Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 31 (30.7.1891)
- Date
- 1891-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Motte». Der Fall de« Knaben Mortara, welcher vor etwa 40 Jahren Europa in außerordentlicher Weise beschäftigt hatte, nimmt aus« Neue da« Interesse der italienischen BevöÄerung und der Presse in Anspruch. ES ist jetzt nach jähriger Abwesenheit ein Auaustinermänch in di« Heimath zurückgekehrt Namen« Pio Edgardo, und dieser ist 'kein anderer, als jener Knabe Mortara. Die Familie Mortara ist eine jüdische. ES war zu Bologna am 27. Juni 18S7, als päpstliche Gendarmen erschienen, den lleinen Mortara der Mutter Wegnahmen und ihn nach einem Kloster brachten. Dst katholische Kirche hatte das Kind als das ihrige reclamirt, weil einige Zeit zuvor da« Dienstmädchen ohne Wissen der Litern in dem Glauben, daß das krank darniederlieaende Kindhierdurch gesunden werde, es getauft hatte. DaS Kind, mm Pius IV. mit dem Namen Pio Edgardo belegt, wurde für die Pricsterlaufbahn bestimmt und nach vollendeter AuSbildung in das Ausland in Missionen entsandt. So bereiste er Oesterreich, Frankreich und Spanien, und jetzt erst, nach mehr denn zwei Decennien, hat er den Boden Italiens wieder beftwten. Tief ergreiftnd war die Begegnung des Augustiners Pio Edgardo mit der jüdisch gebliebenen Mutter. Dieser, die sich nicht darüber zu fassen vermocht, ihn als Mönch zu sehen, sagte er: ״Könntest Du. Mutter, in mein Herz blicken, so würdet Du erkennen, daß ich noch immer Dein Sohn bin." Am Freitag Abend hielt er in der Kirche San Carlo (zu Modena) eine Predigt. Das Gotteshaus war aus diesem Aittaß dicht gefüllt und auch nicht wringe Israeliten wurden unter den Zuhörern bemerkt. Tiefes Stillschweigen herrschte, als der Augustiner aus der Kanzel erschien, und seine Predigt, welche der eigenen Geschichte galt, begann er, indem er ftine tieft Bewegung zum Ausdruck brachte, daß es ihm vergönnt worden, den Boden des Vaterlandes wieder zu begrüßen, für dessen Größe und Wohlstand sein Herz immer geschlagen habe. Als er von seiner Liebe zur Mutter und seinen Verwandten sprach, bemächtigte sich der Zuhörerschaft eine große Bewegung. Von einer Loge des Chors hörte man sogar lautes Schluchzen: Es war die Mutter, welche mit Vmoandten des Predigers dort Platz genommen. Der Augustinermönch zeigt die unverkennbaren Züge deS jüdischen Stammes. Sein asketisches Leben — er lebt stets nur von Milch und Obst — hat seine Gestalt zu einer überaus hageren gemacht. In einer neuen Mission geht der Mönch setzt nach Tirol und dann nach Spanien, um daselbst, auf ausdrücklichen Wunsch der Königin-Regrnttn, eine von dieser erbaute Kirche einzuweihen. Hketersturg.*) Es unterliegt durchaus keinem Zweifel mehr, daß das Ziel der Judenverfolgung in Rußland die Ausrottung der Juden ist. Wenn jüdische Eigenthum geraubt, Lhristenschuld an Juden für null und nichtig erklärt wird und jüdisches Geld als Bestechung in die Hände kaiftrlicher Beamten waavern kann, so brmgt dieses nebenbei dem orthodoxen Russen, welcher vergnügt die lüsterne Hand zur Entgegennahme unverdienter Rubel ausstreckt, ketuen geringen Vortheil. Dies sind jedoch nur die zufälligen Fchgrn der Verfolgung, denn die Regierung des Czaren hat weitere und wichtigere Ziele als diese im Auge. Der Kaiser erklärt seine jüdischen Unteithanen als seine Feinde. Er erklärt jeinen ö Millionen Juden den Krieg 4 oarrano« und macht durchaus keinen Hehl von seine» Absichten. I» einem früheren Stadium der Borfolgungen glaubten britische Philanthropen und besonders die höchsten Würdenträger Englatch«, an deren Spitze der Herzog von Westmiufter und Her Graf von Mrath standen, welche auch aa der vom Lordmahor einberufeuen Guüdhall-Berfammluug chkfttahmeo, daß der Ezar von den in seinem Namen ver- Gewaltmaßrrgeln nichts wisst und daß d,e gehässige Befolgung nur das Werk im Amte stehender