Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 36 (3.8.1891)
- Date
- 1891-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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r Ein 601( nun/ daseine Geschichte durch alle Zeiten jjini i» Grdäcbtniß bewahrt, und somit mit de« Generationen ngst dahingefloffeuer Zeiten sich eng verbunden fühlt, wird Allemal eme» heilsamen Einflüsse« seiner Vergangenheit auf ׳sein« Gegenwart gewiß sein; der alte Geist, der dir Bergangenheit durchströmte, wird auch der Gegenwart in seinen ureigensten Wesen erhalten bleiben. Gelten diese Wahryeitep für die Geschichte eines jeden Volkes ,im Allgemeinen, so haben sie für di« Geschichte vtS jüdischen Volkes eine bei Weitem höhere Bedeutung, denn während bei allen anderen Rationen VolkSgeschichte und Airchengeschichte getrennt anftreten, finden wir in der Geschichte des jüdischen Volkes beide Theile der historischen Forscknna aus- Engste miteinander verknüpft. Die jüdische VolkSgeschichte ist zugleich jüdische Glaubrnsgeschichte. Das jüdische Volksleben War seit der grauen Vorzeit durch die Religion geweiht und neheiligt. welch letztere den mannigfaltigen Bestrebungen für die Interessen der Gemeinschaft die Richtung gab. Kunst und Wissenschaft standen im Dienste der Religwn. Selbst die sozial'politischrn Bestrebungen des ehemaligen jüdischen Staates galten weniger dem Ausbau deS äußeren Staatsleben», als vielmehr einer Erstarkung im Innern, damit di« Fähigkeit erhalten bleibe, der hohen Aufgabe gerecht bleiben S können, welche auS der von der Gottheit selbst zuertheilten ission, ein Religionsvolk zu sein, sich ergab. Dies« hohe Ausgabe ist es zu allen Zeiten gewesen, die der jüdischen Stammesgemrinschaft stets, auch als sie ihrer staatlichen Selbstständigkeit beraubt worden war, fernere Lebensfähigkeit verlieh. Wäre jene erhabene Mission nicht gewesen, schon längst hätte eine Assimilation mit denjenigen Völkerschaften pattgefunden, zu denen sic in nähere Beziehungen getreten. Der Bestand der jüdischen Genossenschaft war demnach dadurch bedingt, in welchem Maße jene Mission zur Geltung «langte, ein Ausgeben dieser Mission mußte unter allen Umständen «in Schwinden, ein Aufgehen in die anderen tztammrsgrmeinjchasten zur natürlichen Folge haben. Hieraus folgt wieder, daß ein Verfall des von jener Mission getragen«« Glaubens eine Verschmelzung mit denjenigen Glaubens- Gemeinschaften hätte zur Folge haben müssen, unter denen di« Angehörigen des jüd. Stammes geweilt, deren Sitten und Gebräuche sie unter Ausgeben der eigenen, überkommenen, Samen, wodurch sie dem spezifisch jüdischen Bolksgeist worden und das sogenannte .jüdische Stammesein" völlig geschwunden wäre. Jedoch Dank der Thatsache, daß der jüd. Stamm zu allen Zeiten unter allen Umständen jener Mission sich de- Mußt blieb, erkaltete nimmer die heiße Liebe für seinen Glauben, >«d der jüdische Stamm steht heute noch als ein leuchtendes Aeugniß des unerforschlichen, göttlichen Waltenda. Das erhebende Bewußtsein, dem jüdischen Stamm« anzugehören, fetzt das hehre Bewußtsein, dem Glauben dieses Stammes treu anzuhängen, als selbstverständlich voraus, wie umgekehrt der glaudenStreue Jude, dessen Herz für seinen angestammten Glauben warm schlägt, immer mit Stolz da« Bckenntniß in die Welt hineiurufti ,Ich bin ein Jude!- Selbst die Gegenwart, der man ganz besonder« den Mangel eines religjösrn Bewußtseins zum Vorwurf macht, bestätigt diese Bekulptttng. Wer wollte es befttriten, daß der glaubensstarke Jude unter Aufopferung schwer errungener, irdischer Güter mit Stolz und Genugthuung öffentlich stine Stammesangehörigkeit stendig bekundet? Haben hierfür nicht unsere ^art bedrängten und verfolgten Brüder in Smolensk in den Ängsten Tagen ein auch für künftig« Zeiten leuchtendes Beispiel geliefert? Der Geist, der einst bte Vorfahren, die »ts Märtyrer den flammenden Scheiterhaufen bestiegen, und ihr« reine