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Israelitische Wochenschrift · 1891-07-23 · 30 (23.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
30 (23.7.1891)
Date
1891-07-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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ist der Sprachunterricht in Wahrheit RUigiosSunterricht; ein jeder Satz bietet ein UnterrichtSthema dar. Lin solcher Unterricht erfordert aber ein mehr oder weniger großes Auffassungsvermögen, weswegen derselbe in di, spätere Schulzeit zu verlegen ist. Der erste hebr. Unterricht geh« daher fernerhin nur von dem Gebetbuch« aus. Die durch di« Perringerung des Bibelunterrichts gewonnene Zeit werde daraus verwcndet, die Jugend mit dem Inhalte des Gebet« buche» möglichst vertraut zu machen. Letztere« muß unserer Jugend ein treuer Begleiter werden. Wir müssen die lieber- {cugung reif werden lassen, daß das Erlernen der heiligen lrsprach«, in der wir unsere Gebete reden nicht Liebhciberei, sondern voll und ganz zum Religionsunterrichte gehört, der eine Kenntniß dieser Sprach« unbedingt fordert. Wir müssen die Erkenntniß bei ihr befestigen, daß da« Gebetbuch die Grundlage für das ״praktisch-religiöse' Leben dar^ietet, daß wir nicht .Gelehrsamkeit", sondern ,das frische Leben" zu ersrreben suchen. Und spricht nicht der Siddur ganz und gar die Sprache der Gemeinde? Er zeigt, wie jede Lebens« äußerung durch die Religion geheiligt, wie jede Lebensthätig׳ krit durch den Gedanken an den Schöpfer, den Geber all«» Guten, geweiht wird, was durch ein Lob« oder Segen«» spruch, durch ein Dank- oder Bittgebet zum Ausdruck gebracht wird. Das ist es ja, was die Bedeutung unsere- Gebetbuches so sehr erhöht, daß sein Inhalt uns auf allen unseren Lebenswegen ein treuer Führer und Leiter ist und unseren Lippen die Worte leiht, die unseren jeweiligen Empfindungen entsprechen. Bon der Wiege bis zum Grabe, vom Jahresbeginn bis zum Jahresschluß, vom Aufstehen bis zum Niederlegen, von dem Momente, da wir als zarte Weltbürger in feierlicher Weise in die Gemeinschaft unseres Stammes ausgenommen werden, bi« zu jener ernsten Stunde, da unsere Seele sich nach und nach ihrer sterblichen Hülle entringt, können wir das herrliche Buch nicht entbehren. Wenn uns in Stunden der Angst und Sorge oder des Glückes und der Freud« das uaabweisliche Bedürsniß deschleicht, Zwiegespräch mit dem Allvater droben zu halten, was ist es da. nach dem unsere zitternde Hand greift? Ist eS die Bibel? Nein! Wir erfassen da- Gebetbuch, um unser übervolles Herz im Gebet vor Gott auszuschüttrn. Sollte dies nicht ein Wink sein, nach welcher Richtung hi» wir unsere Thätigkit zu lenken hätten?DerJadifferentismus, das gar oft mangelnde Bedürsniß, im Gebet zu Gott sich zu wenden, sie treten in erschreckender Zunahme in di« Erscheinung, sodaß uns angst und bange um di« Zukunft unserer Religion werden muß. Unsere Aufgabe muß es daher sein, mehr das Berständniß der Gebete zu erschließen, hierdurch erwecken wir wieder die Liebe zu den Gebeten, erziehen uns glaubenswarme Juden. Ehemals nannte mau denjenigen, der einen Mangel an Kenntniß!)es Bibelinhalts zeigte, einen הארץ דאוריתא D9, deu man belächelte, wenn er auch ein« Vertrautheit mit dem Inhalte des Gebetbuches zeigte. Höchstens nannte mau diesen einen .Siddurlamdon". eine Bezeichnung, die zuvor als Spottnamen galt. Seien wir dagegen nur froh, wenn unsere Zöglinge «me solche .Siddurlamdonioi" werden, wir retten da, wo Siddur und Bibel unserer Jugend entftemdet wird, wenigstens das Eine. Man ist in neuester Zeit bestrebt, durch Einrichtung von besonderen Jugendgottesdienste« die Jugend mit der Liturgie bekannt zu machen. Die homöopatbische Gabe, die da nur einem lleinen Bruchtbeile der Jugend dargereicht wird, läßt diese wohl ahnen, welcher Art unser Gottesdienst ist, doch reicht dies Alles nicht hin, da ihr ja nur ein verschwindend kleiner Theil unserer so groß angelegten Liturgie vorgeführt wird. E» muß dahin gestrebt werden, das Kind auch mit anderen Theilen des Gottesdieustes bekannt und vertraut zu machen. Hierzu gehört aber wiederum Zeit, und diese können wi^ nur durch Einschränkung deS allzuviel Zeit beanspruchenden Bibelunterrichts erzicten. (Wir kommen auf diesen wichttgeu Gegenstand, über welchen der ob'geArttkrl vtele-RichtigeenthälhnochmalSeiugehendzurück.) GrL»Vliche Wi»erles»»O de» ״HwtytmiUm*' A»techr»««»". l«. W1« soll Me OaknftMi «»» »nlii T .Ohne de» Juden tm geringsten Unrecht zu thuu» läßt kich die Jndenirage in folgender Veil« lösen: .