Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 29 (16.7.1891)
- Date
- 1891-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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einmal einen Vergleich an »mischen de« Knaben von ehedem, der täglich, ja stündlich beflissen mar nnd von außen her den nuchdrüLichsten Antrieb erhielt, sich mit unserer heiligen Religionssprache vertraut zn machen, und dem Knaben von heute, der außer der während der Woche nnr nach sehr wenigen Stunden zählenden Zeit des hebräischen Unterrichts kaum einein der heiligen Ursprache geschriebenen Bucheansichtig wird. Seht den Knaben von ehedem! Die Vertrautheit mit dem Urtexte der Bibel, die heute leider nur noch bei wenigen Bevorzugten anzutreffen ist, sie galt bei ihm als etwa» Selbstverständliche«; sie sich anzueigoen, sah er als eine heilige Pflicht an Er nahm einen respektablen Schatz von Kenntniffen in den verschiedensten Glaubensschriften und deren Kommentaren mit in» Leben hinan». Er war daher auch im Stande, aus diesem Schatze von Kenntnissen heran» die festen Normen für feine Lebensrichtung nach und nach zu schaffen; da» Glauben-wort in seiner ureignen Gestalt, mit seinem trauten Klang gab seinen Schritten die Richtung nnd er ging selten sthl. Er besaß in dem Schriftworte einen festen Holt, der ihm Stütze war, er hatte einen ststen Grund, auf welchen er jederzeit fußen konnte, gleichviel in welche Lebenswege ihn da» Geschick versetzte. ES bot ihm in Wahrheit Trost im Leid und bewahrte ihn vor Uebermuth im Glücksrausch. Da» Gotte-wort erfüllte ihn ganz, weil er von ihm sich durchdrungen fühlte. War er daun später einmal in die NothwendiAeit versetzt,׳ sein Judeathum zu vertheidigen, so fand diese» in ihm einen berufenen Beifechter, da er au» dem Schatze der eigenen Kenntnisse heraus die schneidigsten Waffen zur Bertheidiguag entnehmen konnte. Er stand nicht haltlos, wenn e» galt, für den angegriffenen Lehrinhalt seiner Religion eine Lanze zu brechen und irrige Meinungen über densäben zu berichtigen. Die Bibellestüre war chm eine liebe und angenehme Beschäftigung, weil er mst der Ursprache der heiligen Schriften oft vertrauter war, als mit der Sprache der profanen UnterhaltungSschristen. Reben der Bibel war das Gebetbuch ihm ein treuer Begleiter, und er chatte schon längst vor der Zeit, da seine religiüse Mündigkit anheben sollte, sich durch die ttgliche, ja stündliche Benutzung eine solche Vertrautheit mit seinem Inhalte erworben, daß er diesen zum größten Thelle auswendig vorzutragen im Stande war. Der hebräische Sprachunterricht hatte ehemals in dem weümvglichsten Umfange seine vollständige Berechtigung weil alle aufgewandte Zeit und Mühe die schönsten Früchte zeitigen ließ. Lehrer und Schüler gingen mit regstem Eifer an'» Werk, well ihnen die schönsten und besrÄngendsten Resultate winkten. Und diese» eifrigste Bestreben fand in der Umgebung des Kinde» die kräftigste Förderung. Da nach anderer Richtung wenig von der Schule gefordert wurde, war man in der Lage, die reichlich zur Beifügung sichende Zell lediglich für diesen Zweck zu verwenden. Lenken wir nunmehr von der Bergangenhest unseren Bück auf die Gegenwart, welch' ein andere« Blld bietet sich da unserem Auge dar! Seht den Knaben von heute, der in ganz ander» gearteten LebeuSverhältuifsen aufwächst. Nur gering ist da« Maaß der Keantuiffe in seinem Glauben«- ichriftthume. Au» der Quelle de» lebenden und belebenden Wasser» de» Heils flößt «an chm nur winzige Tröpflein ein, die unmöglich den Durst nach Erkenutniß stillen, den empfänglichen Herzensboden tränken nnd befruchten können. Er eignet sich wohl die Fähigkeit an, wenn er nach langer schwerer Arbeit sich eine leidliche Geläufigkeit im Äsen des hebräischen Urtextes aageeignet hat, ein höchst bescheidene» Maaß de» Letzteren in die Muttersprache zu