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Israelitische Wochenschrift · 1891-10-08 · 41 (8.10.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
41 (8.10.1891)
Date
1891-10-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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ge tammen ganze Schaaren von Auswanderern an, thells ttsgeviesvte, theilS aber auch solche, welche durch die Un- «rträglichkeit der Verhältniffe in ihrem Baterlande gezwungen sind, alle« auszngeben und jensnts de- Meeres eine neue Heimath suchen. Man kann im Ganzen unter den durchziehenden Aus- Wanderern drei -lassen unterscheiden. . Einen verschwindend kleinen Bruchtheil bilden diejenigen, welche äußerlich einen anständigen Eindruck machen. Sie haben meistendaheim in nicht ungünstigen Verhältnissen gelebt, mochten aber die Bedrückungen im Vaterland« nicht ertragen, und kehren demselben freiwillig und zumeist leichten HcrzenS den Rücken, weil sie durch Verwandte oder sonstige Verbindungen sich in der Loge fühlen, im fremden Lande frei von dem Drucke der Heimath ohne wesentliche Schwierigleiten sich anzubürgern und zu einer ungestörten und friedliehen Existenz zu gelangen So mar vor Kurzem eine jüd j Musikkapelle, die ebenfalls durch das Geschick von ihrer disj herigen Heimath vertrieben wurde, mehrere Tage hier anwesend, und sie benutzte ihren Aufenthalt, um auch dem hiesigen 1 Publikum eine Probe ihres -önnens zu geben. Wir müssen! gestehe», daß wir bei diesen Leuten durchweg ein Talent entdeckten, welches uns über ihre Zukunft vollkommen deruhigt, zugleich aber auch den Fanatismus um so schmerzlicher empfinden läßt, der selbst vor dem Tempel der erhabensten Kunst nicht Halt macht, vor welcher doch sonst auch die rauhesten Herzen sich in Demuth zu beugen pflegen. Line zweite -lasse befindet sich zwar nicht in dieser günstigen Lage, erscheint aber trotzdem fähig, sich bei einigem Fleiße und unter günstigeren Verhältnissen als bisher, allmählich zu einer bescheidenen Existenz sich emporzuarbeiten, da die Willenskraft und Schaffensfreudigkeit in diesen Leuten trotz alles Ungemachin der Heimath offenbar nicht ermattet ist Gelingt es ihnen nur. eine paffende Beschäftigung zu finden, so läßt sich mit einiger Sicherheit annehmen, daß sie früher oder später ihre Ausweisung oder die Umstände, welche sie zur fteiwilliorn Auswanderung veranlaßt«», als ein Glück betrachten werden. Schlimmer sieht es freilich^mit denen aus, die moralisch gänzlich verkommen sind, die unter dem unerhörten Druck deS Baterlande» seufzend, jeden Halt verloren haben — und nicht mehr die Energie oder FLlngkeit besitzen, sich aus ihrer Versunkenheit und geistigen Abgestumpftheit emporzuheben. De-׳ Anblick dieser Leute ist wohl geeignet, uns mtt tiefer Wehmuth zu erfüllen und die Zukunft derselben muß einen jeden im Lichte gänzlicher Trost- und Hoffnungslosigkeit erscheinen. Nicht minder beklagrnSwerth sind die vielen jungen Mädchen, die wir tagtäglich zumeist ohne jeden Anhang einer gänzlich unsicheren Zukunft entgegen eilen sehen. Biele verrathen durch ihre feinen und edlen Gesichtszüge, die im grellsten Gegensatz zu ihrer sonstigen Erscheinung stehen, daß in ihnen ein guter Kern steckt. Unter günstigen Berhältuissen hätten sie vielleicht gefeierte Schönheiten oder «indeswnS geachtete Mitglieder der Gesellschaft werden können, während sich jetzt unschwer errathen läßt, in welcher Weise die Zukunft dieser beklagen-werthen Geschöpfe sich gestatten wird. Am bemitleidenswerthesten sind indeß die zahllosen kleiueu Kinder, welche zum Thell halbnackt oder doch nur twthdürstig bekleidet, dem Wind und Wetter preisgegeben find. Oftmals befinden sich dieselben nur in Bealettung ihrer Mütter, die ihren früher vorangegangenen Männern in die neu« Heimath folgen. Wie wenig hoffnungsvoll di« Zukunft ist, die ihnen entgegenwinkt, geht wohl am deutnchsten daraus hervor,׳ daß chrr Männer nicht einmal in der Lage sind, die Reisemittel für ihre Angehörigen zu erschwingen. Aber trotz de» namenlosen Elend», dem wft aus Schritt and Tritt bä diese« Leuten begegnen, zeigt sich in ihre» Wesen meistens keine Spur von Bmerkrik oder Hoff» . .. — - vkimehr cttnfCR sie ihr