Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 45 (5.11.1891)
- Date
- 1891-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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«roll El K. ff« suche« Me Träger dieser Bewegung gegen unsere Mitbürger zu Hetzen und Haß und unberechtigte« gegen dieselben herrorzurufen. Al« Endziel ihrer Be> strrbungrn giebt die antisemitische Partei selbst in ihrem Programme die Aufhebung der staatsbürgerlichen Gleichverechtigung der Juden an. Gegenüber diesem nicht allein unchristlichen, sondern auch mtt der ganzen geschichtlichen Entwickelung unseres Vaterlandes in Widerspruch stehenden Treiben sehen sich die Unterzeichneten, Mitglieder der verschiedenste« Parteien, zu einer Kundgebung für ihre jüdischen Mitbürger, zu einem entschiedenen Protest gegen das verhetzend« Gebahren der ' Antisemiten veranlaßt. Sie laden daher alle chre Mitbürger zu einer am Montag, den 9. November, Abends 8'/, Uhr in dem großen Saale der ,Eintracht" siattfindenden öffentlichen BolSversammluug ein, in welcher Herr Pfarrer em. Lio. Graebner au« Berlin einen Bortrag gegen die antisemitische Bewegung halten ivird. An den Bortrag schließt sich freie Discussion." » E» solgen die Unterschriften von 60 unserer angesehensten und etnfiuhreichsten Bürger der verschiedensten Beruf-arten: Der erste Stnatsanwalt Günther, Landaertchtsdirertorea Düischte und Rave dl«Landgerichlsräth» Reifs undMürmann, derLönigl.LandrelhMajor v. Dilsurth, viele Ra«h«herren, Stadtverordnete, Justiz-und «erichtsrüthe, Sanitülsrilthe, Mitglieder der Handeltkammer, Fabrikanten u s w <Wir bedauern, dah mir Raummangelwegen nicht sämmtliche Ramen dieser -hrenmSnner aussühre» können.) Kkßertek», 1. November. (Or-Corr.) Vergangenen Mittwoch Abend eröffnet« der vor etwa Jahresfrist hier in'S Leben gerufene Mendelssohn-Berein im ,Hotel Falk" seine Wintersaison. Der Borsitzende des Brreins, Herr Hermann Strauß, welcher die sehr zahlreich erschienenen Damen und Herren begrüßte, kmrnte erfreulicher Weise constatiren, daß der Verein schon während seine« kurzen Bestehens innerhalb der Gemeinde großen Anklang gefunden habe, so daß die Mitgliederzahl, welche bei Gründung des Vereins 30 betrug, aus 140 gestiegen sei, wodurch eS dem Vorstande ermöglicht wurde, zur heutigen Sitzung den Schriftsteller Dr. Adolf Lohnt aus Berlin zu berufen. Der Vorstand, so versicherte der Vorsitzende, wolle es sich auch für die Folge angelegen sein lassen, alle Be«einsabe»de anregend und interessant zu zu gestalten, was ihm wohl schon dadurch nicht schwer fallen würde, da der Herr Rabbiner Dr. Auerbach bereitwilligst zugesagt habe, sich wie in dem abgelaufenen Bereinsjahre. auch fernerhin für den Berrin zu interessiren, Vorträge zu halten und an dm in den Bereinssitzungen stattfindenden Diskussionen sich belehrend zu betheiligen. Hierauf hielt Herr Dr. Kohut einen sehr intereffanten Vortrag über .Alexander von Humboldt und da- Jndenthum". — Wir hoffen und wünschen, daß der Verein, der alle 14 Tage seine Versammlungen abhält, da» schöne Ziel, da» er sich gesteckt: ,Pflege und Förderung aller da» Judenthum interrssirenden Angelegenheiten, besonders der Aenntniß der jüdischen Litteratur" immer mehr verwirklich«. W. Oe#eroi<fc*U116ar11. D. MreßütUkG, 22. Oktober. (Or-Corr.) Ein ungarischer Gelehrter, Därktor Körös au- Budapest, hat jüngstens auf dem städtischen Eongreß zu Wien einm Bortrag über die Fruchtbarkeit der Ehen gehalten, und indem er sein« Be» obachtungen für die drei Hauptkonfessionen mittheilte, sagte er, daß die Anzahl der Geburten bei den Juden nicht größer als bei dm Katholiken sei, daß also die Behauptung von einer größeren Fruchtbarkeit des jüdischen Stammedurch keine Beobachtungen nicht bestätigt werde; wohl aber sei bei om Judm die Kraft der Kindrrerhaltung eine größere. Bei dm von chm beobachteten dreißigjährigen Ehen starben in katholischm Familien 47, in evangelischen 42, in jüdischen 88 Procent der Kinder. Aussprüche de« vorurtheilsloseu Statistikerwären geeignet, die Antisemitm