«entweder haben die Juden irgendwo (am besten außerhalb Europa'») ein eigene» LLadergebiet zu erwerbe« (an Mitteln dazu fehl« e» ihnen nicht!) und bi« tu einem gesetzlich seftzustellenden Zeitraum« (meinetwegen bi» zu 10 Jahren) aaSzuwanber».- Wir erinnern hier an folgenden Satz de» AK. unter 4., wo auf die Frage, waS die Antisemiten eigentlich wollen,׳ geantwortet wird: ,Sie erstreben eine Revision der Gesetz» gebung in dem Sinne, daß die Juden gewisse Einschränkungen erfahren sollen." Diese,gewissen Einschränkungen" bestehen also in Vertreibung der Juden au» Deutschland. Diese Lösung der Judenfrage soll nun außerdem noch nicht einmal ein Unrecht in sich schließen. Kann man denn zu einer Bolt«mass« von mehr als 600,008 Menschen eine» Tage» sagen: ,Macht Euch aus und packt Euch aus dem Lande fort!" Aber wir sehen wohin die Antisemiten von heute hinauswollen, cs ist dasselbe Ziel, welchedie spanische« Inquisitoren des Mittelalter» im Auge hatten, es beginnt mit Federkriegen und endigt mit dem Scheiterhaufen. ,Oder: wen» Ihr sie au» purer Affenliebe durchau» hier behalte» wollt, so könnt« einfach solgeud« Bestimmung getroffen werden: .Die Jude» dürfen nur Scterbau oder produktiv« Handwette und zwar nur mit jüdischen Gehilfen und Arbeitern betreiben.« — Bon jeder anderen Thäiigkeit wären sie au-zuschließen und bet hoher Straf« für bet»« Teile wäre e» zu verbieten, daß ein Nichtjud« irgendwie im Dienst eine» Juden arbeitete. Diese Forderung wäre nur durchaus billig und gerecht und — wohlgemeint, den» wenn e» überhaupt einen Weg gteb:, au» der Judenrasse etwa« Brauchbare» zu machen, so ist e« nur der, daß «a» sie zu ehrlich schasseuder Arbeit zwingt.' Wenn man also Leute, die seit fast 2 Jahrtausenden in deutschen Gauen wohnen, nicht gerade von Hau» und Hof vertreiben und au» dem Vaterland« verjagen will, so ist das .pure Affenliebe". Man sieht, welch.'s Ziel man vor Auge» hat. Da» Mittelalter, von dem wir glaubten, daß es friedlich neben Folter und Inquisition im Grabe schlummere, soll wieder zu neuem Leben erweckt werden, und dies ist da« Ideal, daden Antisemiten vorschwebt. Nur «i n Unterschied ist vorhanden: Wenn man früher die Juden zwang, einzig Wucher zu treiben, so ist das jetzt nur dahin geändert worden, oaß man sie jetzt einzig am Ackerbau oder Handwerk teilnehmen lassen will. Man würde auch jetzt noch sagen, einzig Wucher, aber das geht deshalb nicht an» weil man seqr wohl weiß, daß man dann von jedem anständigen Menschen direkt ausgelacht würde. Uebrigens durften auch im Mittelalter dir Juden ihren Beruf nur mit jüdischen Gehilfen auSüben, und ebenso ist ewiederum da» Mittelalter, welches bei hoher Staat-« und Kirchenstrafe Nichtjuden verbot, den Juden irgend einen Dienst zu leisten, oder in ihren Diensten zu arbeiten oder Dienstboten in ihrem Hause zu sein. Für die Antisemiten der Neuzeit haben diejenigen des Mittelalter» sich genügend gemüht und hinreichend gearbeitet, so daß jene nur nötig nicht» als Mitelalter ist das Ideal der Antisemiten. .Getanft« Juden und ihre Nachkommen wären unter da»selt« Gesetz zu stelle», wie beschatten«.' Wir sehen auch di« Antisemiten haben erkannt, daß die - getauften Juden da« .schlecht« Elehient" unter den Israeliten ' sind! Wir geben ihnen hierin vollkommen Recht. Wer seine: Religion um des äußerlichen Vorteils willen verleugnet»' oder, wenn er religionslos ist, vorgiebt, vom Christentum überzeugt zu sein, und aus unlauteren Gründen Übertritt, verdient, daß man ihn so behandle, wie er es verdient. Daß a bei so etwas überhaupt Vorkommen kann, ist sicher nicht in der Anlage eines Volks begründet, sondern hat darin seine Ursache zu suchen, daß dank der antisemitischen Umtriebe und dank des Umstandet.das^ßei Besördernaaen t»

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