Schick mtt Erarbenheit und -um Theil sogar mit einer gewissen Heiterkeit des GttNüthes, die dem Bttvußtsein entstand, sich dem Druck de« Baterlande endlich entziehen zu können. Die» zeigt uns am deutlichsten in welch' unerträglichen Verhältnissen die Leute bisher gelebt haben müssen und manche, dnen Zukunft un« völlig hoffnungslos erscheinen würde, erklären geradezu heraus, schlimmer als bishä könnte eS ihnen unter keinen Umständen ergehen. Nicht minder spricht für den entsetzlichen Druck, unter dem bicff im Baterlande seufzten, die für uns gerade unbegreifliche Arngstlichktit und kriechende Unterwürfigkett, mit der sie jeden noch so niedrigen Beamten, namentlich dem Eisenbahnpersonal, begegnen. Um so dankbarer zeigen sie sich deshalb auch für jeden noch so un« bedeutenden Dienst, der chnen seitens dä Eomitre's oder anderer Leute erwiesen wird. Für jeden Rath, den man ihnen ertheilt, können sic nicht genug Dankesworte finde». Urberhaupt zeigen sie in der Regel den Comiteemitglieder« gegenüber, sowie jedem Anderen, der sich ihrer annimmt, einer Harmlosigkeit und Vertrauensseligkeit, der nur ihr geiadrzu kindliche Hilflosigkeit an die Seite zu stellen ist. In anderen Fällen freilich zeigen sie auch ein unerhörte» Mißtrauen. Auch niedriger und gemeiner Denkweise begegnen wir nicht allzu selten. So äußerte neulich einer dieser Leute gegen den Vorsitzenden de» hiesigen Grenzcomitee'S, ganz unverfroren, da- Comitee verdiene an den Auswanderern noch Geld und die Mitglieder derselben wollten mit den von Herrn Baron Hirsch für die Ausgewieftnen gespendeten Mitteln ihre eigenen Taschen füllen. Aber zur Ehre der Auswanderer darf man behaupten, daß derartige Borkommniffe zu den Ausnahmen gehören. In der Regel ist vielmehr ihre Harmlosigkeit, ihre mehr als mangelhafte Bertrautheit mit den Verhältnissen so groß, daß sie der schämlosesten Ausbeutung zum Opfer fallen würden, wenn die Lomitee'S nicht auch in dieser Hinsicht ihnen nach Kräften zur Seite ständen. (Schluß folgt.) Gerichte tm> C«rrefP»»den?e». De«rfck>t«nd M«gdeA«rG. Aus dem in Nr. 37 unter .London" erwähnten Artikel der Madame Brewer in der Zeitschrift ״Sund*y et Home“ verdient folgende Stelle weitere Brrbreitung: ״In unserer Mine, obschon von na« abgesondert, lebt ein BoltS» stamm, von dem wir oft nur wegwerfend sprechen, von dessen Ga» wohnheiten, Redeweise, Sittrnlehre, Einfluß und Lebensweise wir aber so wenig wissen, als von denen der Bewohner deS äußerste« Erden- Winkel». Mr sprechen wohl von de» Inden, dt« wir gewöhnlich ul« eine Last betrachten, die nur da« vrod unserer Armen verzehren. Wir vergessen aber, dir andere Seite de« Gemälde« zu betrachten, welch« sie un« ln ihrer Mäßigkeit, Strebsamkeit, Geduld, Selbstverleugnung, Selbstständigkeit und Opsrrwwtgkeit zeigt, welche aus unser« «tarnen Armen, unter denen sie leben, nnr den wohlthuendste» Einfluß autüben können Gleichzeitig vergessen wir auch die reiche» Juden, welche unter un« leben, deren Reichihu« in die stassen unserer Geschäftsleute fließt und deren Fürsorge für ihre ärmere» Brüder völlig verhindert, daß diese den öffentlichen Kaffen tue Last fallen. Do sonderbar «4 auch scheinen mag, die größte» Denker halte» dafür, daß e« rin großes Unglück und nicht ei» Segen sei» würde, wenn r» alle» Juden tu London etnsallen würde, da« Land zu verlaffe», ohne zurückzntehren. Manche« Geschäft, welche« dazu beiträgt, London« Reichlhum zu hebe», würde mit ihr»«» verschwinde» und unsere eigene» Armen, wen» sie auch die Wohnungen der Abztehenden zugewiese« er» hielte», würde» gleichzeitig die öffentliche StrnerNaffe bedeutend erhöhen," JK«|M«t|. Den jüngsten ,Mittheiluagen" des D^J. S.-B. entnehmen wir, daß von demselben an 70 kleinere Gemeiuden Zuschüsse zu den -osten de» zu erthellenden Religion»- unterrichtgewährt wurden; Beiträge zum Bau von Shnagoge, Schulhaus, Friedhof rc. in den letzten zwei Jahren an ö bedürfug« Gemeinden. Die .Bibliothek" de» Bundes zählt gegenwärtig etwa 4000 Bände. Von besonderem Werthe sind die Rubriken HI (Bereiasberichte und Statuten), IV (Juristische Schriften, Emancip ationSftage und Antisemitenbeweguug BetreffnrdeH

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