mit der Furcht vor berMki zu versöhnen. Nichts- Dies« Au« s theüweis« destowmiger habm sie am jüd. Versöhn nngstagr, da der' Israelit allm seinen Feinden vorgiebt, ein« vmsammlnng abgehalten, in welcher sie wieder Me Juden, die die Welt beherrschen, als Schreckbild der Seftllschast hinstellten. Prinz Liechtenstein, der alleinig« Aufputz der Antisemitenpartri in Wim, meinte, nach seiner Anschauung besteh« heute die modem« Gesellschaft nur au» zwei Kategorien von Menschen: au« Juden und Antisrmiten, und wenn zur Zeit apch noch nicht alle antisemitisch Gesinnten mit Rücksicht aus die ,Judenpreffe" dm Muth haben, offen ihre Ueberzeugung auszusprechen, so werden sie diedoch bald thun müssen, so wie er selbst sich auch offen zum Antisemitismus bekannt habe. Der adelige Judenfeind übertraf Dr. Lueger durch einen Au«, spruch, der ihm wenig Ehre macht und den er zu bereum scheint, wie seine in die Welt gesetzten Berichtigungen jetzt zeigen. Er gab den Hörem Folgendezum Besten: D« Juden feiern heute das Versöhnung-fest. Die zahlreich« geschlossenen Gewölbe machen einen wehmüthigen Eindruck da sie zeigen, daß der Handel grüßtentheil« in den Händen der Juden ist, aber sie mahnen auch uns zur Einheit, den« die Juden haben nur durch diese ihre Macht erhalten. Die Christen sollen vor Allem einig sein und sich diesbezüglich die Juden als Beispiel nehmen. Viele Juden essen Schweinefleisch und glauben an nichts, aber heute am.langen(?) Tage" zeigen sie nach Außen hin, daß sie zusammenyaltm. Die Christen sollen es auch so machen, ob nun Einer an > einen Herrgott glaubt oder nicht, da« ist egal, nur nach Außen hin muß vollste Einigkeit unter den Christen herrschen". Können die klerikalen Verbündeten der Antisemitm diek-n atheistischen Ausspruch ihres Freundes gutheißen? Und doch verzeichnet das,Vaterland", daß diese «eußerung des Dr. Lueger von den .Bereinigten Christen" mit .stürmischem Beifalle" ausgenommen wurde! Ist es aber ein Wunder, daß bei solchen Verhetzungen und Agitationen gegen die Jude» schon zwölfjährige Burschen sich angeregt fühlen, Steine gegen die Fensterschiiben jüdischer Gotteshäuser zu schleudern, wie dies am letzten Kol-nidre-Abend zum Schrecken der zahlreichen Andächtigen in Fünfhaus geschah? Die Feier dejüdischen Bersühnungtagc» scheint einmal Vielen ein Dora im Auge zu sein, und darum machte auch der Abg. Schneider, der jüngste Fälscher der Stimmzettel im Abgeordnetenhaus«, der oben erwähnten Versammlung die Ankündigung, daß er im Parlamente eine Interpellation einbringen werde, weil am Versöhnungstage vor den jüdischen Gotteshäusern Iich.1heitSwachleute in Pcrade postirt waren. Bei christlichm Kirchensesten sei dies nie zu bemerken I*) Die Anw:stnden jubelten dieser Ankündigung zu Die Antwort auf dies« Interpellation wird sie sicher nicht befriedigen. Doch nicht nur die lebenden, auch die tobten Juden verursachen den Antisemiten Aerger, und eS ist nicht nach ihrem Willen, daß man für den am 8. Oktober verstorbenm ehemaligen Leibarzt deS Schah von Persien, Dr. I. E. Polak, in allen Kreisen Wiens nur die anerkennendsten Worte hat und daß ihm ftlbst einer der berühmtesten Professoren der Wiener Universität, Prof. Dr. Dräsche, einen ehrenden Nachruf widmet. Der Verstorbene ist aber auch dieser Ehre würdig, denn sein ganze» Leben galt nur unausgesetzter Thätigkeit und dem Wähle der Menschheit. Bei aller Lnspruchslosigkeit war deshalb doch sein Name und stin Wirten in Werk, Sch riftundpersönlich:Thät1gkeitüber die vaterländischen Grenzen hinaus bekannt und geachtet. Tr war 1818 in Böhmen geboren, und obgleich er nur unter Darben und Entbehrungen seine Studien als Mediciner beendigen konnte^ so erhielt er doch wegen seiner Tüchtigkeit bald nach seiner Promotion einen Ruf der persischen Regierung zur Einrichtung einer ärztlichen Schule in Teheran. Er nahm diesen Ruf an, uns obgleich er dort mit spra hlichim Schwierigkeiten und religiösen Borurtheilen bei der islamischen *) Einfnch toeU dies« von den Iu den kein« »Störungen" z» befürchte» hebe». (Red.)