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Israelitische Wochenschrift · 1891-07-02 · 27 (2.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
27 (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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M bnichMlchii Miden, stch die Inden selbst zerfleischen und aufreiben. Aber die Rechnung hat noch ihren Abschluß nicht gestsnden Wahrend in Rußland. Gewalt. Nacht und Schrecken Ztzrnfcht. feiert Deutfchlaud, na«entlich Berlin, die schönsten l' Teiumphe der Hochherzigkeit, der edelsten Mrnschenliev« und der aufopferndsten Wohlkhütigleit für die Nuglücklicheu Ber» triebenen, — die Jahrtausende al« leuchtende Sterne an Deutschlands ruhmreicken Himmel strahlen werden. In jede« jüdische Herz hat sich diese deutsche edle Menschenlieb« unvergeßlich eingegraben. Aber leider, wie ich hdre, wird der Weg über Charlottenburg, wo die Vertriebenen so liebevolle Pfleg« und Versorgung für die Zukunft fanden, abgeschnitten, er soll nun über Cydkuhnen und Memel gehen . V»htn? Das hat die Eonferenz, welche in Berlin für die Angelegenheit der Auswandernden tagte, nicht deschlossen. Ich wage r», aus weinen Vorschlag, den ich vor Jahren schon in diesem Blatte machte, zuiückzntommen und di« Idee, Eypern als Asylstätte zu wählen zur Prüfung vorzu legen Ich konnte leider zur Eonferenz keinen Zugang finden. Ich habe damals hervor gehoben» wie vonhcilhast diese Insel für eine Ansiedlung gelegen sei und daß sie, unter englischem Protektorate stehend, eine freie Entwicklung für uns am ehesten ermöglichen wird. Es ist eigenthümlich, daß jetzt laut einem Briefe in der jüdischen Presse vom S. d. M. Sir Hornby, ein hervorragender Gelehrter und hoher englischer Beamter, dieselbe Idee veröffentlicht. Er schreibt: ,Als eine Zuflucht für die vertriebenen heimathlosen Juden würde ich Palästina allein nicht wählen, in Kleinasien ist sehr viel gutes ausgezeichnetes Land vorhanden, das in eine Quelle des Reichthums ver» wandelt werden kann-. Die jüdische Presse, welche mehr für Palästina schwärmt,— obwohl dieser Ort einen religiösen Zankapfel in der Geschichte bildet — hebt das ,allein' hervor, aber Sir Horuby fügt ja hinzu, ,daß große Vorsicht bei allein Verhandlungen mit der Türkei in Betreff irgend einer Ansiedluog,zu üben sei, daß die LolonisiruugS - Angelegenheit von Seiten Englands »ntrrstützt werden müsse, ,ich würde eine oder zwei größere Colouirn — hebt er auch hervor — mehreren kleinen vorziehen'. — Er nennt die Insel Eypern nicht, aber eS scheint mir fast, daß diese angedeutet sei. Eypern ist für uns auch rin historischer Ort, indem unsere Vorfahren an den nicht weit entfernten Nilmündungen zahlreich lebten, eS ist im Innern gebirgig, fruchtbar, reich a» Waldungen, aber schlecht bebaut und wenig bewohnt, als ein vorzüglicher Handelsplatz besonders geeignet. Wenn man ein großes Stück Geld zahlen will, soll man pur Gutes dafür kaufen — Eypern wurde eben schon vielmals verkauft (Richard Löwenherz verkaufte eS an Guido Lusignan, dann Lberließ eS die Königin Katharina 1480 an Venedig, und 1628 sollte schon diese Insel als Zufluchtsort für die religiösen Verfolgten abgekaust werden, worüber Jahre lang« Unterhandlungen von dem Herzog von Mohan gepflogen wurden, schließlich kaufte sie Lord Beaconsfteld um 4 Millionen Pfund für England). Die ungeheuren Summen, di« man für Argentinien auSgirbt — wovor, al» eine« viel zu weiten und ungewiffen Land«, dir Meisten aus Rußland zurückschrecken — wären für Eypern jedenfalls besser angebracht. Ich wollte diese Ansicht den kompetenten Persönlich» leiten zur Prüfung vorlegen» ohne selbstverständlich di« Schwierigkeiten zu verkennen, dir der Realisirung einer solchen Idee entgegentreten müssen. Herr von Hornby spricht sehr viel von Kaufpreisen, ohne etwa» Bestimmtes auzugeben und räch die Angelegenheit energisch anzufaffen, da jetzt eine Krisis in der jüdischen Geschickte eingetreten. Solche Wort« dürfen nicht uugchört verhallen, e« tritt au un» die Aufgabe heim«,, solange Projekt« zu diScutiren, da» richtige zur Ausführung kommt. Jeder Tag ist jetzt in die Annalen der Geschuhte der Inden eingeschrieben — denn Tausend« verderben in Rußland un^ückselig — weil sie nicht wiffen — wohin a»Swandern!