Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 42/43 (17.10.1891)
- Date
- 1891-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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«nb fort bat Gottrtowrt bt den Ohre«: ,Ulck D« sollst Dich freue», Du-und Dem -mcht und Dein« Magd!' Wer ist der Herr? Wer ist der Knecht? Weißt Do es schon? Nun wohl, freue Dich der richtigen Einsicht! _(Shluß folgt.) Die Pste-e »e» ״jRdifche» Vew«^ts«i»A. von I Heizberg-Vromber-. 4$ III. Werfen wir nunmehr unseren Blick von der Vergangenheit auf die Gearnwart, und suchen wir zu erforschen, wa» diese zur Erstarrung des jüdischen Bewußtseins darzubieten hat. Bar winzig und gering sind ״och jene Momente, die et wären, hier fördernd zu wirken. Haben doch die rhältnisie im allgemeinen eine ganz anders geartete iltung angenommen, durch welche die verschiedenartigsten _ rebunaen der Einzelnen wie der Gesammtheit ein ganz anderes Gepräge, und deren Denkungsart eine wesentlich veränderte Richtung erhalten haben. Gebrochen ist der mehrtauseudjährige Bann, der sich mit schier ertödtender Wucht auf unsere Volksgemeinschaft gelegt hatte. Gesprengt sind die Fesseln, die sie an einen engen Kreis ketteten. Hinaus- «treten find ihre Glieder in das große Weltgetriebe, nm an dem großen Werke der Menschheit mitzuarbeiten. Von dem Mächtigen Strome des BerkehrolebenS haben sie sicb mit fort« reißen lassen, immer größere Kreise beschrieb ihre Lebensthätigkeit und mit ernstem Eifer nahmen sie in ungeahnter kurzer Frist thätigen Lntheil an dem Ausbau all der geselltihaftlicheu Institutionen, die der Förderung der Wofstfahrt der Gesammtheit gewidmet sind. Gefallen find so manche Schranken, die ihre Schaffensfreudigkeit ehedem herunterstimmten und ihrem Wirken enge Grenzen zogen. Mit freudigem Willen weihteu sie seitdem, soweit ihnen die Wege hierfür offen standen, Mittel und Fädigkeiten den nationalen Bestrebungen desjenigen Lander, das ihnen eine Heimath bot. Die S«nunge» der Humanität und deren köstlichste *d, die Toleranz, «achten de« Blick freier und gaben Zdeen einen kühneren Aufschwung. Einem unwideistrh- Drauge «horchend, suchte und fand man eine immer «ößere Annäherung an die Außenwelt, die durch jene Segnungen begüns.'gt wuide, und bald durchwehte die eigenen Heimstätten ern frner, frischer Luftzug. Man begann freier antzuathmen, man verspürt« daSWohlthurnde jene» e, quiekenden Hauches und verschloß sich seinen Einwirkungen nicht mehr. Mit diesem Hinaustreten in'» große Welttreiben aber begannen allmählich di« Bedürftiifl« zu wachsen, und es wurden Trieb, rege, die ehemals fremd geblieben waren, «id die lediglich durch die geänderte Lebensstellung und Lirkuugsart grweckt wurden. Reben der Befriedigung all dieser «uen Kedürfniffe regte sich der Ehrgeiz, da« verlangen nach Wohlstand und hoher Stellung. Diesem Brrlau«» konnte aber zumeist nur Genüge geschehen unter Ausgeben geheiligter Jnterrffen, und die Befriedigung des Ehrgeizes war oft an Bedingungen geknüpft, deren Erfüllung einem völlige« Bruche mit der Befangenheit gleichguachtru war. Dem äußere», vergänglichen Glanze wollte man ebenso wenig entfaae«, als einer den ieweiligrn Fähigkeiten entsprechenden Stellung in der Gesellschaft. Daher gab man, erst wohl schweren Herzens, bald aber leichten Sinnes, jene geheiligten Jnterrffen dafür prns und zerschnitt die Fasern, mit welchen das Herz mit der Vergangenheit verknüpft war. Dieser wichtrge Umschwung m den äußeren Lebensverhältuiffea war von einschneidend« Einwirkung auf da« Lebe» innerhalb der eiaeüen Religionsgemeinschaft. Der freie, frische Luftzug ließ jene heiße Gluth der Verehrung »ad der Begeisterung für den entstammten Glauben immer wehr erkalten und das jüdisch« Bewußtsein ward kn de« Maße zurückgedräugt, als das Interesse für je» e kostbare», ererbten Schä-e schwand. Das religlöst Denken und Empfinden gab dem'jüdische« Bewußtsein immerfort Nahrung Mid ließ es erstarken. Je größer und ver» zweigier