übertragen, wohl pauken wir ihm, wenn es hoch kommt, eine Anzahl Vokabeln ein, doch fragen wir chn nach dem Endresultate, so werden wir uns eiugestehen müssen, daß diese» teinenfallS anSreicht, bei dem Kinde eine innige Liebe zu dem Helligen GlaubeuSbuche zu begründen. Mft de« Wenigen, da» e» in sich ausgenommen, weiß e» nicht» anzufangen, und da e» ihm nicht zu« y wußifNA gewWWW^ even eignen de» geringen SttrffeS eine retne mechanische! gewesen ist, schüttest e» gleich nach dem Belassen der < ,n der die hebe. Unterrichtsstunde für ihn eine Marterst» war, da» mühsam Errungene ab. und Lehrer und Schäle haben gearbeitet ,pro nihUo“. Der Urquell seiner Religio! bleibt ihm ein Buch «it sieben Siegeln. weshalb er einer! Begeisterung für dessen Lehrinhalt kaum fähig ist. An heiligter Stelle erscheint er nur »elten, um den Inhalt Glaubensbuche» zu vernehmen, ein Zuhören wäre eben zwecklos, da ihm jegliche» Verständnis dafür abgeht, wenigen Kapitel, die er im Laufe der Zest hat übe gelernt, sie reichen' gewiß nicht hin, Herz und Gemüch erforderlichem Maahe zu bilden. ttetar Mr -«de»fr«ge i« bringt die .Franks. Zeitung" eine Serie von Artikeln au Petersburg, denen wir die nachfolgenden Mitthellungen^ entnehmen: .Wenn man die Thätigkeit aller Ministerien in Bezug, aus die Juden aufmerksam verfolgt, so muß man zu der׳ Schlußfolgerung kommen, daß die gegenwärtige Regierung Rußlands keine höhere Aufgabe kennt, als ihren jüdische» . Unterthanen da» Leben so unerttäglich zu machen, daß ihnen keine andere Wahl bliebe, als Auswanderung oder^ Taufe. Sämmtliche Preßorgane, die bisher die Sache der ■ unterdrückten Juden vertheidigen (und die Zahl derselben ist im Verhältniß zu der großen Legion antisemitischer _ Zeitungen eine verschwindend geringe), sind mundtodt ־־ ' macht. Durch eine geheime Verfügung der Oberpreßt Wallung ist den philosemitischen Zeitungen unter Androhung׳ sofortiger Unterdrückung verboten worden, irgend etwa» zu Gunsten der Juden zu bringen; wohingegen den JudenfreWtl'^ in ihren Organen volle Redefreiheit gestattet ist, welche die» selben auch reichlich au-nützen. Da sich keine Stimme. dagegen erhebt, so wird die öffentliche Meinung förmlich , terrorisirt und eS werden ihr die barbarischsten Mittelalterlichen Ideen redigirte »4 denne der r landS, da» den Much hat, in der Judenfrage anderer Ansicht als die Regierung und die gesammtt Presse zu sein und von Zeit zu Zeit eine warnende Stimme ertönen läßt»; um darauf binzuweisen, welch ein gefährliches Spiel mant durch die Verstockung von Glaubenshaß und Rasfenvorurtheile»' treibt. Diese warnende Stimme verhallt jedoch ungchört in dem Orkane wilder Leidenschaft und auffällig ist nur, daß eine Zeitung, die e» wagt, bte öffentliche Meinung Rußland» für .iudentoll" zu erklaün, noch nicht unterdrückt worden. Die Erklärung hierfür liegt vielleicht darin, daß der Ehek- .1 redakteur hoch hinaufreichende Verbindungen hat nnd daß er aU J rechtgläubiger Bollblutruffe und als vollständig unabhän Mann nicht der Verdächtigung auSgesetzt ist, von den Juden ei zu fein. Denn r» ist bei unS Sitte geworden, Jeden Bestechlichkeit zu beschuldigen, welcher sich beifallen läßt, Gunsten der unterdrückten Juden ein Wort zu sp Ebenso geht eS in Bezug auf die auswärtigen Zeit Sobald eine von ihnen zu Gunsten der verfolgten eintritt, so wird dieselbe als .Judenblatt" oder .von subventionirt" diskreditirt. Sobald aber dasselbe Bb einmal etwas zu Gunsten» Rußlands schreibt, so wird d Judenblatt zu einem .hochachtbaren einflußreichen Organl der Presse. — Gelegentlich de» Aufenthalt» de» Herrn Arv White, deS Bevollmächtigten de» Baron» Hirsch in legenheit der Organisirung der jüdischen Emigration Rußland, sagte die .PeterSburgSkija Wjedomosti", daß t Herr sofort aus Rußland hinausgeschickt werden seine Mission eine derartige je$en ־'