Seel« unter dem lauten Bekenntnisse, Jude zu bleiben bis in den Tod. aushauchten, erfüllte, beseelte auch Gehetzten, die Kostbares aufgaben, die von der ihnen gewordenen, heimischen Scholle sich losrissen. um nicht ' ten Kleinodes, des bewährten alten Bäterglaubens, ehedem, Trost im höchst»» Leide gewährtes und ihnen den Wanderstab in die Hand druckt». Aber auch da, wo das jüdische Bewußtsein gänzlich ge« schwunden zu sein scheint, wo man alle Fäden, die noch irgend welche Verbindung mit dem väterlichen Glauben darstellten zerriffen, wo man sich der sogenannten .Fesseln des eeremomellen Leben» entledigt und wo man es selbst gefliffentlich vermeidet, als Jude erkannt, oder genannt zu werden, — regt sich des Oefteren die sogenannte .jüdische Ader," jene letzt« Spur des jüdischen Bewußtseins, wenn das Judenthum sowohl, als die Judenheit angegriffen, geschmäht werden und es erstehen ihnen in denjenigen warm« Verfechter, welch« chnen sonst fern gestanden. Was längst durch die Einwirkung äußerer Bcrhältniffe erloschen schien, e» lodert ' plötzlich in heiligem Feuer der Begeisterung auf, der letzte schwache Funke jüdischen Empfindens wird angrsacht und erwächst zur zündenden Zornesflammr, die den Schmäher und Verleumder verzehren möchte. Dieser letzte Funke, der nie und nimmer ganz verlöscht, er läßt immer wieder jenes jüdische Bewußtsein auflominen, sodaß das .jüd. Herz" sich nie verleugnet, nie verleugnen kann. Die mächtige, nachhaltigen Einwirkungen früherer Tage machen sich geltend, das, was latent, verborgen geschlummert, tritt mit Ungestüm in die Erscheinung und wecket plötzlich eine Begeisterung für das köstliche Gut, dem man entfremdet worden. Dieses jüdische Bewußtsein hat denn auch zu allen Zeiten seinen segensreichsten Einfluß auf Judenthum, wie Judenheit auSgeübt, und be>de werden so lange ungeschwächt dastehen, so sehr ihnen die Vernichtung droht und man sie in ihren Grundfesten zu erschüttern droht, als jenes Bewußtsein lebt. Die voinehmste Aufgabe der Gegenwart, da aller Orten dem Judenthum und seinen Bekenner» Feinde erstehen, ist nnn, dieses jüdische Bewußtsein da. wo es noch rege ist, zu fördern und zu kräftigen, wo es schlummert, zu neuem Leben zu erwecken. Wie diese hohe Ausgabe zu lösen sein würde, das möge in Folgenden dargelegt werden. PLdagsgifche Briefe. Bon 8. gvnigSbrrger»gattowip Hl. Bortheile der confesstonrllen Schule. Wir haben zwar im Vorigen bereit» die Hauptmomcntr zur Sprache gebracht, die sich für die confrssionelle Schule in« Feld führen lassen; es dürste aber vielleicht noch angebracht sein, näher auf die Emolumente einzugehen, welche eine diesbezügliche Handhabung der Erziehung und düs Unterrichtes ergiebt. Dawir hierbei mehr den throrettschrn als den praktischen Unterricht im Auge h i den, braucht nicht erst betont zu werden. Da» liegt auf ber Hand. Schon die Männer der alten guten Zeit, weisen, ohne Handwerk und kvrprrliche Thätigkeit außer Acht zu lassen, auf den wiffrnschastlichrn, geistigen Unterricht hin. Unsere Talmudlehrer schätzten vielmehr die Arbeit als wesentlichen Bestandthell der Lebensfunctionln so hoch, daß bekanntlich die hervorragendsten derselben neben ihrem Namen auch den Gewerbrstand nennen, dem sie angrhörcn; und noch heute lernen in praktischer Fürsorge und gut anerkennender Ermunterung Fücstrnföyne in allen Stufen neben chren Standcsbcrufspstichten auch irgend ein« Handwerkskunst kennen. Da» Lernen, mein! daher R. Atiba an vielen Stellen des Talmud, hat einen höheren Werth, als die bloße Ausübung materieller Arbeit; denn die Aenntniß und das Berständniß der theoretischen Dinge drängt aucb zur Ausführung, — und die übrigen Gelehrten des betreffenden Gelehrten-Krrises bekräftigen die Behanptung ihre» Lehrer». Kehren wir zu unser« Thema zurück! Da heben wir zunächst hervor, daß es indSd konfessionellen Schule leichter als in einer simultanen, dir wichtigen Gesetze und Lehren