Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 42/43 (17.10.1891)
- Date
- 1891-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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-;*.׳ y«ri». Der bekannte Gelehrte, Herr Lagueau, wie» i^W eine« vor der medicinischen Akademie gehaltenen Bortrage »»f die Immunität des jüdische« Stammes gegen Cholera «ck epidemische Krankbeilen hin. welche Regel nur da eine Ausnahme findet, wo d« Juden in O'hetto's und übervölkerten ,Duartierrn zusammeaaedrängt find. Ferner verwies er auf lHie Mäßigkeit, welche die Juden überall auszeichnet, als? Haupfursache der Jmmunitüt. Während er über den allgemein lustige« Gesundheitszustand der jüdischen Rasse sich ver> P ..eitetr, glaubte er diesen hauptsächlich der großen Sorgfalt t Luschreiben zu müssen, welche jüdische Mütter ihren Lindern r 4» tat frühesten Lebensjahren angedeihen lassen. Jüdische 'Mütter suchen selten ihren Unterhalt außerhalb des Hauses , mid arbeiten nicht in Fabriken. Der Familienvater arbeitet ■ «^strengt und forfltj_ben Unterhalt für die Seinigen zu ffen, so daß die Mutter ihrem ihr von der Natur auf £ erlegten Berufe, der Leitung des Haoswesen« und der Pflege - und Erziehung ihrer Kinder obliegen kann. Bor nicht langer Zeit wies Jules Simon im ,Petit '1 Journal" darauf hm, daß Borschriften, welche die Arbeit«- ^seit der Frauen auf ein Minimum beschränken, im der Zeit sich als eine Wohlthat für die Menschheit erweist« würden. Wir Juden können dieses au« Erfahrung bestätigen, ^denn es steht fest, daß kein jüdischer Arbeiter durch ein! Gesetz gezwungen zu werden braucht, diese weise und humane * Maßregel für sich in Anwendung zu bringen. Herr Logneau ■־. rühmte besonderdie Mäßigkeit der Juden. Ein Jude, sagt > er, ist selten ein Trunkenbold. Dagegen verhüllte er auch eine Schattenseite nicht; denn nach statistischen Angaben glaubt« er dir Behauptung aufstellen zu dürfen, daß es eine - große nervöse Erregbarkeit unter un« giebt, welche die ^L-uelle ernstlicher Krankheiten werden kann. Wenn dieses ׳ sich bestätigen sollte, so würde cs sich geziemen, den Ursachen; oicher Erscheinung nachzuforschen, nnd würden wir Herrn Logneau für diesbezügliche Winke aufrichtig dankbar fein. I» Ermangelung anderweitiger Ursachen glauben wir dieselben in der ungcnügendtn Betheiliauug unserer Jugend an Spielen in freier Luft und gymnastischen Hebungen suchen £ müssen. Ei« regere Brtheiligung an denselben würde Nerven stärken und ei« Gegenwirkung gegen die Folgen . tat sitzenden Lebensart am Stuoirtische üben. Die Ursache . kann aber auch tiefer und zwar in den häufigen Wechselpheirathen liegen. Dieser Wink wird hoffentlich dazu bei- [■ Inmen. die Aufmerksamkeit competenter Fachmänner auf die hochwichtig« Frage zu lenken. Anerifa. v Hkew-Hsorü. (Schreckliche Aussichten für Rußland.) f Der Londoner Correspondent der .New-Aort Times" Harold ärederic hat im Aufträge dieses Blattes ungefähr zwei lonatc in Rußland zugebracht, um sich von den dortigen ׳ Borgänge» durch den Augenschein zu überzeuge». Herr Serie ist ein besonnener, gewissenhafter und konservativer iftsteller, und da man ihm keine speziellen Instruktionen ilt und er weder um das Wohlwollen der Russen, noch * der Juden zu buhlen hat, so scheuten wir seinen Berichten ' nnbedingteS Vertrauen. Am «. September brachte die.Times״ Bestien summarischen Bericht über seine Reist, welcher schauderft* Mittheilungeu enthält. Wir heben Einigcs auS diesem sebeticht hier (nach der Uebersrtzung de« Herrn L. Lohe») or: »Ich bin von einer fast zweimonatlichen Reist durch jland, welche sich von Petersburg im Norden uod Nischnei- »rod im Osten bis nach Odessa im Süden erstreckte,, und Hab« außerdem ei« große Strecke des' r*.., österreichischen und deutschen Grrnzgebietes Alles, was ich sah, überzeugte mich, wir erst beim Beginne der Judenverfolgung eu und d>^gewaltig« Erschütterung, auf welche diest Wettersahm