Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 44 (29.10.1891)
- Date
- 1891-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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hervor aus verborgenen Tiefen und läuterten cvon jeder schlacke; sie waren gleich tüchtig in der Auffindung des geschichtlichen Stoffewie in der Kritik deS aufgesundenen. Aber beide haben nur Vorai beiten geleistet für den späteren Geschichtschreiber: sie hielten das Material nicht für reichhaltig und gesichtet genug, um einen dauerhaften und großen Bau auszuführen: ein Versuch, den ein so wackerer und fleißiger Mann wie Jost nach dieser Richtung unternommen, war am wesentlichen wegen dieser Unzulänglichkeit des Stoffes mißlungen, sodann aber auch deswegen, weil Jost sich nur wenig bemüht hatte, die religiösen Stimmungen und Strebungen der verschiedenen Zeiten aus den! Geiste dieser Zeiten zu verstehe» und zu erklären, weil er trotz seines Ficisinncs enggeistig alle die Zeitalter vom Standpunkt seines hochmüthigen Rationalismus beurtheiltc. Da trat ein Mann auf den Plan, von glänzender Be» gabung,von erstaunlichem Fleißc, vor Allem von gewaltigem Mulhe, der das Werk, eine Geschichte der Juden zu schreiben, unternommen und herrlich zu Ende geführt hat. Hirsch Heinrich Graetz wird stets in erster Reihe unter denen genannt werden, die sich um die Hebung des Judcnthums in diesem Jahrhundert wohlverdient gemacht haben und heute zur Scclenfcicr, die nicht nur dem Schmerz und dem Trost der Einzelnen gilt, ziemt cs sich, des jüngst verstorbenen Lehrers zu gedenken, der für die jüdische Gesammthcit gelebt und de» darum die jüdische Gesammtheit vdlore» hat. Der Muth ist auch in der Wissenschaft ein großer Bor» zug. Wer allzu bedächtig einer großen Aufgabe ausiveicht, weil er ihr sich nicht gewachsen dünkt, oder weil er d e Zeit für die Erfüllung dieser Aufgabe noch nicht gekommen wähnt, dem fehlt eine der wichtigsten Bedingungen wissenschaftlicher Größe. Als Graetz wenige Tage vor seinem Tode im Vcr- «ine mit guten Freunden ein Bild Leopold Zunz's betrachtete, sagte er: .Dem Manne habe ich viel zu verdanken, nicht nur in dem, was er that. sondern׳ vielmehr in dem, was er unterließ; er hätte so gut eine Geschichte der Juden schreiben können, und er liat mir den Platz steige lassen." Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß dem Geschichtsschreiber kaum «ine schwierigere Ausgabe gestellt werden kann als die. die Geschichte des Judenthums zu schreiben. Wie groß ist der Zeitraum und wie weit ausgedehnt der Schauplatz, auf dem diese Geschichte sich entfaltet, .^denke tcr Tage der Borzeit, verstehe die Jahre jegliche» Geschlechts"; sich in de» Geist der Zeiten zu versetzen, um nicht ungerecht zu sein indem man etwa aus der Ueberlegenheit der Gegenwart die Leistungen früherer Jahrhunderte verwirft, das ist die dringende und schwierige Pflicht des Historikers. Natürlich ist der Muth, der ein so guter Führer ist, zuweilen auch ein Perführcr. Bielleicht hatte der kühne Einfall, die gewagte Veruiuthung hin und wieder mehr Einfluß auf die Graetzzche Darstellung der Geschichte als im Interesse strenger Wissenschaftlichkeit zu wünschen wäre. Diese Schwäche hat den Erfolg des Wcrles, das auf jeder Seite, oft zu begeisterter Zustimmung, zutveilen aber uns auch zum Wider» a anregt, das aus der schier unerschöpflichen Fülle des ts mit Geist und Herz geschrieben ist, nicht gehindert. Aber auch auf einem andern Gebiete hat Graetz um die Palme gerungen. Der Text der heiligen Schrift hat besonders in weit zurückliegenden Jahrhunderten durch Abschreibe!:, sti es aus Flüchtigkeit oder Mißverständlich, an manchen Stellen Schädigung erfahren; aber wie diese Berderbniß heilen, wie eS vermeiden, daß der Versuch der Heilung nicht noch gefährlicher werde als die eigentliche Krankheit? Es ist schon vorgekommen, daß jemand ein altes Bild restauriren wollte, und das hat er denn so gründlich besorgt, daß entweder nur die leere Lernwand übrig gedliebär oder ein ganz