lause der Zeit auch hier und da harmlose antisemitische Bemerkungen gemacht, so nahm ich keinen Anstand, weil ja selbst viele Juden sich solche io Foim von Witzen zu Schulden kommen lasten; hauptsächlich aber schwieg ich, um die aufgenommene Rolle bis zum Ende durchzuführen. Schon glaubte ich, die Zeit des Semesters werde vergehen, ehe ich die wahre, das heißt in diesem Falle antisemitische Gesinnung meiner Kommilitonen kennen gelernt haben würde. Allein der Zufall kam mir zu Hilfe, der eines Abends einen Herrn Dr. G-, einen russischen Privatdocenten des Strafrechts, in unsere Gesellschaft führte. Dieser, ein Mann von durchaus klarem Verstände und vernünftigem Urtbril, als welcher er sich im Laufe der Unterhaltung herausstellte, wurde an» gesicht» der jetzigen Judenverfolgungen nach seiner Meinung in diesem Punkte befragt. Er äußerte sich höchst bedauerlich über derartige Maßnahmen, sprach sein Mitleid mit den armen Opfern eines blinden Fanatismus, aus und gab die Frage zurück, wie wir denn über den Antisemitismus und seine Berechtigung denke״. Jetzt war der Moment der Entscheidung gkommen; ein Ausweichen war unmöglich, die Herren mußten Farbe bekennen, und ich erkannte den wahren Kern .meiner Freunde', die nun in ihrem Fahrwaffer waren. Wie aus einem Munde sprachen sie sich gegen die Juden aus. Herr Dr. G. sehr erstaunt über diese unerwartete Entgegnung, versuchte ihnen das Unrecht ihrer Ansicht auseinanderzusetzen, wies sie darauf hin, daß auch di« Juden Menschen, also ihre Brüder seien, und daß vor Allem die christlich« Lehre, mit der man gegen die Juden vorgehe, von einem Juden selbst gegeben worden sei. Als er sich dann noch besonders an einen Studenten der Theologie mit der Frage wandte, wie er denn seinen antisemitischen Standpunkt mft seinem künftigen Berus, in welchem er doch Nächstenliebe predigen solle, in Einklang bringen kön e, kam die ebensg volltönende wie an sich widersinnige Antwort zu Tage: .Vom Glaubensstandpunkt habe ich nicht» gegen die Juden, aber sie sind ein sozialer Schaden für Deutschland." Da diese Diskussion im öffentlichen Lokale stattfand,und auch aus anderen Gründen noch, zog ich es vor, zu einer gelegeneren Zeit mit meinen ,Freunden* Abrechnung zu halten, den Schleier meines Inkognito'» zu lüsten und ihnen zu sagen, daß ich — ein Jude sei. Diese Eröffnung erfolgte denn auch bald unter Darlegung des Sachveichalts und unter Begründung der Stellung, die ich bi» dahin eingenommen. Daß diese Enthüllung meine ,Fremde* nicht gerade angenehm überraschen, sondern sogar ftappiren würde, verhehlte rch mir keinen Augenblick. Denoch aber erwartete ich, daß meine Kommilitonen, die mehrere Monate hindurch in mir den Menschen schätzten und mich mit ihrer vollen Freundschaft beehrten, nach der gemachten Eröffnung mir erklären würden, ich sei als Jude für sie derselbe, der ich ihnen bisher gewesen. Dieft Taftik war in der gegebenen Lage eigeutnch ein Gebot der Klugheit, wollten die Herren, wie thatsächlich geschehen, sich nicht bloßstellen. Aber meine Annahme, daß unser einmal jestbegründetes harmonisches Berhältniß durch die offene Aussprache nicht erschüttert werden würde, erwies sich al» eine Selbsttäuschung. Denn das eine Wort, daß ich Jude sei, versetzte die Herren in eine so unbeschreibliche Ausregung, in eine so hochgradig« Wuth, daß sie mft den schmutzigsten Worten de» Schimpfes über «ich herfirlen. Ich wftderhole: da» einzige Wort .Jude", — ein Grund lag nicht vor. Hatte ich meine Eonsession Herren gegenüber abgelengnet? Rein. Ich war nichtderselben gefragt und hatte