Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 38 (17.9.1891)
- Date
- 1891-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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1ib lOeteitwilligkest aittaebrikfi; den Unterricht bei meinem ,lieben Freunde" zu ertheilen, den sie ihre« im Tonfittnanden» alMr stehenden Sohne nur privatim geben lasten wollte. Da mein lieber Zögling eine lebhaft« Phantasie und ein,Me« Fastung-vermögea befaß, dabe» noch in nicht allzu ׳V junge» Alter stand, so ward der biblische Veschichtöunterricht ^4ehr erleichtert und ich konnte den ethische» Werth der Kenntniß f^ der jüdischen Geschichte überall hervorkehrrn. Auch auf daifche Lesen und Uebersetzen konnte ich genügend Zeit - verwenden, und kaum hatte ich eso west gebracht, daß der Knabe da- ,Sch'ma" gut lesen und übersetzen konnte, so schürfte ich ihm rin, die- Sebetstück alltäglich vor dem Frühstück z« sprechen. Auch die übrigen kleineren Gebeistücke erfuhren «ine gleiche Behandlung. Ich hatte von vornherein!mein Augenmerk darauf gelenkt, meinen Schüler mit dem ,praktischen" Judenthum vertraut zu machen, waich, wie Vorerwähnt, für überauwichtig hielt. Auch die Einflechtung »idrasch,scher Erzählungen erwiesich begreiflicherweise aldurchaus geeignet, da- Gemüth de« Knaben religiözu stärken. Zu meiner außerordentlichen Freude eizählte mir die Mutier, «st welcher Andacht und Gewissenhaftigkeit ihr Sohn alltäglich de- Morgensein Gebet verrichte und sich in seinem Bor- 'rt haben durch da- Gerede seiner Verwandten nicht stören laste, k.. Bald nahte die Zeit der großen Ferien wieder und ich ftlegte wir die Frage vor, ob ich den Unterricht noch in der kurzen Zest zu einem mögliche« Abschluß bringen oder in ruhigem Gange denselben weiterfortsehen solle. Ich ließ , Mütterchen intcrpclliren. Sie fragte mich, ob ich den Unterl: riehtbizu den Ferien zu Ende führen könnte, oder noch -etwalänger fortsetzen müßte. Darauf entgegnete ich frei: Ich hielte efür Elternpflicht, ihren Kindern, welcher religiösen Richtung sie auch angehörten, eine genaue Kenntniß und llemmg aller Vorschriften de- Glaubenzu ermöglichen, damtt sich da- Kind in späteren Jahren, wenn Erfahr»« und Urcheil-vermögen vorhanden wären, frei entscheiden un! Sicht «M-rufen könnte: Muh lehrten Die- oder Jenemeine Elter» nicht; wie sollte ich «- üben können? — Die Mutter ׳ -stimmte mir bei, und so erklärte ich offen: Ich wünschte, daß mein-Schüler Tefillin lege! Auch dageschah! Und dabei wußte die Mutter recht wohl, daß ich der strenggläubigen Richtung angeböre, und doch mußte sie mir Recht geben. — Und der Knave legte Tefillin, ebenso wie er da- Sch'ma betete, selbst dann noch, als ich den Unterricht bereitgeschlossen hatte. Gleichwohl belebte ihn sein Umgang keine-- ,wegfür ,praktische" Religicsität. — Ich war späterhin einmal zur Ehanukahzeit nach Berlin zurückgekehrt «ad nun lud ich meinen ,alten" Freund zu einem Besuche tu Lichterweihe ein. Er kam, freute sich deerhebenden ledankenS, den ich ihm angesichts deflammenden Lichter-!Meere« au-einandcrsrtzte und schrieb sich, sichtlich ergriffen, flammenden .Worte" in sein Herz. Wir kamen auf frühere- Zusammenleben zu sprechen, ich erkundigte nach seiner Andachtübung und er erzählte mir, daß ihm; Mütterchen die Tefillin fortgenommen und ihn der Pflicht» Übung entzogen, ,da er diese nun einmal doch kennen gelernt." ,Er habe sie aber wiedergefunden und sein stille- Gelöbniß gehalten, bis sie ihm zum zweiten Male auf bisherige- ,merwiedersehen verschwanden. Der Anabe war vatrrlo», und ich weiß nicht, ob mir!der Bater überhaupt so viele pädagogische Freiheit gestattet Aber immerhin kamen mir die Worte R. Josua'r b. in den Sinn: Soll nur da- Kind de- Lebensich ^«freuen, daeinen Vater noch sein eigen nennt; doch vaterlos ־ d'S nicht gedeihen, in sichren ,Tod" efürder rennt( ypato «qta 84 b). Verzeihung, lieber Leser, wenn ich allzu eingehend «in» Erlebnistr