Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 24 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Tnsang« Mai d. A sandte Baro« Hirsch den Professor L"<m der Universität von Lausanne, Dr. Löwruthal, nach »?/Argentinien mit der Vollmacht ein« Grundfläche Don nahezu 0 MMiouen Joch anzukausrn. Das angetanst« Land ist durchaut guter Ackerboden, der allerdings erst kuttivirt - werden muß, aber von vornherein reichen Ertrag verspricht. i-Auf dieser riesigen Fläche, welche ungefähr der Ausdehnung kl NicherdstreichS entspricht, ist dir Anlage von Dörfern und Märkten je nach dem Bedarf und dem Zuströmen drr Ein- «anderer geplant. Die Anlage soll nach einer bestimmten Schablone erfolgen, derart, daß sich je ein Markt mit circa $000 Bewotmern im Mittelpunkt von zehn Dörfern mit je 1000 bis 2000 Bewohnern befinden soll. Die Ansiedelung erfolgt successive von Westen nach Osten. Zunächst wird das zur Leitung und Ueberwachung einzusetzende Directorium, an dessen Spitze Baron Hirsch selbst treten will, den Ausbau von zwei oder drei Marktdistrikten selbst vorber.iten und zu diesem Zweck die erforderliche Anzahl von Handwerkern in das AnsiedelungSgrbiet entsenden. In Buenos AyrrS wird sich zunächst ein Lokalcomitre constituiren, um diese vor» bereitenden Arbeiten auszuführen. Für dir Wohnhäuser in Dörfern und Märkten sind vier Typen auSgearbeitrt worden, welche sich je nach ihrer Bestimmung dem rein landwirthschastlichen oder einem damit verbundenen kommerziellen Lweck und den Bedürfnisien größerer oder kleinerer Familien anpafsen Ueber das Ausmaß des per Kopf oder Familie zuzuweisenden Ackerlandes soll erst Näheres bestimmt werden. Jede OrtSgemeinde soll sich autonom verwalten und der DistrikbSbehörde unterstehen, welche von dem Lokalcomitre in Buenos-«yres abhängig ist. Politisch werden die Ansiedler selbstverständlich Bürger der argentinischen Republik, welche dir Administration der neuen Distrikte zu regeln hat. In dem Maße, als die Ansiedelung weiter fortschreitet, ist der Bau von Straßen und Eisenbahnen und die Anlage von Entrrpots zum Zwecke de» Güteraustausches beabsichtigt. Um die Auswanderung selbst in Fluß zu bringen und durch- Än, sollen in Lemberg, Wien, Berlin, Hamburg und n weitere Lokalcomitee's gebildet und mit ausreichenden Geldmitteln zur Unterstützung und Beförderung drr AuSivanderrr verseheir werden. Der Sitz de- DirectoriumS soll <n Pari» sein. Nach dem Dafürhalten unseres Gewähr»- manneS würde die Durchführung dieses Planeein Kapital von 100 bi» ISO Millionen Francs beanspruchen. 5. Juni. Hiersäbst hat sich ein Comitee zur Unterstützung der verfolgten russischen Juden gebildet. Zu demselben gehören außer dem Vorsitzenden der Gemeinde, dem Gemeinderabbiner und andern einflußreichen Glaubensgenossen, auch hervorragend« christliche Mitbürger: genannt sei Herr Erster Bürgermeister Dr. Baumbach, Mitglied deS Präsidiums de» deutschen Reichstages. In unserer -Stadt, in der stet» Humanität rmd Toleranz gewaltet, wird die Sammlung sicherlich reichen Ersolg haben. ZtuuztG, 8. Juni. (Or^Eorr.) Am Sonntag, den 14., und Montag, den 15. Juni, findet Hierselbst im großen Saale des Bildung-Vereins die Versammlung der Rabbiner Ostpreußens, Westpreußen» und Pommern» statt. (Die Tagesordnung ist aus dem Inserat der dieSwöchentlichen Nummer zu ersehen.) Die Beiheiligung verspricht eine rege zu werden; hoffentlich wird die Versammlung segensreiche Resultate erzielen. Zu gleicher Zeit tagt auch hier die Pensionskaffe für jüdische Kultusbeamte in den Provinzen Ostpreußen, Westpreuhen und Pommern. Nähere Berichte folgen. Drswöers» 7. Juni. (Or.-Eorr.) Da» hier erscheinende »Bromberger Tageblatt" fährt in ihrer jüngsten Nummer fort, gegen die ״Kreuzzeitung" wegen ihrer beharrlich fortgesetzten Berläumdungen und Verdächtigungen anläßlich der Irorfu'er Affaire zu Felde zu ziehen. In einem besonderen Leitartikel, betitelt: .Zur Erdichtung der rituellen Morde :seiten» der Juden" heißt e«: ,Die autttnutttsche» 0e>»»» hebe» seit »«che», seit te« A»>- s ier AuttW, «ljf -ms», bst 9*•» M be» rituelem «Urten ta «tat Xtntmn breitgeschlagen. Mit teson derer Borlirte nckrd sie v»n der ״Arenzzettnng" zmn wahren Berdrnh für humane, duldsam« und aufgeklärt» Leser Immer Mieter auf die Tagesardnung, gebracht. . Man erkennt an» den Bemerkungen der ^krrnzzeiUma", dag sie immer noch den Schein 1a retten sucht, alt ob aus Korfu »hatfLchlich ein ritueller Mord