hinweist, nicht «ehr fern ist. hntschen. Nene Edikte über viel strengere Maßregel« finb' bereits erlassen. . Es gelang mir, von manchen derselben Abschriften zu erhalten, jedoch gewähren diest noch keine« Einblick in vas Ende der Schrecke». Di« Bewegung ist in' der That an einem Punkte angelangr, daß es der Loasiseation jüdischen Eigsnthums in Fabrikn und Handlungshäusern, die nach 1882 in Besitz der heutigen Inhaber kamen, durch «or Gesetze, wie solche in den letzten 10 decretirt wurden, keineswegs mehr bedarf. Sie begann schon vor Monaten und von hier bis zur gänzliche« Aus- Plünderung ohne Rücksicht auf Zeit und verbriefte Recht« ist ׳ nur ein kleiner Schritt. Di« Judenverfolgung ist nur zufällig gegen die Juden gerichtet, in Wirklichlest ist sie aber nur die Einleitung zur Austreibung aller Fremden nnd Nichtorth»- boxen aus dem russischen Reiche. Innerhalb der nächsten sechs Monate werden mehrere hunderttausend deutsch«, englische und ander« ausländische K^ufleute sich in derselven Lage befinden, in welcher heut« die unglücklichen Juden schweben. Auch jene werden ausgetrieben werden, uud die Burraukratir St. Petersburgstrotzt schon von Verzeichnissen und Plänen zur praktischen Eonfiecation des ungeheuren Vermögens derselben. Wenn es nun hierzu tomckeu wstd, so ist wenigstens die Aussicht vorhanden, daß das übrige Europa sich einmischen und ein Mittel ergreistn wird, den grausamen Excessen panslavistischen Wahnsinnein Ziel zu setzen. Außer dieser Möglichkeit, durch einen Krieg von außerhalb Hilst zu schaffen, giebt es noch innerhalb ein ebenso traurige-, aber nicht so leicht zu umgehende- Mittel, der Barbarei ein Halt zu gebieten, nämlich die Hungersnoth. Mit einer wahren Verblendung, welch« unglaublich scheinen würde, wenn nicht die Geschichte Spantenein ähnliches Bei» spiel aufzuweisen hätte, hat Rußland sich beeilt, seine tüchtigsten Handelsleute gerade zu einer Zeit auSzutteiben, als ihre Hülst am allernöthigsten war, da» Land vor dem Untergange zu retten. I» diesem Jahre war bekanntlich in Rußland ein großer und beklagenSwerther MißwachS. Wa» aber weniarr bekannt ist und was die Behörden in PeterSbürg nur dunkel fassen zu vermögen scheinen, ist, daß ei« beträchtllche Menge Brodtorns, welches starkem Froste und anhaltender Dürre widerstand uud welches bei der Schätzung der Ernteergebnisse eine große Rolle spielt, gar nicht eingeheimst wurde, sondern verfault auf den ausgedehnten Steppen des Korngebietes umher liegt Die Erklärung dieser Erscheinung ist ganz einfach. Ja den kornerzeugenden Distritten Rußland» ist e» Gebrauch, daß die jüdischen Fruchß^ndler die Gegend durchreisen, das Korn auf dem Halme* kaufen und das Geld dem Eigen» thümer zu seinen Ausgaben für die Erntebedürfniss« vorausbezahlen. Dieser Bvlschuß ist von wesentlicher Bedeutung, weil der Landbesitzer immer von dem Verdienste des nächsten Jahre» lebt und keine eigene Baarschaft vorräthig hat. Dieses Jahr aber haben dir Juden im Hinblick auf die ih«n drohcnde Verbannung üud Ausplünderuag nur sthr wenige Kaufgeschäft« abgeschlossen. Sie dachten nur daran, Alle» zu Geld zu machen, nicht aber, ihr Geld in Geschäften anzulegen. Die Folge hiervon war, daß ganze Korndistrikte keinen KL»fer gesehen haben, und di« Eigenthümer, da sie keim Vorschüsse erhielten, außer Stande waren, mehr als einen verschwindend geringen Theil ihrer Frucht einheimsen zu können. Ich habe mich perssnlich hiervon übeqeugt uud tn Odessa Beweist erhalten, daß dieser Zustand über weite G.biete sich «streckt. Ein solcher Zustand «Uß unausbleiblich Unordnungen und Auftuhr im Gefolge haben. Schon stit Monaten haben di« großen Grundbesitzer sich daran gewöhnt, nur, mit Revolvern zu erscheinen und ihre Schlafzimmer mit Feuer- Waffen zu versehet, weck so etwas in der Lust schwebte, was ihnen jagt«, daß di« Unzufriedenheit der Landleut« de« höchsten Punkt erreicht Hütte. Offenbar wird sich diest Be-