Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 29 (16.7.1891)
- Date
- 1891-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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nnettbe Staaefi•". — Der NlKhstand in Rußland fann viM »ehr ««-geleugnet werden. Vergeben» sinnt man aus Mittel, dem Uebel abzuhelsen. Wir lesen bereit» in der ״Prter»burger Zeitung', daß eine so schreckliche HungerSnoth, «ine so ou»sicht»lose Lage de» Volke» in allen Kornkammer- Souvernement» Rußland» bi»her noch nicht erlebt wurde. Mott allein weiß — heißt ei da wörtlich — wa» Rußland im Herbst und Winter wird ertragen müssen! Ob man in Petersburg den ganzen Ernst der Lage kennt und richtig «nffaßt? In diesem Jahre ist e» ganz ander», al» die Szamarische HungerSnoth vor 15 Jahren, da die traurigen Lustände sich über 20 Gouvernement» erstreckten. — Noch schlimmer äußern sich die ״Birshe Wiedomosti', und die meisten hervorragendrn russischen Blätter sprechen ihre außerordentlichen Befürchtungen offen au». Wollen wir un» also selbst keinen Täuschungen hingeben. <Et ist nicht da» Rachesühl, welche» uns beseelt, wenn wir <m di« Nemesis mahnen, sondern da» Gefühl der eigenen Bertheidigung und ine Vertheidigung von Millionen unserer Prüder, denen der Untergang tn Rußland droht. — Es muß gehandelt werden! Man darf nicht Baron Hirsch allein alle» an den Kopf werfen. Wird er doch nebst seinen Mehilfel! so rasend überstürmt, daß es niemand wundern kann, wenn auch da eine Rathlosigkeit eintritt. Ich habe neben Argentinien ein nähere» und schönere» Asyl: Eypern projettirt. Man rege sich, untersuche, handle. Ist es falsch, dann widerlege man mit Einsicht — forsche und finde was "Andere». Ein zweites nähere» Asyl in Europa oder Asien muß gefunden werden Baron Hirsch ist gewiß nickt der -reichste Jude der Welt. Es giebt ja vielfache Millionäre -genug unter unseren Glaubensgenossen. An diesen liegt'», 1«h zusammenzufinden und die Enffcheidung zu treffin, um für tausende von Jahren ein Monument ihrer Menschenliebe, ihrer Kraft, ihre» Glauben» zu errichten, ein zweite» großcsAsyl in Europa oder Asien zu finden. Daß Palästina e» nickt sein kann, haben die von dort gemeldete durch Ueber- -süllung entstandene HungerSnoth und Krankheit bewiesen. Mächten doch diese Worte zu den jüdischen Millionären in Rußland dringen! Wohl haben diese es immer gut in Rußland — weil man mit Geld dort viel auSrichtcn kann. "Ja, wenn wir offen sein sollten: sie finden sich durch die Vertreibung ihrer armen Mitbrüder jetzt freier, beruhigter. — Die rasende Konkurrenz, welche die jüdischen Händler machten, verschwindet, und man erlangt ein freie- Handelsmonopol. Eine« der gefährlichsten Worte, welches ich oft von jüdischen Großen hörte, ist: wir lieben da» Judenthum, aber nicht den Juden. ES ist die» eine durch und durch verdammenSwerthe Sophistik. Wir rathen den reichen Juden Rußland», die Verfolgung der Juden in Spanien vor 400 Jahren zu studirrn, sie werden ihren Spiegel sehen. Schritt für Schritt vollzieht sich jetzt dieselbe Katastrophe in Rußland. Die beste Beute ist dann nur der reiche Jude, und keine Rettung, kein Asyl wird vorhanden sein, wohin sie dann mit ihren Kindern flüchten. Da» sei wohl bedacht, denn da» Unglück schreitet schnell und kann sie über Nacht überrumpeln. H. B. Msrkk». Ein KolonisationSprojett für die auswandernden russischen Juden, welche« in Rußland selbst auftaucht, entnehmen wir der ״Nowoje Wrrmja'. Diese» Blatt thellt mit, daß in St. Petersburg eiUe Broschüre erschienen ist unter dem Titel »Denkschrift über die freiwillige Auswanderung der Juden au» Rußland'. Der Autor derselben verweist auf ein Land, da» in Bezug auf die Einwanderung günstigere Bedingungen ausweise, al« Palästina, und den Juden auch heilig sei. Es ist da» da» Land Midjan in Arabien, wohin Mose» einst flüchtete, und wo sein Schwiegervater Hoher- Priester war. Der ungefähr 24,000 Ouadratwerst -große Landstrich (zwischen dem 28* und 30* nördlicher Breite und htm 3V* und 37* östlicher Länge gelegen) ist sehr gering Handel »nd Industrie such fast garnicht anzutreffen; .manche Reichthümer. — ,Lin gewisser Paul Friedmann, der au» einer hervorragenden jüdischen Familie Deutschland» stammt und ein vielgereister Manu ist. hatte den Gedanken, dort «ine Judenkolonie in» Leben zu rufen, deren Bewohner hauptsächlich au» Rußland kommen sollten. Er hat schon Unterhandlungen mst der egyptischen Regierung angrknüpft und, wie der Autor der ״Denkschrift' mittherlt, dieselbe offenbar für seine Idee zu gewinnen gewußt. Friedmann hofft, daß der neuen Kolonie weitgehend« Autonomie gewährt werden soll. Der Sonnabend wird der wöchentliche Ruhe- und Feiertag sein; in allen inneren Angelegenheiten wird der Jude volle- Selbstverwaltungsrecht besitzen, er wird eine eigene Post unterhalten u. s. w. Platz hätte das Land für mehr al» eia« Halde Million Seelen.' Merkt». (Schluß.) Jeder Privatrabbiner, der sich in Rußland zu irgend einer seelsorgerischen Handlung bewegen läßt, wicd nach Sibirien transporttrt. Die Fonds, au» welchen jüdische Institutionen für wohlthätige oder Unterricht», zwecke erhalten werven sollten, verwendet die Regierung zu ganz anderen, der ursprünglichen Bestimmung völlig fremden Zwecken, sie baut oavon Theater und erhält aus diesen Mitteln Schulen, zu denen sie wiederum den Juden den Zutritt verwei-zert. Fürst Demidoff - gewiß eia klassischer Zeug« — schildert die Notq der armen gehetzten und in ihrem Erwerb« gehinderten Juden; er sah, wie eine gaumte, deren Haupt sich von Morgen« bi« Abend» unablässig in ehrllch-r, redlicher Arbeit abmüht, kaum aus vierzig Pfennige für den Tag kommt, er soh nicht wenige Haushaltung«», denen ein Hering und ein einzige« Pfund Brot mit ein paar Zwiebeln den 2ebensunteeh7.lt für «inen ganzen Tag gewähren mußte. <i» ist nichts Seiteue«, daß vier Familien zusammen in einem Zimmer wohnen, und wa« soll daraus werden, wenn diese Menschenmenge auf einen so winzig kleinen Raum zusammengedrängt, noch obendrein schlecht genährt ist und dazu in beständig seelischen Qualen, in :iuer fortwährenden Anast vor Ausweisung leben muß. Uud dabei sind Diejenigen, ivelche über solch' karge Nahrung«, mittel verfügen, noch reich zu nennen und viel beneidet; denn wer hat dt« Haushaltuncrn gezählt, welche tagelang auch nicht ein Krümchen sahen, wie viel« Welber und Kinder hungern uns blicken sehnsüchtig aus, ob »er Bater, der Berdienst suchen gegangen ist, am Abend etwa« Brot bringen wird! Der Zar läßt den Juden sechs Jahre hindurch dem Staat al« Soldat dienen, dann soll er i^ie ein Lastlhier arbeiten, um die Steuerkraft de» Landes zu erhöhen, jeden Luftzug, den man ihm gönnt, soll er bezahlen, man will ihn quälen, so lange es geht und au» ihm Herauspressen, so viel als möglich. Hält er es endlich gar nicht mehr au», nun so mag er bi» 100 Rubel Ld^ugsschoß zahlen, dann kann er den heiligen russischen Boden verlaffen. Leider vermag nur ein geringer Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung seinen barbarischen Peinigern zu entfliehen, denn wer ein Grundstück oder Waaren besitzt, kann diese nur heimlich und mit großem Verlust vetkaufen. Die große Masse russischer Juden aber sinkt trotz allen Fleißes und aller Zähigkeit immer tiefer in's Elend. Wer die« annähernd kennen lernen will, muß die herzergreifenden Schilderungen Dimidow's ganz lesen. Dieser schreibt unter Andern!: ״In den letzten zehn Jahren hal sich die jüdische Seelenzahl in 186 Städten, in welchen sich außerhalb de» ehemaligen Polens Juden überhaupt noch niederlaffen dürfen, um nahezu zwei Millionen vermehrt. Wird das System des ZusammenpressenS weiter fortgesetzt, so ist die unausbleibliche Folge die, daß die Juden dem Verhungern preisgegeben sind, tmß sie Aug' im Auge dem Tode gegenüberstehen.' 10. Juli. Der hier erscheinende .Niederschlesische Anzeiger' theilt Folg.'ude» mit: ״Herr Rabbiner Dr. Rippner, welcher seit etwa zwanzig Jahren in der hiesigen israelitischen Gemeind« amtier», folgte am letzten Sonnabend einem Rufe des Synagogen- Vorstandes zu Breslau zur Abhaltung einer Probepredigt in der dortigen Hauptsynagoge. Infolgedessen traten sogleich am letzten Sonntag der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde zu einer Beratung zusammen, um Herrn Dc. Rippner seinem hiesigen Amte zu erhalten. Einstimmig wurde beschlossen, dem Herrn Dr. Rippner alsbald den einmüthiaeu Wunsch der Gemeinde, sie nicht zu verlaffen, zum Ausdruck zu bringen und diesem Wunsche durch angemesse!« Fürsorge der Gemeind« für die Zukunft der Familie