_H. B. Gerichte mt) C»rrrjPM,de«se«. 8t. Magdeßneg, 29. Juni. Am vergangenen Sabbath passierten ca. 180 au» Rußland auSgewiesene Juden die hiesige Stadt. Sie kamen — Männer, Frauen und Kinder — au» Kamienir-PodolSt; unter den unsäglichsten Entbehrungen»; deren Spuren sich noch deutlich auf ihren Gesichtern zeigten! hatten sie den weiten Weg von dort nach Krakau zurück-! gelegt, nachdem die Kosaken ihnen auch den letzten Pfennig, i den sie besessen» abgenommrn hatten. Von Krakau au»! wandten sie sich an den Baron Hirsch, der auch sogleich! dazu bereit war. sie nach Argentinien befördern zu lassen. : Freitag Abend 9 Uhr kam an Herrn Rabb. Dr. Rahmer von Bodcnbach*) eine Depesche, gütigst dafür Sorge trage« j zu wollen, daß ihnen bei ihrer Durchreise nach yamburg in Magdeburg eine Erfrischung gereicht würde .Herr Dr. 1 Rahmer traf sofort die nötigen Anordnungen. Sonnabend gegen Abend lief der von Leipzig kommende Zug ein. Mehrere Gemeindcmitglieder hatten sich eingefunden und 'Mt und Jung, Männer und Frauen vom hiesigen Hilsscomitä wett» eiferten mit einander, den vor Hitze fast Verschmachtenden Labung und Erquickung zu bereiten. Es war für Alle» in ausreichendster Weise gesorgt. Die Bahubehvrden und der Bahnhofs-Rrstaul ateur kamen den zu treffenden Vorkehrungen aufs Bereitwilligste entgegen. Daß aus der Gemeinde einzelne Herren sich durch besondere Leistungen hervorthaten, ist selbst» l verständlichi wir erwähnen hier nur die LiebeSthat de» Herrn Moritz Weinberg, der jedem der Auswanderer ei»! Packetchen mit Fleisch und Wurst aus dir Reise mitgab; auch I an Geldspenden fehlte cnicht. Dieselben wurden dem vom Baron Hirsch designftten des Spanischen kundigen Obmam» der Eolonie, welch« ihren Schächter und Arzt, sowie eine Thorarolle mit sich führte, überreicht. Die Ausgewiejenen selbst machten deu denkbar günstigste« Eindruck. Zurückhaltend und bescheiden, dankbar für jede Aufmerksamkeit, die ihnen zugewandt wurde, wußten st« schnell da» Jnterrsse aller Anwesenden,— auch viele NichtiSraelitrn befanden sich auf dem Bahnhoft — zu erwecken. Die meisten von ihnen sprachen ziemlich geläufig deutsch, und zeigten in ihrer Tracht nur wenig den TypuS de» russischen Juden. Trotz aller Drangsale schauten sie muthlff und unverzagt in die Zukunft. ״Wir haben soviel erlitten," sprachen sie, ,daß un« vor der Zukunft nicht zu bang«, braucht; schlimmer, als es un« ergangen ist, kann eS un» nicht ergehen. Wir sind an Arbeiten gewöhnt, wir wolle» gern und fteudig den Boden, den der groß« Menschenfreund in Paris uns zugewiesen hat, bearbeiten, und der All» mächtige, der unsere Väter au« Aegypten nach Kanaan gtw führt, wird auch uuS glücklich nach unserer neuen Heimath gelangen lassen^. Wohlthurnd war den hies. Israeliten besonders die Haltung der christl. Anwesenden, die un» bekündete, daß trotz aller autisemit. Hetzereien Magdeburg noch immer di« Stadt der Toleranz und Humamtät ist. Zahlreich« Gaben wurden von ihnen au dir Armen auSgethellt, und geradezu rührend war eS, wie rin armer Dieastmann eine» der Kinder der AuSgewiesenen aus seinen Ar« nahm, es herzte und küßte und flehentlichst die Eltern bat, ihm da» *) Di« «»»«anderer, von Prag kommend, waren in Bodenbach anaebalteu und an der Weiterreise verhtndert, «eU sie de» Nachweis, daß sie Schtffskartr» besitzen, nicht führen konnte». Freitag erst traf i» Bodenbech »om silchsische» Ministerium die Lrlaubniß zur Weit««- reise statt. St« übernachteten ans Stroh in der vom Bürgermeister ihnen überwiesene» Turnhellc »nd setze» Sonnabend früh die Netst über Leimig, wo sie vom jüd. Hilsseomitt bewirthet wurde», »ach hier fort. Auffallend bleibt es, daß die jüd. Herren an» Prag und Bodenbach «S »icht erwirk» tonnten, baß die Weiterreise erst »aqAnsaang de» SabtoÄb, warn« di« Auswanderer, wie sie uns erzähl««», flchörtlich nnter Ztrtam gebeten, vor sich ging. (Lid.) <

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