aber die Bahn ward, die in's Weltgetümme! hinausführte, je mannigfaltiger die T heil nähme an den weltlichen Bestrebungen der Gesammtheit und je tiefer das Eindringen in Kunst und Wissenschaft, desto mehr ward der immer vorwärt» spähend« Blick von den durch d,e Religion geheiligten Bestrebungen abgelenft, welchen man ein immer sich vermindernde« Jntereffe zuwandte. Die Pflege von Alters her geheiligter Jnstuiionen, sowie da« eifrige Studium in de» religiösen Schriftthum nahm in dcm Maße ab, als für die ersteren dos Interesse, für da« letztere die Vertrautheit mit seinem Inhalte schwanden, nur wenige Bevorzugte bewahrten jene» Jntereffe und erwarben sich diese Vertrautheit, Re heute fast nur noch von einem besonderen Stande, deck Rattinerstande, gefordert wird. So schwanden denn nach und nach alle Faftorrn, durch deren gemeinsames Einwirken daS jüdische Bewußtsein noch erhalten wurde und in Folge dessen konnte e« dem, auch in der Zeiten Läufte geschehech daß weder da« Hau« noch die Gemeinschaft überhaupt in der Gegenwart dem Einzelnen da» zu bieten im Stande ist, was die Vergangenheit in so reichem Maße gewähren konnte. DaS ganze GemüthSleben konzenirirt sich nach einer ganz anderen Richtung hin und findet aus einem ganz anderen Boden eine Förderung, die nicht« weniger als dazu angechan ist, den wahrhaft jüdischen und religiösen Sinn erstarken z» lasten. Jene packende Allgewalt, welche di« durch Herkomme« und Sitte geheiligte» und geweihten Hantirungen ,m engere» wie weiteren Kreise innwohnte, ist dahin, und was ehemals die Gemütber mit Zauberminden gefesselt hielt, that sich verloren im rastlosen Treiben in ander« gearteten Wirkung»- kreisen, in welchen jene Weihe sich verflüchtigen mußte. Während ehemals daS Leben selbst schon ohne irgend welch« absichtliche Einwirkung von außen her daS Gefühl der innigsten Zusammengehörigkeit, die Liede und Begeisterung für Stamm und Glauben au« seinem eigenen Innern heraussprießen, keimen und reisen ließ, bewegt sich das Leben der Gegenwart nur noch auf einem saftlosen, sterilen Boden, guä dem gar selten ohne äußere« Hinzuthun ein Pflänzlein emporfchießt und da« erst nach einer mühsamen, sorgfältigen Bearbeitung Früchte trägt. Wahrlich, daS echte jüdische Bewußtsein, jenes erhebende, mit Stolz erfüllende Gefühl, ein Sprößling jene« ״heiligen Volkes' zu sein, aus dem der Herr sich ein -»Reich von Priestern' gegründet, aus daß es der Menschheit Gottesfurcht und Gesittung übermittele, ist als ein« Frucht zu betrachten, die aus einem Samen ge» worden, der mit Vorbedacht und Sorgfalt zielbewußt in den Herzensboden Versentt worden ist, und der einzig und allein durch da« äußere Leben Befruchtung erhalten kann. Dieses Leben in Haus und Gemeinschaft aber ist keineswegs dazu arrgethan, ern« solche Befruchtung zu bewirken. Daher suchen wir durch die verschiedenartigsten Veranstaltungen auf bvschwerlich«» Umwegen unter Mühen und Vestüverde» da» zu erzielen, was sonst ohr,e irgend welche Einwirawg gezeitigt ward. Da ist in erster Reihe die Schule, welcher me Gegenwart die Lösung von Ausgaben zugewieftn hat, die ihr sonst frnrbliebe«, weil man denselben anderSwo voll ünd ganz gerecht ward: im Elternhause. Zwischen diesem und der Schul« bestand der innigste Eonnex. Heute ist es anders geworden; di« Beziehungen, in welche beide zueinander stehen, sind gar lockere. Ehemals ergänzten sich beide, und die Schule kountr bei ihren Belehrungen auf die Brthätiguag derselben im Haus« Hinweisen; ihr Streben war von Erfolg gekrönt, well das Leben daheim die sichere Handhab« da». Das Kind sah den Vater iu einem inbrünstigen Gebet« sich an den Allvater wenden, und es ward auch andächtig gesttmmt; die Innigkeit, mit welcher die kleinsten Leremomea auSgeübt wurden, übertrug sich auch auf das zarte Gemtsth des aufmerksam lauschenden -indes. So ward die Theorie der Schule im Haust in dst Praxis übersetzt. Heute soll aber dst Schule »eben den eigenen, auch dst Aufgaben de»