Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 44 (29.10.1891)
- Date
- 1891-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Vtftu, 21. Oktober. Die Einweihung des neu erichteten Heim» für die sei» 19 Jahren hier bestehend« israelitische Waisen-Mädchen Erziehungsanstalt fand gestern Mittags im Beisein de- ShnagogenvorstandeS, der Gemeinde ״«Präsentanten und eingeladcncr Gäste statt- Ein Psalm, gesungen von den 12 Anstaltszöglingen, leitete die Feier ein, »»orauf Herr Heilbronn im Namen de- Vorstandes die ")äste willkommen hieß und Mittheilungen über die Gründung, die Leistungen und die Ausgaben der Anstalt machte. Der -!ebner betonte die nöchige Unterstützung aller Wohlgesinnte» der Gemeinde, weil die Stiftungsmittel durch den Ankauf des Grundstücks und den Neubau e» schöpft seien, und es nur durch reichliche Beiträge und Spenden möglich sein werde, den vielfachen Gesuchen um Aufnahme neuer Zöglinge zu genügen. Derselbe dankte auch Herrn Stadtbaurath Grüder ,ür seine vielfache Unterstützung bei der Ausführung des Baues. Herr Gemcinderabbiner Dr. Feilchenfeld hielt sodann die Wcihred« und Herr Rabbiner Dr. Bloch sprach :n Segen für das kaiserliche Haus. Nachdem vier Anstalts- »öglinge eine Dichtung vorgetragen, dankte Herr Goldenring im Namen der Gemeinde dem Vorstände für die Mühen und Opfer, welche er gebracht habe, nm den fiüh "?noaifteii Kinder» ein. eigene« .Heim zu schassen und für die günstigen Ecziehungsresuliate, worauf ein Chorgesang der Zöglinge die Feier schloß. Aus dieselbe folgte die Be« sichtigung der Anstalt seitens der Gäste. T>e Hellen, schönen Räume sind einfach, jedoch sehr praktisch ausgestattet. Die Einrichtungen sind derart hcrgestellt, daß jedes Kind sich schon zeitig an Selbstständigkeit, Ordnung und Sauberkeit gewöhnen muß. In gesundheitlicher Beziehung ist für die Kinder bestens gesorgt, indem große, luftige ArbeitS- und Schlafsäle, reichliche Wasch- und Badeeinrichtungen, sowie rin Turnzimmer vorhanden sind, und ein hübschä gepflegtes, zum Theil schon schattige« Gärtchen sich an das Anstaltsebäude anschließt. Wir wünschen dem thätigcn Vorstand eine fernere günstige Entwicklung der Anstalt, damit gute Erfolge ihn für seine Mühen entschädigen. ^tckßr (in Baden), 18. Oktober. sOr.-Corr.) .Heute hat sie stattgesunden', die deutsch»sociale Resormveriammlung, in welcher der Herr Abgeordnete zum deutschen Reichstag, Herr Lftbermai» von Sonnenberg über .sociale Noth und die Wege zur Rettung" sprechen wollte, für den die deutschsociale Reformversammlung durch Plakate an den Straßenecken, und pictisrische Pfarrer in den Betstunden Propaganda machten. In tem großen Saale der Gambrinushalle hatten sich über 1000 Männer versammelt, unter denen jedoch — o Jammer! — etwa 600—800 Socialdemokraten rvaren. Herr Bürgermriüer Rubin von HugSwrirr, rin urdcutscher echt grimanisch^ Socialresornier, rröffnete ahnungslos die Versammlung mit einigen harmlosen Redensarten von dem Gest, das unser Volksleben verderbe 2c. 2c; leider scholl ihm zum Donk, nachdem er erst einige Worte gesprochen hatte, ein viril undertstimmiges: .Pfui!" ,Nieder mit ihm!" ent» fegen. Noch einen Augenblick konnte er das Wort behalten und theilte der Versammlung mit. ,es werde ihr das Glück zu Theil, aus dem reichen Borne der Erfahrung des Herrn Lirbermann von Sonnrnberg zu schöpfen." Ei» schallendes Hohngrläckter war die Aulmo«. Kurz: der Herr Reichs- »ags-Adgeordnetr Herr Liebermann v. Sonnrnberg, konnte kern Wort sprechen, so daß von dem Regierungsvcrtretrr unter allgemeinem Beifall die -Irrsammlung aufgelöst wurde. L. ssechtngen, 21. Oktober. Tie ,Hohenzoll. Blätter" schreiben: .Ein seltenes Fest wurde gestern von unseren israelitischen Mitbürgern gefriert. Am 20. October 861 wurde nämlich Herr Adolph Baruch »au. in den iSracl. Gemeindevorstand gewählt, welchem er seitdem ununterbrochen angrhörte. Fast ebenso lange ist er auch Mitglied des Lokalschulvorstandes; in beiden Körperschaften führt er seit etwa 10 Jabrrn den Vorsitz. Obwohl sich