Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 36 (3.8.1891)
- Date
- 1891-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Die' mit Mcht! — von ihren Regenten al« Bürger, nicht äl» Hdrigr behandelt zu werden. Die in Ihrem Reiche grasjirende Nihilismus- und AllentatS-Seuche ist nur rin Produkt de« schroffen Mißverhältnisses zwischen deS Volks politischem Wünsche« und Wollen und der entwickelunglähmenden' durch «ine finstere despotische Gesetzgebung geschaffenen thatsächlichen Wirklichkeit. Daß auch die jüdische Bevölkerung von jener Seuche ergriffen wurde, kann als Beweis für die traurige Ausbreitung der Seuche und die tiefe Wurzelverzweiguug deg natürlichen ReformbedürfniffeS gelten, desien gewaltsame Unterdrückung der Krankheit Entstehung und Dauer verleiht. ,Alle Regierung" — so behauptet einer unserer hervorragendsten deutschen Geistesführer — .ist Bedürfnis und jede zu körperliche, zu sichtbare Regierung wird Joch, ja. oft eine Schande der Menschheit. Je leiser und unsichtbarer die Bande sind, die eine Gesellschaft zusammenknüpfen, je mehr das Pricipium der Beherrschung auf ihr Gemüth wirken kann, — endlich, je mehr alle Eigenmächtigkeit, Willkür, die AUeinbeherrschung eines oder einiger Menschen, die allemal hart fällt, dabei ausgeschlossen ist, und ein freies ^rationalgesetz gleichsam auf einen sichtbaren Thron herrschet, desto nienschenwürdiger ist die Verfassung." Majestät! Die ersehnte Gabe einer Verfassung, einekonstitutionellen, möglichst freiheitlichen, die volle, unbehinderte Entfaltung der culturellen Kräfte Ihrer Nation verbürgenden Rcgierungssystems, wird früher oder später gespendet werden müsien. Schenken Sie freiwillig, was vielleicht morgen schon nicht mehr den Namen eines Geschenkes verdient! Sie werden so auch die entbrannte Juldenvettolgung am schnellsten beenden. Rohe Vergewaltigung und Unterdrückung haben niemals dauelnde Siege und Bekehrungen erzielt. DaS Amt des Herrschers ist zu allen Zeiten ein schweres, verantwortungsvolles, hindernißgebärendes. Der blendende Glanz irdischer Majestät läßt einen klaren Einblick in die Wirklichen Verhältnisse und Bedürfnisse des beherrschten Landenur selten zu. Das Ohr des Monarchen ruht an einem Telephon, dem kein Sprecher unmittelbar sich verbinden dann. Die Antworten, welche dieses Hörrohr giebt, werden d«ll, zahllose, verschiedenartig consttuirte Leitungen und Lippen vermittelt. Daher die Jrrthümer und Fehler, die selbst vom wohlwollendsten Regenten so häufig begangen werden. Die russische wie die deutsche Judenverfolgung beruhen auf^verw^erflichen, absichtlich gefälschten Darstellungen und DolkSerregungen. Die Rathgeber, welche Eure Majestät zur Sanctton dieser unwürdigen Verfolgung beredeten, sind nn« wissende, schlechte. Den Beweis dafür hoffe ich in dieser Schrift ausreichend zu erbringen.*) Wir Deutsche kennen einen Fürsten — allerdings nur in unserer Litteratur — der nach dem Eintritt einer schrecklichen. durch seinen elenden Kammerherrn emporbeschworenen Katastrophe in die verzweifelten Worte auSbricht: .Gott! Gott! Ist eS zum Unglücke so Mancher nicht genug, daß *) Obiger Artikel ist das Vorwort der so«den i» Berlage po« Leap. Freund ^BreSlau erschienenen Schrift: »Bor de« Scheiterbanken". Ei» Wort für di« Inden und et» Borwort für den Lzare«. ES ist nicht überflüssig zu bemerke», dag der Berf. I. Sch. — wie aus der Schrift selbst hervorgehi — kein Jude ist. (Red.) in ihren Freund verstellen?" Möge eS Eurer Majestät nichts beschieden sein, ähnliche Katastrophe zu erleben und diesen AuSruf zu wieder-» holen! ^. Eurer Majestät allerunterthänigster Düsseldorf. I. Schrattenholz. Die Pflege de» ״jLvifche« Bep>«ßtseln»." Von Z. Herzbrrg-Vromberg. Die Bedeutung der Geschichte eines Volke» für das Leben innerhalb desselben ist zu alle» Zeiten anerkannt und 3 gewürdigt worden. Schon in der Bibel finden wir diese ' j Thatsache bestätigt, indem in derselben an verschiedene» j Stellen vorgeschrieben wird, besonders folgenschwere historische Ereigniffe in ein besondere« Buch mederzuschreibea. damit dje Krnntniß davon der Nachwelt blS in die spätesten Ge- ' schlechter erhalten bleibe. Unser großer Lehrer Moscheh richtet, bevor er vom Schauplatze seiner irdischen Wirksamkeit tritt, in seinem erhabenen, unvergleichlichen und unsterblichen Liede an das Volk die ernste Mahnung: .Gedenke die Tage der Vorzeit, lerne verstehen die Jahre vocangegangener Grschlechter!" (S. B. M, 32. 7). Und wahrlich, die Vergangenheit ist die beste Lehr- Meisterin der Gegenwart; was dieser rärhselhast und in rin tiefes Dunkel gehüllt erscheint, das löstt oft die ferne Brrgangenheit. Für viele Erscheinungen, deren Ursachen «nd Wittungen dem ,Jetzt" unerklärlich sind, giebt das »Ehedem" Aufklärung und bündigen Bescheid. Im Spiegel seiner Vergangenheit vermag ein Volk das getreue Bild seiner Gegenwatt zu schauen und zu dtt Ettenntniß zu gelangen, einerseits, ob es feiner im Völkerbunde ihm zugewiesenen Lebensaufgabe treu geblieben und unentwegt im Sinne und Geiste derselben lebt und wirft, andererseits ob e» zum Verständnis derjenigen Bedingungen gelangt ist, unter welchen allein eine gedeihliche Fortentwickelung möglich ist. Ein prüfender Blick in dahingeschiedenc Jahrhunderte lehtt ehemal» überwundene Schäden, die in der Gegenwart wiederum in die Erscheinung zu treten, drohen, erkennen und heilen und all jenen, Untergang und Vernichtung mit sich führenden Klippen auf dem großen LebenSmeerr aus dem Weg« gehen, — aber auch für das Volksleben heilsame Maßnahmen richtig zn erfassen und in ihrem Wetthe richtig zu beuttheilen, ihnen gemäß zu leben und all die löblichen Ziele in den Kreis der Bestrebungen zu ziehen, denn Erreichung in der Vergangenheit schon der Gemeinschaft zum Segen gereicht und eine Erstattung deS BolkSbewußtseiuS gezeichuet hat. — Endlich gewährt die Vergangenheit dtt Gegenwatt Trost und Vrttrauen in schweren Tagen, wenn da» Berhängmß herein^ bricht und de- Geschicke« Hand schwer auf da« «oltslebe» sich gelegt, und eine ernste Mahnung und Warnung in Wickelung gehemmt wird, emporwuchere und Berverven nnv Untergang׳ hereinzubrechen drohen. Jede« Volk hat sein« Geschichte, und jede- Volk liebt seine Geschichte. Sei eS daeuropäische Kulturvolk, da« die höchsten Stufen der Civilisation erklommen, sei e« der wllde Jndianerstamm in den Urwäldern Amerika'», alle geben sie gern Kunde übtt ihre Vergangenheit. Hi« wird in mächtigen Folianten «zählt von den Schicksalen de- Bollesett drt Urzeit Tage«, wie ein Blatt sich an da» andere reiht, so reihen sich auf diesen die verschiedenen, vielgestaltigen Leben«- Phasen in guten, wie in bösen Tagen an einander. Do« wiedttum feiert der Mund in Sagen und in Lied«n de» Stamme» Hcrrrngestaltrn, deren feuchtende» Bild sich von Geschlecht zu Geschlecht «halten. ' '