Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 41 (8.10.1891)
- Date
- 1891-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— Noch einmal mutz er träumen? Der zmn Riesen empor» gewachsene Erdensohn wälzt Block auf Block heran, fügt Felsen auf Felsen und formt Alle» zur scheinbar unbeweg» lichen Höhe. Und auf de» Thurmes Himmelanstürmen den Gipfel treiben bald neckische Unhold« ihr bethörrndes Wesen und der bildnerische Gigant verehrt sie. die Werke seiner eigenen Hand, als seine segenspendendenGenien. Da erscheint geschmückt mit dem lichtumwodeue» Heroldsstabe ein Bote aus längst vergessenem Lande, dem einst der Erdensohn selbst anzrhört als seine- König- Diener. Doch der Mensch verleugnet frech seinen ehemaligen Gebieter, bis jener Bote, i» Bewußtsein seines Auftrag-, da- Riesengebäude zerstört und seinen First, die puppenhaften Irrlichter, zu Boden schmettert. — Der Mensch erwachte aus seinem traumhaften Schlummer und führte sich die schemenhaften Gebilde desselben noch einmal vor. um auihnen zu lernen, wohin ihn der Abfall von seinem Schöpfer und der Dünkel seine- Herzens führen könnte. Schon begann er mit seinem erwachenden Bewußtsein sich allmählich von der Erhabenheit seine- Schöpfers zu überzeugen und die rings um ihn erstehende menschliche Mitwelt zur geistigen Gesellschaft auszufordern Doch noch immer lag, wie ein undurchdringlicher Nebel, das wahre Wesen der göttlichen Majestät vor seinem i geistigen Auge; wohl erleuchteten der Sonne Strahlen seinen , sich schärfenden Blick, aber in die Sonne selbst zu schauen,! vermochte er noch immer nicht. Und während die Welten-! chörr der Cherubim und Seraphim ihr dreimal geheiligtes Hallelujah dem Einig-Einzigen zujauchzten, konnte ihnen der Mensch in ahnungsvoll empfundener Zuversicht nur sein lautestes Amru entgegenrufen. In solchem, umfasiendem Bilde zogen vor meinem Auge die vergangenen Jahre der Menschheit vorüber, da ich am weihevollen Neujahrstage den Schofarton vernahm, und es war mir. als erschallte erst jetzt der göttliche Werderuf und puderte die anzustaunende Welt in'» ewige Dasein. Und ich hätte wahrlich wähnen mögen, daß sie erst heut entstanden, hätte fast die gewaltige Vergangenheit, die Ent- Wickelung des Menschengeschlechtes, vergessen und geglaubt, wir stünden am Beginne der Zeittu und hätten nicht mehr und nicht weniger vor uns, als die Zukunft Doch wir ruftn uns nach jedem Theitt des dreifach gegliederten CycluS der Schofattöne, die wir während des Gebetes vernehmen, erinnernd zu: .Heut ist der Tag, da die Welt entstand!" und mahnen uns selbst an ein Leben in Vergangenheit, Gegenwatt und Zukunft Jo, in dem vermitttlnden Jetzt stthen wir als treibende Fattoren der Geschichte der Menschheit: drum bleiben wir uns allezeit desien bewußt, daß ein Jeder von uns einen Ring der Kette blldtt, in deren unlöslichem Zusammenhang wir alle wirken! Jauner streb« zu« (Banken, und kannst Du selber kein Ganze« «erden, .Als dienende« Glied schließ' an ei» Ganze» Dich an!" Welch' hohe Bedeutung bisher dem innigen Zusammenhatten der Mensche« zugemefsen wurde und auch zugemessen werden muß, lehrt unser auf grübelnder Erfahrung beruhendes Denken und Sinnen, das auf den Erfolgen der Vergangen- Heft die Zukunft erbaut, verkünden ganz besonderuns die geistig erleuchteten Weisen, indem sie dazu erstrebende Gotttsideal der Menschheft .Frieden im Ganzen" nennen. Doch die erhabene Gottheit, hellsehend und allwiffend, lehtte schon am ewig unverbrüchliche Wahrheft, legtt im uralten Lebens seiner Kinder Pflichttn dar, damit sie geübt vfi von de« Tage an, da Israel ein Volk ward, geeint durch, gesetzliche Freiheit, geeint durch seines Gottes Schutz. Frei», lich! noch ferne lag das erhabene Ziel, nach welchem es freudig strebtt, fern lag es. zur Zeit da die Knechtschaft-- fesseln gesprengt waren, als in nie gekannter Wonne gott»r geschützte Freiheit Israel zum ersten Male umfing. Kaum ein neues Gesetz zügelte das siegestrunkene, von vollster Sehnsucht bewegtt Volk und nur des Körpernervige Arme suchttn das Weltengebäude zu umfaffen. — Doch horch! Auf des Sinai wolkenumschlossener Höhe läßt sich die unsichtbare Gottheit nieder und der Engel Trommrttnstoß lädt Israels Schaaren zur verantwortungsvollen Uebernahm« der Erziehung der Menschheit ftierlichst ein: .Ihr stehet heut vor dem Ewigen, eurem Gotte! Ihr Alle, eurer Gesammtheft Einzelwesen stehet in gegenseitiger Bürgschaft vor eures Lebens Ziel!" Und wenn auch heftige Stürme dahinbrause» über Israelgottbegeistette Schaaren, wenn auch; wie das Damoklesschwett, bisweilen ein schwere- Berhängniß schwebt und unseres Volke- Bestand zu bedrohen scheint, so darf des Gläubigen Herz niemals verzagen und das fteudige, erhebende Bewußtsein seiner hohen Aufgabe verlieren. Wer versteht denn die geheimen Züge im Walten unseres weisen Schöpfers? Nur des höchsttn Gottesgeschöpfes unwürdiger Kleinmuch verzagt ob herben Mißgeschicke-, von dem es bettoffen worden; aber im prophetischen Schwanengefange verkündtt un» R. Amnon in dem ergreifenden >PV> ממה die verborgene Bedeutung göttlicher Strafen, dir das menschliche Thun bewirft, und tthtt uns zugleich, ttotzdem muchig auf der Bahn des Lebens weiterzustreben, denn .Reue, Gebet und Menschenliebe, das Bewußtsein von der unentwegt treuen Erfüllung der Pflichten gegen uns, Gott und unsere Mitmenschen, bannt das Bittre der göttlichen Fügung." — Und wie dereinst nach der ersehnten Befteiung aus Tyrannenhand Israel am Feste der Offenbarung ermahnt, ward, in edler Freude die Erfüllung seiner Lebensaufgabe zu erstreben, so ertönte auch nach der schweren Zeit der Wüsten- Wanderung der gleiche Gottesruf: .Ja, Du sollst Dich freue« — vor dem Ewigen, Deinem Gotte, — an Deinem Fest«, Du, Dein Sohn und Deine Tochttr, Dein Knecht und Deine Magd, der Levitt, der Fremdling, die Waise und dft Wittw«. die — in Deiner Mitte — in Deinen Thoren weilen.'׳ (Deuteronomium 16,11,!«.) — In diesen Watten ist Israels Menschenberus gegeben,. aus chrer vollen Bethätiguag erwächst wahre Freude! (Fortsetzung folgt.) - S5 ־ 3 Die N«»w«iftmOe» «m- 9tttfel«w). Van Lehrer I. Speyer 1» Lydtkuhnen. Di« Massenausweisungen in Rußland, welche seft Mo-f nattn bereit» mit jedem Tage einen größeren Umfang annehmen, machen sich in Deutschland nicht minder schmerzlich.^ fühlbar, als i« der Heimath der Ausaewiesene» selbst, uns s namenüich die Orte der preußischorssischen Grenze biete« ein ebenso farbenreiche» wft trauriges Bill» von dem Lebe« und Treiben, sowie von den Berhättmsien dieser Leutt und nicht minder von dem Elende, welches über Tausende von Existenz«-.^ durch den Fanatismus eines einzige» Mannes, durch die j Schlechtigkeit seiner Ratgeber herringebrochen ist. Mft jefcr1 '־־