Herr Baruch jedwede festliche Begehung des 30jSH1igeu Gedenktages seines Wirkens \nr die Gemeinde entschieden verbeten hatte, ließ es sich dieselbe doch nicht nehinen, ein« einfache aber würdige Feier des Tages zu veranstalten. Um 11 Uhr begaben sich die BorstandS- und Ausschußmitglieder mit dem Herrn Oberamtmann Longard in die WohnNng des Jubilars. Auch einige Gemeindemitqlieder hatten sich angeschlossen. Dort hielt das älteste- Mitglied der Gemeindevertretung, Herr Fabrikant Julius Le v i, eine warm empfundene Aktsprache, in welcher dersell>e der segensreichen Verdienste de« Herrn Baruch ge» dachte, und überreichtt im Namen der Gemeinde eine von H-rrn Hermann Daiker kunstvoll ausgeführte Gedenttafel mit passender Inschrift sowie einen silbernen Pokal mit Widmung. Herr. Oberamtmann Longard brachtt den Gefeierten im Namen des Oberamts und der Königlichen. Regierung Glückwünsche dar und betonte die Verdienste des Jubilars als Bürger und Industrieller, besonders als humaner Arbeitgeber. Namens des RabbinatS, der Schule und des Porbeteramts sprach Herr Lehrer Levi den gebührenden Dank und rückhaltlose Anerkennung auS für die mühevolle 30jährige Thätigkeit für das Gedeihen der Gemeinde, in welcher der Geist der Vaterlandsliebe, der modernen geistigen Entwicklung, des Frieden« — insbesondere des konfessionellen — von den! Herrn Jubilar im Verein mit seinen College« unablässig und unentwegt gehegt und gepflegt worden ist. Der Gefeierte dankte mit bewegten Worten und betonte, daß er ja nur seine Pflicht gelhan habe. Hierauf brachten sechs weißgekleidete Mädchen der israelitischen Volksschule einen Blumenstrauß. Die älteste Schülerin — Anna Weil — übergab denselben mit passender dichteröcher Ansprache." Hinzusügen wollen wir nocki. daß Herr Baruch — Chef des bekannte» Hanses B. Baruch & Sobne in Hechingen — seit mehr al« IO Jahren Mitglied der Centralstellc für Landwirthschast und «bewerbe für die Hohcuzollernsche Lande ist. Am 1. d. MtS. wurde er 60 Jahre alt. Möge ihm nocki eine lange Reihe von Jahren beschicden sein! L. Aordtzause», 25. October. (Or -Corr.) Eine ansregende Generalversammlung hatte hier gestern Abend die .Allgemeine Ortskrankenkasse", an welcher auch der bekannte antisemitische KreiSphysitus, Herr Dr Muber, als Kassenarzt fungirt. Tie liberalen Arbeitaeber brachten hier öffentsich ihre Beschwerden vor, die dahin gingen, daß sie gegen die Wiederwahl d s Herrn Dr. Räuber als Kassenarzt Einspcuch erheben, weil sic nicht dulden könnten, daß dir Arbeiter mit dem .antisemitischen Gift" geimpft würden. Leider sind die Liberalen ihren Gegnern unterlegen, weil der größte Theil der Sozialdemokraten mit diesen stimmte, und bleibt es somit bei dem bisherigen Kassenarzt, der auch Vorsitzender des hiesigen antisemitischen Vereins ist. Daß di« Sozial- . demokraten für einen Mann eingetrcten sind, aus dessen Partei, wie eS gerichtlich festgestellt wurde, die beiden Kaiserattcntüter Hödel und Nobiling hervorgegangen sind, die jetzt von dieser Partei gor zn gern der sozialdemokratischen an die Rockschöße gehängt werden, bleibt das Merkwürdigste l>ei dem ganzen Vorgänge. vest-rrelch-Uirgar» Nie«, 20. Oktober Im Abgeordnetenhaus« gab eS heute bei der Berathung über die Aerztekammern eine erregte Judcndebatte, die der berüchtigte Mechaniker Schneider herbeiführte. Er behauptete, die jüdischen Aerzte, die ohnedies in der Mehrheit seien, sträubten sich gegen Schaffung eine- Disziplinarrathes, der sich ja nur gegen jüdische Aerzte richten würde Diese hätten es dahin gebracht, daß nur christliche Leichen in dem Wiener anatomischen Secirsaale unter das Messer kommen, während jüdische begraben würden, und sie machen die gefährlichsten Experimente nur mit christ» liehen Patienten. Diese rednerische Leistung solltt aber dem Wahlzettelfälscher — wie er jetzt nur noch in Wiener Blättern der ihm in jeder Beziehung gewachsen war. Nachdem dieser die. Anklagen Schneiders gegen die jüdischen Aerzte in sarkastisch^ Weise zerzaust und den wahren Grund, warum^l