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Israelitische Wochenschrift · 1891-10-29 · 44 (29.10.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
44 (29.10.1891)
Date
1891-10-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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^Mitmenschen als ®rüber betrachten müssen, weh Standes ste auch -seien, und in der That dürfte echte Humanität nur dann zur vollen Entfaltung gelangen, nur dann mit rechtem Zweckdewußtsein geübt iverden, wenn e i n Gefühl all' unsere Bruderherzen umschlänge. Und welch' peinliches Empfinden würde sich ohne Zweifel unserer bemächtigen, wenn wir mit zunehmender Bildung unS einer entgegengesetzten HandluugSweise gegen unsere Mitmenschen schuldig erkennen würde»! Würde uns nicht solcher Gedanke mit niederdrückenden Fesseln dauernd umschlingen? Jst's nicht das, was einer unserer Lehrer (R. Chaninah) sagt: .Weil die Sühne der Mägde Jakobs von ihren Brüdern geringgeschätzt wurden, ließ Gott Jakobs Nachkommen :ך Aegypten zu Sklaven werden, damit sie in der gemeinsamen Knechtschaft sich unterschiedslos als Brüder fühlten; auch die späteren Nachkommen sollte das Fest der Befreiung an die gemeinsame Knechtschaft erinnern." Nun aber stehen auch Wochen» und Laubhüttenfest, sowie ir viele der besonderen Gebote nach den Worte» rer heiligen ' hrift in engster Beziehung zu jenen Tagen der Knechtschüft und Befreiung, und so begreifen und würdigen wir erst recht den Mahnruf zur echten Festesfteude mit allen unseren Mitmenschen, den Mahnruf zu echtem menschlichem Wirten! So hat denn das Dichterwort Recht, das wir zum Ausgangspunkte unserer Betrachtung gewähltl ES lehrt uns, thatendurstige und eifrige Menschen, gewissenhaft in der Auffasiung unserer Pflichten zu sein und über dem umfassenden Werke der allgemeinen Menschenerziehung nicht daran zu vergesien, daß eine Familie unserer innigsten Für sorge harrt, daß wir unaufhaltsam auch an unserer eigenen Selbstveiedlung arlxMte» müssen, denn .Au dem itlngaug der Brhn liegt die Uuendlichkeil offen, Doch mir dem engesteu Srei» Hörer der Weiseste aus.- Gleichwohl treten bisweilen Umstände und Zeitverbältnisse ein, rvelche uns hmausführen in die fast unendlichen Schranken des öffentlichen Leben«, wo es gilt, im Bewusst ein unseres erhabenen Menschenberuses auch dem bisher nicht ,ekannten Bruder hilfreich zrrr Seite zu stehen und der hilfsbedürftigen Schwester unsere Einsicht, unseren Rath und unsere Kräfte zu widmen. Da wiederholen wir uns die herrlichen Textes׳ Worte: ,Und Dn sollst Dich freuen im Kreislauf Deiner Pflichten, Du, Dein Sohn und Derne Tochter, Dein Knecht und Deine Magd,, der Levite, der Fremdling, die Waise und die Wittwe, wenn sie in Deinen Thoren weilen", eilen hinaus, um zu Helsen, wo Hilfe Noth thut, und ernten selbst Freude, da wir solche bei unseren Mitmenschen geweckt. Ach, welche gewaltige Bedeutung gewinnt der göttliche Mahnruf zur Festes- und Lebensfreude in unseren Tagen angesichts der gewaltsamen Glaubensverfolgung unserer theuren Brüder im benachbarten Rußland, da Familien, ganze Gemeinden ohne gute» Recht von Haus und Hof gejagt und nun einer noch immer ungewissen Zukunft zugetrieben werden, wo ein Haus um seine Leiter, Kinder verwarft um ihre Eltern trauern, und diese selbst von Ort zu Ort eilen, nur dcrS Recht des Fremdlings genießend! Aber Gott wacht über ihnen und ruft uns selbst zum Werke echter Menschen! ebe, zur reinsten Freudestimmung auf: »Bier an der Zahl sind die Personen, so spricht der Heilige, gepriesen sei Er, welche zu Deinem Hausstande gehören: Dein Sohn, Deine Tochter, Dein Knecht und Deine Magd, und ebenso viele sind es, die sich Meinem besonderen Schutze unterstellen! Levite, Fremdling, Waise und Wittwe. Wenn an den Festestagen, die Ich Dir eingesetzt, Du die erfreust, die sich nur. Mir nahe fühlen und der Fürsorge Irdischer ermangeln, so werde auch Ich dereinst Dir Dem Antlitz von seliger Freude erstrahlen lassen, wie Ich eS durch den Mund Meine- Propheten verkündet habe (Jes. 58,7): .Und Ich werde sie bringen zu Meinem heiligen Berge und ie erfreuen an Meiner