Zeloten *) Nach btr foctai t» London erschiene»«» Zeitschrift ״vattraat nt*. iLenchtz m■ L «och») ׳ •*_ .ff•׳ ״ fti- ^Diese «»änschtrÄlufio» hattH-erzerstreut und der erschreckten Welt kuadtzt^beu, daß er nur alle» g«en die Juden Unternommene wisse und billig sondern oaß er es auch als ftine Pflicht erachte, sie verfolgen, weil sie Nihilisten seien! Betrachten wir die Haltung Rußlauds seinen jüdische»' Unterthanrn gegenüber sogar in normalen Zeiten, sodürste es uns schon nicht wundern, wenn jeder Israelit: dieses großen Reiches «in Nihilist wäre. E» ist aber tat Gegentheil der Fall Mit fthr geringen Ausnahmen fand» man fast gar keine Juden in den vielen revolutionär«: Lomplotis. die den Seelenfrieden de« Czaren beunruhigte«. Zudem bildeten diese Ausnahmen nur solch« Personen jüdischer Abstammung, die ihren angestammten Glaube», längst vrrlasien hatten und mit idrem liebertritt znr russischorthodoxen Kirche gleichzeitig in da« Lager der Nihilisten übergingen. Weit entfernt, Revolutionäre zu sein, Hobe» die russischen Juden gerade in der gegenwärtige« Bewegung, den sck ünsten Beweis ihrer Unterthanentreue gegeben. Bon. verschiedenen Seiten hat man über sie «hohnlächelt, daß sie nicht schon lange gege» ihre Bedrücker sich erhoben, und fir der Feigheit beschuldigt, weil sie sich beharrlich lveigertea^ sich deu Dynamithetden änzuschließen, die ganz gewiß mit einer uuwioerstehlichen Gewalt ihre ruchlosen Pläne zurr Ausführung würden gebracht haben können, wen, jüdische». Gold ste unterstützt und jüdische- Energie und Geschicklichkeit ihnen zur Seite gestanden hätten. Ader di« Juden sind nie Mörder gewesen. Sft habe« im Verlauf ihrer langjährigen Leidaisgeschichte wohlerwogen״ was sie wählten, und es vorgezogen, lieber eia Heer vo Märtyrern als eine gemeine Bande von Revolutionäre» zu sein. Im ftsten ,Vertrauen auf ihre Vergangenheit: ließen sie sich auch in dem Glauben an ihre Zukunft nicht wankend machen und erwarteten zuversichtlich, daß die Borsehung, welche ihren Stamm durch 3 Jahttausende erhalte» hat, sie auch von dem russischen Pharaoh und seine« Schaarru erretten werde. Deshalb erblickte« sie nie im Dynamit ihre Erlösung. (Schluß folgt.) VtatfiFa. Aew-Horä. Die 13. Jahresversammlung der Rabbiner des Ostens hat hier am lü. und 16. Juni unter dem Vorsitzdes Präsidenten der Bereinigung, Dr. G. Gottheil, stattgefunden. Es hatten sich eine große Anzahl Rabbiner, wohl an fünfzig, von hier sowie von Pbilaoelsthia, Baltimore״ Neward, Brooklyn, Boston und Alvanh emgefunden. Ab» Handlungen wurden von den Rabb. DDr. Lohnt, Weiß^ Gottheil, Harrison u. A. verlesen. Ern Vorschlag deS Rev. Levv vom Tempel Gates of Hope, eine Sabbath-Liga in jeder Gemeinde zur bessere» Hrilighalrung des Sabbath zu gründen, ward einstimmig angenommen. . ES wurde ein Comitee ernannt, um mft Präsident Harrison und Staatssekretär Blaiae über die Judenversolau«-, in Rußland zu conftriren. ES besteht aus den Rabbi'«- Leucht von Newark, Gotthest, MendeS. Großmann, Beujannn und JsaacS von New-Aork, und Jllowh von Philadelphia. Eine Resolutton wurde angenommen, um bei der Legi«, latur auf feeffere Gesetze in Betreff von Heirathen und Scheidungen zu dringen. Die nächste Versammlung soll im November in Brooklyn, N.-A stattfinden. ». 1 KermLschte mrd ne*tßt K«chrichte». MoOdabtueg. Der Herr Proseffor der Theoiogir an der Ver» llner UniverMt Dr. H. L. Strack, welcher schon 1888 wegen der TiSza-Es^ar-Gefchtcht« sich über da» ״Münhenvon der Verwendung von Lhristenblut zu rituellen jüdischen Zwecke» »»«gesprochen hat, bat soeben, veranlab» durch di« BortommMe in Korf», von neue« seine Stimme erhoben, in einer Schritt, ״Der vlntaberalanb« bei Christen »nd Inden-. Da» Mahnwort, welche» er »er chrtftlü «eistltchlett an» de» ganzen christliche» Tolle zuruji, lantet: vtm Knmpft, nicht nur wider de» llnMmöen» ' de» Aberglaube».- Sic Schrift —— —!J&ri