neues Bild entstanden ist. Die Bibel -ist unser Kleinod, seit Jahrtausenden ist sie viel sorgsamer behütet worden, als irgend eine andere Schrift des Alterthums, trotzdem haben sich Fehler «»geschlichen. trotzdem giebt es Schwierigkeiten, die nur durch Acnderungen des Textes zu heben sind; aber hier ist der Muth am Platze, als das Maaß und die Vorsicht. _ soll kein Tummelplatz sein für geistreiche Einfälle, W" blendende Hypothesen. Graetz hat das heilige Buch und die heilige Sprache ttcu geliebt; wir weisen weit den Borwurf zurück, als haue er in seinen bibelkritischen Arb.iten sich aus Mangel a« Pieiät am Texte der heiligen Schrift versündigt: wir wolle» auch für die biblischen Bücher keine Bcsteiung von den Ge» setzen philologischer Kritik, aber זכוד יפות לדר ם Zvedenbt der Tage der Vorzeit", was wäre aus de» Juden und aus dem Judenthum geworden, wenn unsere Vorfahren die Tora allen Einsüllen, und seien sie auch noch so wohlgemeint, preisgrgel'cn hätten! Die Vibelktitik wird von Graetz viele-, vieles lernen, aber sic wird auch vieles von ihm. und vielleicht uod) mehr als sic lernt, verivcifen; sein Ruhm wird auf diesem Gebiete nicht unbestritten bleibe». Wir haben treu dem Borbildc, das Graetz selbst u»S gegeben, sein wissenschaftliches und litterarisches Wirken zu zeichne» versucht ohne jede schmeichlerische Verklärung, die der berühmte Mann nicht lvdarf; die beste Ehre, die wir dem Todtcu, der beste Dienst, den wir uns rrweiirn, ist: wenn wir in seinen Werken lesen, die wohl geeignet sind, uns zu erheben und zu begeistern, uns za b lehren und zu erbauen 1 und auch unsere Stellung uns anzuweisen in den rrlmi'öscn Kämpfen der Gegenwart, denn 3זכיר ימות ליל »Gesenkst du I der Tage der Vorzeit", dann בינו שנות דור דרות »verstehst! du de Jahre jeglichen Zeitalters!" Amen. B. K. . Menschliches Wirke«. Eine Keftbetrachtnng. Boa Bernhard SSalgSberger. . (Schluß) ' Wenn der Mensch nun aus dem engen Kreis der Pflichten heraustreten will, in denihn seine unlöslichen Beziehungen 1 zu seiner Familie und deren Angehörige gebrach», so muß : er das sichere Beivnßtscin mit sich herübernrhmrn, daß er hier voll und ganz seine Schuldigkeit gethan. Denn nur i unter dieser Voraussetzung wird sein ferneres, ruhiges Wirke« 1 gedeihen, und auch der große Prophet JesajaS, welcher mit , weitblickendem Scherauge Israels Beruf überschaute, ruft ihm die bedeutsame Mahnung zu: »Entziehe Dich Deine» : Fleische nicht!" (Kap. 58.7.) Ist es doch eine beständig zu > beobachtende Thatsache, daß die leiblichen-Nachkommen eines; Menschen, weil seinem Blute entstammt, am leichtesten der Denkungsart und Jdeenrichtung zugänglich sind, die ihres Vaters Wesen ausmachen, und ein Wirken in seinem Smue wird nach annehmbarer Erwartung am ehesten von denjenigen gefördert werden, die seine Kinder sind. Darum liegt auch der heiligen Schritt fast ausschließlich diejenige Jugend« erriehung nahe, welche Eltern ihren Sprößlingen angedeihe« lassen. — Nächst ihnen stehen dem pflichttreuen Hausvaterdiejenigen Personen nahe, »oelche als sorgsame Die nrr ihres Amtewalten und stiner erziehlichen Obhut und Ausbildung unterstellt sind. Auch ihnen gilt seine Fürsorge, -anch über - sie wacht sein väterliches Auge, und eine fast unausbleibliche Folge wird es sein, daß allmählich auch ihre Anschauuagen den Geist in sich ausnehmen, den ihr HauShetr sorgsam und gewissenhaft gepflegt. Es ist daher durchaus begreiflich, daß die heilige Schrift, als Abraham mit seinem ganze« HauSstand« aus Haran fortzog, davon sprich», daß er auch all' die Personen mitnahm, welche sie — um den Wortlaut zu copirrn — in Haran »geschaffen" hatten, und mit richtige« Verständlich deuten die Etcklärer darauf hin, daß Abraham und Sarah deshalb als ihre Eltern bezeichnet werde«, «eil sie jene zur Anerkennung de» einig-eiazigen Gotte» geführt. — Dabm darf nicht vergessen werden, daß wir schon u» die wahre Menschenliebe, deren uneingeschränkte Bethätigu« wir uns zur Lebensaufgabe gestellt, zu bethätigen, all' un'