Andachtsstätte." (Tanchuma und ,Pesiktha des R. «ahana Ende ראה «.) In diesem inhaltsreichen Ausspruche führen uns die W7׳sen in deutlichster Form den Grundgedanken umfassender Menschepliebe vor Augen. Denn es wird uns Menschen gar oft schwer, das Gefühl der Einsamkeit und Haltlosigkeit nachzuempfinden, daß unsere verwaisten, heimathlosen Brüder niederdrückt, ein Gefühl, das weniger in dem Mangel materieller Mittel seinen Ursvrung hat — denn solche sind leicht durch mühsamen Fleiß und ernsten Willen zu beschaffen, als in der Entbehrung der traulichen Nähe lieblicher Anverwandter, verständnisinniger Heimaths- oder Glaubensgenoffen: und doch bildet solche Vertrautheit und Liebe gar oft den Weckruf für schlummernde Talente auf dem Felde menschlichen Wirkens, und wo sie gänzlich fehlt, obwohl sie innig begehrt wird, da krankt das Herz und mit ihm des Menschen erhabener, mächtiger Wille und siecht dahin. Und wenn uns nun obiges Wort darauf hinweist, daß jene verwaiste» Me»sck>enseele» sich beruhigt fühlen dürfen in dem Bewußtsein der unmittelbaren Gottesnähe, der segnenden Liebe des himmlischen Vaters, so werden wir vielleicht fragen, ob nicht auch w i r, denen leiblicher Eltern Herze» fürsorglich entgegenschlagen, in Tagen bitterster Noth, arger Verfolgung-- wuth auf Seinen allwaltenden Schutz rechnen dürfen, ivenn die Aufopferung und Hingabe edlet Menschen nicht genügt, um unser Sngitlich bewegtes, sorgenerfülltes Gemüth zu desänstigen. Doch aus der verhüllten Gotteswohnung tönt uns das erlösende Wort unseres Schöpfers entgegen: .Nicht ist Israel v rwaistl" — Jst's wirklich so? Hat uns Alle Ein Gott gesck-affen und sind wir Alle brüderlich geeint? O, wie herrlich der tröstende Gedanke, von dem geleitet wir für unsere menschlich verwaisten Brüder und Schivestern wirken, wie für unser Fleisch und Blut — Wollt Ihr nicht glaalen. daß wir mit solcher .Handlung auch unser eigenes Wohl fördern? Nun. so höret mir zu! Als noch des Tempels Mauern standen und des Heilig» thumes Hullen andächtige Frommen zur Festeszeit in ihren Räumen bargen, da war es der Leviten gottgeweihter Stamm, der in priesterlicher Opserhandlung oder in melodischer Andachtsitimmnng Israel» Denken und Fühlen in möglichst nahe Beziehung zu seinem Schöpfer brachte und als Lohn, nein, nur zum Lebensunterhalt der Opsergaben geiveihten Zehnten empfing. U >d jetzt des Tempels Herrlichkeit ist geschwunden, und mit dem Mangel hehrer Andochlsweihe durch die -berufenen Goltesdiener wuchert überall immer mehr Flachheit der Gesinnung, trostlose Kühle des Gemüthes empor und der Bote des Golteswortes sucht irrend nach einer Ruhestatt: für den Ballen seines FußeS. Jedes Herz liegt öde und leer und der Geist Gottes schivebt über den Gewäss rn der Erde! Doch horch! Es pocht der Levite, Dein ehemaliger Goltesdiener, an Deine Thür und will durch die vo.i Dir beanspruchten Gabey Dich wieder zurückführen zur alten Weihe. Höre auf sein heilsameS Wort und eS erfüllt sich der Gottesruf: .Und Du wirst Dich freuen. Du — — und der Levite!" — Schau hin, ein zweiter Bittender nähert sich Deiner abgeschlossenen Wohnung; eS ist der Fremdling, den der Trieb nach geistiger Erkenntnlß sortgetrieben von, .Hause götzendienerischer Eltern und der nun heimathloS umherirrt in Deinen Fluren. Glaub' eS mir! Auch ec will Dich hinführe» zur beglückenden, richtigen Schätzung irdischer Güter hinsichtlich ihres wahren Werthes für Dich, will Dich belehren, wie Erfahrung und Menschenadel Dich von eigenmächtiger Zügelldsigkeit drängen zur Unterordnung unter ein heilsames Gesetz. »Und Du sollst gedenken, daß Du selbst ein dienender Fremdling geivesen in Aegyptens Kiiechtschafts'ianden und das nur Deines erziehenden, himmlischen Vaters starke, schützende Hand und sein ausgestreckter, gebietend lehrender Arm Dich von dort erlöst!" ,Und Du kanntest die Empfindung des Fremdling« wohl" und lebtest zu Gottes Zufriedenheit: nun aber ״wardst Du üppig und jchlugest au- und willst verschmähen den Fels, der Diy gerettet"! Hörst Du nicht, wie . zu wiederholten Kalen schon der Fremdling an Deine,»

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