au» rein sittlichem ZwrMl keine Veraalassnng, vor dem geeigneten Zeitpunkt sie jaj kennen Habe ich mich diesen Herren aufgedrängt? Ich wurde von ihnen gesucht, wurde wiederholt gebeten, ih mich anzuschließen. Trat ich in deren Kreis etwa als Spiöll ein» um da» Thun uud Lassen zu beobachten und e» hinteiH her zu veröffentlichen? Nein und nochmal» nein! Rurder stillen und ehrlichen Absicht schloß ich dem Kreise miE an, seinen Mitgliedern die Gelegenheit zu geben, mich, ei« Juden» in seinem ungezwungenen, natürlichen Thun, in sei« zum Ausdruck kommenden Gesinnung, kurzum in se Charakter kennen zu lernen und hierdurch zur Abwehr' verblendeten Borurtheilen mit meinen schwachen Kräfte» zutragen. Daß dieses mir nicht gelang, gereicht mir gewiß nicht zum Borwurf Mein Gewinn ist, daß ich eine schmerzliche Erfahrung reicher geworden. - Rach meft begründenden Stellungnahme und der Rechtfertigung mein Verfahrens, welches einen sichtlich vernichtenden Ein' auf die Herren machte, nahm deren Erregung einen so ho, Grad an und ihre ZorneSanSbrüche steigerten sich bi»' dem Maße, daß ich mich verpflichtet fühlte, sämmtirchp wesende zur AuSfrchtung der Sache mit studentische» 9־ hevauSznfordern, wo» diese aber, auf recht bequeme hinter ihren antisemitischen Schild sich verbergend, ablehnst Was aber war de» sprühenden Zorne» Grund? Zur T antwortung dieser Frage bediene ich mich am besten i eigenen Wort« dieser Leute, daß sie sich für di« Unterlege! für die .Uebebtölpelten" hielten, während ich al» Sieger Platz behauptete. Wieso aber waren sie die UebertölpelstaZ Weil sie, so lauge sie meine Eonsessiou nicht kannte», -1 mir, dem Menschen, nicht bloß verkehrten, sondrru mir a« Beweise liebevoller Zuneigung gaben, woraus doch beding»«, loS zu schließen ist, daß sie meine Ehrenhaftigkeit erkannt und respektirten. So wurde ich noch kurz vor dem Kra als ich mittheilte,' daß ich zum nächsten Semester nach Berlv zurückkehren würde, aufs Dringlichste gebeten, auch fern rn H. zu bleiben. Sie waren die Uebertölpelstn, weil als das Wort gesprochen war: .Ich bin ein Jude*, ts blindem Fanatismus, dem antisemitischen Comment sprechend, sich von mir abwrndeten. Tieft Scham m diese .Freunde" erfüllen, die sich überzeugt hatten, daß.! Ehrenhaftigkeit des Charafters nicht von einem bestim« religiösen Bekenntniß abhängig ist. und nunmehr ihrer ׳ Erkenntniß in» Gesicht schlagen mußten, weil dft semitische Mtthode dem Juden gegeaüber Lieft» erheischt u«bj gebieterisch fordert. 'y-i Bezeichnend für die Gesinnung meiner ,Freunde" untz, zugleich al» Argument für meine Ausführungen möge zuch Schluß nachstehender Vorfall diene». Am Abend vor mr 3 Abreise au» H., am Vorabend also meiner gemachte« öffnung, feierte einer der Commftitouen seinen Geburt« Bei dieser Gelegenheit und in Anbetracht meiner balbi , Trennung bat er mich, ihm zum Andenkn einige Worte'is^ sein CommerSbuch zu schreiben. Ich willfahrte sekretst: Wunsche, indem ich ihm den schöne« Lessing'schen Spruch W* sein Buch eintrug: Wer Kreunde sucht, ist sie zu finde« werth, Wer keine» hat, noch keinen hat begehrt. - , Fast mit Thränen der Rührung reicht« er mir, nachdem er dies gelesen, seine Rechte und versichere mft z» wiederholten Malen seine freundschaftliche Zuneigung. Al» ich meiner Erwiderung den Zweifel äußerte, ob er noch »ach 84 I Stunden derselben Ansicht sein würde, ahnte er nicht, wa» schon vor der bezeichneftu Frist kommen sollt«; — ich aber fand meine Bermuthung bestätigt und erkannte'die wahres Gesinnung meiner ,Freunde". So steht'» mft der studentffchen Jugend Ä» - - -