geschildert. Aber mir lag rdoch so nah rstdßlaubte Mancherlei hierau» ableiteu zu können. Wie Mar emir, dem schlichten Studenten, geworden, durch! des Kickdeauch da» der Mutter zu gewinne»! |wt «upgen Leben-¬ b ~ 5JHmm freude; denn ich hatte de- Oeftrren Gelegenheit konsequenten Ernst und mäßige Strenge mst mütterlicher Sorgsamkeit und Zärtlichkest veruuuftvoll gepaart zu sehe«. Wohl aber fühlte da- Mutterherz, daß ich egut «eint« mit ihrem Kinde und aufrichtig seine« geistigen Wohle zu dienen gewillt war; da- »hat der Wachsamkeit oer Mattone wohl. Und ich glaube, den Schluß »iehen zu dürfen, daß die innige Antheilnahine an der Au-tnldimg de- Familiengeistt-, der Familienglieder von Seiten degeachteten Lehrer- oder Rabbinernoch weit größere Anerkennung und Würdigung finden muß und wird, aldaimmerhin weniger stcherstellend« Auftrettn einejungen Studenten. Und man darf «- ruhig bekennen, ohne irgend welcher häßliche« Rangbildung gezsthen zu werden, daßder Eindruck de- Familienverkehr« degeistigen Oberhauptes «in um so nachhaltigerer sein wird, je weniger geistig« Nahrung und Anregung die Glieder debetreffenden )amilirutreiskin sich besitzen, je geringere geistig« Selbst» tändigkeit sie empfinden. (Schluß folgt.) Kerichl» ««* SOrrrfpOndMye«. Dewtschtvvd. Msgde-urg. Während in Berliner Tageblättern hi», und hergeschrieben wird, ob Baron Hirsch «ine Ansiedelung der rus>»schen Juden in Vorderasten plane und man sich bereit« de- Langen und Breiten darüber ergeht, welche Ge. fahren event. damit verbunden seien, veröffentlicht die Londoner .Jewi-H Lolonisation Association" in der ,Time«" ein Aktenstück, audem sich die eigentlichen Pläne de- Baron Hirsch schon etwa« genauer übersehen lassen. ES soll nämlich eure Aktiengesellschaft mit einem Kapital von zwei Millionen Pfund Sterling — 40 Millionen Mark — in'S Leben gerufen werden. Dagiebt 200 Antheilscheine von je 100 Pfd. Gtrrl. Sieben de: 8 Unterzeichner der Statuten, darunter Lord Rothschild, Sir Julian Goldsmith, Ernest Eassel, Mocatta und Benjamin Loui- Lohn, nehmen jcher eine Aktie, Baron Hirsch, der achtt Theilnehmer, nimmt den Rest; alle verzichten im Voraus auf jeden Vermögenvortheil oder Gewinn. Der Sitz der Gesellschaft soll in England sein. Alle Einnahmen, sowie da- 'Eigenthum der Gesellschaft sollen auSfchließlich. der Erreichung deeinen Zweckeerhalten bleiben, nämlich der Beförderung der Juden auallen denienigen Gebiet-theilen Europa'« und Asien», in denen sie m staatsrechtlicher Beziehung anderen Gesetzen unterworfen sind als die übrigen Staatsbürger, uach den übrigen Erd. theilen den thunlichsten Vorschub zu leisten. AuS diesem allgemeinen Umriß schon leuchten zwei hochwichtige Punktt hervor, die wir Hervorbeben wollen; ersten-, daß da- Unttrnehmen de» Baron Husch sich grundsätzlich nicht lediglich auf russ ifche Juden bezieht. DaS ist von großer Wichtigkeit, denn, indem die Ansredelungsgesellfihaft jeden ausdrücklichen Hinweis auf RuKand vermeidet, nimmt sie ihren Plänen die 'etwaige gegen da- Zarenreich gerichtete direkte Spitze. .Auch den rumänischen, marocranischen, persischen Juden kann z. B. unter Umständen diese- Hirsch'sche Unternehmen zu Gute kommen. ES sollen nämlich alle Juden, die in irgendwelchem Staatt unttr einer Gondergesetzgebung oder unter einer barbarischen Verwaltung-Willkür jn leiden haben, durch die vermittelnde Unterstützung ftner Gesellschaft »n andere Länder befördert werden. Namentlich sollen in Nord- oder Süd» amerika Kolonien aller Art (landwirthschastliche wie commer» zielle) gegründet, und mit allen Einrichtungen ausgerüstet werden, welche zu ihrer gedeihlichen Entwicklung nöthig sind. ES geht aber ferner audiesem Plane hervor, daß nicht blo« Amerika rrsp. Argentinien für die Ansiedelung in'« Auge gefaßt ist, sondern alle Länder. in denen die räumlichen, socialen und gesetzlichen Berhältniffe eine Niederlassung der Jude« begünstigen^ Hiern^ wären also Palästina,