stattaefunden habe, da» heißt ein Ehristenkind seilen» dortiger Juden zu den Opstrz wecken de» Peffahfeste» geschlachtet worden lei, obwohl bereit» durch die Depeschen de» ofsiciöfen Wolfpfchen Telegraphenbüreau» die ErNilrungen der griechischen Regierung, «elche einen solchen Mord entschieden in Abrede stellten, längst aller Welt verkündet worden sind. .Wir haben dereit» in unserer Nr. HI vom IS. Mai gegen diese» antisemitisch« ManSver un» sehr entschieden erklärt. Die rituellen Mord« der Inden gehSren zu den Erdichtungen jene» krassen Aber» glauben», den man selbst dem beschränkten Bildungsgrad« de» rohen Mittelalter» nicht verzeihen knn, weil er hauptsächlich einen Borwand zu den barbarischen Judenversolgunaen jener Zeit der Folirrquälerrien bildete. Damals mochte dieser Unsinn au» dem mangelhaften Stand« der Worischen, besonder» der religiontgeschichtlichen Forschung und der aus diese» Erbiet bezüglichen gelehrten Ouellenuntersuchung eine ge» wisse Erklärung, obschon keine Rechtfertigung finden. Heutzutage aber sind die gelehrten Untersuchungen auf diejem Felde soweit gediehen, daß sie die Falsch heit der Behauptung einiger kriiik- und urtheilsioser Schriftsteller von dem Borhandensein ritueller Opsermorde unwider» legiich erwiesen haben. In keiner Schrift, in keiner Legend« oder Sag« findet sich davon auch nur di« leiseste Spur. Darum müssen wir da» Berfahr-n antisemitischer Agitatoren und Zeitungen, welche den Aberglauben von dem Opfermord nähren und verbretten, um dir rohen Bolkstnftinkte zum Judenhaß aufzustacheln, auf da» Schärfste verurthellen. Zum Beweist dafür, daß die grlehrte Geschichtsforschung bst gänzliche Unwahrheit der Behauptung von den rituellen Opsermorden der Juden erwiesen hat, theilen wir dst folgenden Autlassungen eine» gelehrten Theologen, de» Lic. Dr. G. H. Dalman in Leipzig mit." (Hier giebt da» Blatt die Ausführungen de» genannten nichyudischen Gelehrten in ihrem ganzen Inhalt« wieder: für unser« Leser be» darf e» diese» Beweise» nicht. Red.) Die trefflichen Darlegungen des ״Bromberger Tageblatt" bedürfen keines weiteren Commentars. Sie wiegen, eben weil sie von unparteiischer Seite kommen, alle Selbstvertheidmungen aus unserm eigenen Lager voll auf. Auffallend ist, daß das hier erscheinende nanonalliberale Blatt ״Die ostdeutsche Presse" wohl getreulich all' die Verdächtigungen registnrt, jedoch selbst kein Wort der Mißbilligung bringt, wodurch abermals zur Genüge dokumentirt wird, von welchen Trsinnungen die Anhänger dieser Partei für das Judenchum erfüllt sind und wie groß die Wahlverwandschaft derselben mit den Schwarzen jenes Muckerblattes ist. Herzberg. ZSaSe», 26. Mai. (Or.-Corr.) Man kann im all« gemeinen wohl sagen, daß die antisemitische Gesinnung dir tm studentischen Äben der Gegenwart eine so traurige Rolle spielt, bisher in dir Gymnasien Badens nicht einaedrungen ist. An Kaiser» Geburtstag z. B. wurde beim FestkomncerS der obereir Klassen des Gymnasiums zu Lahr fast einstimmig durch die Schüler einem Juden das Präsidium übertragen. Doch — so scheint es — will auch das sich ändern. , Lver einigermaßen mit dem Gymnasialleben vertraut ist, kennt das bis zur Nachäfferei gehende Bestreben der Gymnasiasten» die Sitten und Unsitten der Studenten nachzuahmen. Während man bisher die studentischen Lorps getreu genug topirt (oder karrikirt) glaubte, wenn man das Tragen des EorpSbandeS, ' das übermäßige Trinken, das Pflegen eineetwa vorhandenen spärlichen Schnäuzerchens oder BrerbäuchleinS sich angelegen sein ließ, hat man jetzt entdeckt, daß ohne Antisemitismus keine studentische, folglich auch keine gymnasiastische 'Berbindung bestehen kann. Deshalb setzten die Herren nach berühmten Mustern auf ihr Programm: ״Kein Jude darf in die Gymnasiasten-Berbindung X. A. cintreten." Nun könnte man zwar den virlversprechentrn germanischen Jünglingen nur dankbar sein, wenn sie durch diese- Statut dleHd. Schüler vor dem Eintritt in die verbotenen krankhaften Bereincgungen bewahren. Allein die Bestimmung hatte andere Folgen. Man sollte es nicht für möglich halten, daß jüdische Schüler trotz dieser Festsetzung aus dem Eintritt bestehen. Und?och ist dem so. Unter meinen eigenen Bekannten mnßtr ick> n Fall erleben, daß Gymnasiasten den Eintritt in eine )01'Jfe bubruhafte, kindisthe Vereinigung ihre jüd. Religion ov-ertrn, d. h. durch Lrüärung der ״EonfessionSlosigkeit" den Paragraphen umgingen. Hat man für die urteutsche Be: a