Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 17/18 (22.4.1891)
- Date
- 1891-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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1r׳ Ruch [unter den Böllern herrscht Bangen und Sorge; die freudige Zuversicht auf den Sieg der Freiheit ist erschüttert, «m auch die liedgekrönte Frühlingszeit hat nicht selten kalte Tage. me un» in die Starrheit und Oede des Winters wieder zurückzuwerfen scheinen; eS sind nur varübergehende Schauer, die vielleicht manche Knospe, die sich vorzeitig hinausgewagt hat, tödten; aber ,der Winter ist vorüber", er trifft wohl noch scheidend mit seiner Schleuder das Gefilde, das sich allzu früh seines Weggangs freute, aber seine Herrschast ist gebrochen; der wärmere Strahl jagt ihn trotz alles Sträubens von der Erde; unserm Erdtheil und unfern: Baterlande sind vielleicht einige kalte Maientage beschieden: aber der Winter kommt nicht wieder. wenn eS sein muß, den Fleischtöpfen Aegyptens die einfache Kost der Freiheit vorziehen. Im Lichte des Frühlings, im Lichte der Freiheit darf das Unkraut 1»icht anfblühen neben den Aehren. Wir müssen u»S losreißen von den Fehlern, die man dem Sklaven verzeiht, und die den Freien schände«; wir müffen unfern Feinden jede .Handhabe entwinden, uns zu schaden. Frühling und Freiheit, gegenseitig deuten und erklären sie sich, darum ist es schön, daß das gleiche Fest sie beide feiert, daß au diesem Tage שתי אשות ,ein doppeltes Feuer" uns entflammt, der Strahl der Frühlingssonne und der Strahl jener Feuersäule, welct-e den aus Aegypten Befreiten voranzog. Auch über den jüdischen Stamm sind (Gefahren hinausgezogen! Treffen sie »ns unverschuldet? Zwei Gleichnisse sollen uns antworten, eins der Grj.hichte, eins der Natur «ffltleksd^ dikvviftlrtzte tplage.^le Her LLgyptLi.ka«, wa^ «ine Finsterniß, die drei Tage dauerte: in dieser Zeit, so wird erzählt, wurden viele sündhafte Leute aus Israel himveggerafft, die für die Freiheit unreif waren, die nicht aus Aegypten ziehen sollten: unter dem Drucke Aegyptens konnten sie leben, die Schlechten und die «Gerechten: aber die Freiheit ertrug die unsauber» Gesellen nicht, ivelche den« israelitischen Namen zur Sck)ande gereichten, welclie ihm wie wilde Schoßlinge ein frühzeitiges Welken würden bereitet haben; sie Wurden abgeschnitten in den drei Tagen der Finsterniß, .so daß die Aegypter es nicht inerkten. Und das zweite (Gleichniß: unter der Erde zur Winterzeit keimt das Unkraut, die Giftpflanze, und die nahrungsspendende Saat: aber ivenn der Frühling sie auf die Oberfläche ruft, so wird der vorsichtige Landmann das Unkraut ausjäten, damit die gute Saat Raum gewinne: so mochte in! langen Winter, der über unser Volk verhängt war, es fast unvermeidlich gewesen sein, daß auch manch schlimmes tAewächs, manch häßliche und unwürdige Leidenschaft fortkeimte; aber es ist Frühling geworden; wir sind Bürger mit Rechten, mit Pflichten an's Vaterland; jetzt muß das Unkraut vertilgt werden. Zuzugeben fft, wir sind gewiß nicht schlechter als die Andern; aber eine Minorität, auf die Aller- Augen gerichtet sind, muß schärfer sichten, muß sich verpflichtet fühlen, das Böse ganz aus ihrer Mitte zu tilgen. Wir sind nicht nur die! Hüter des jüdischen Rechtes in unserem Lande, wir sind die Anj wälte von Millionen Genossen, die unter uncivilisirten Völkern in Unterdrückung leben, der leiseste Rückschlag nicht nur des öffentlichen Rechtes, sondern schon des öffentlichen UrtheilS über die Juden unter den civilisirten Nationen ivürde alle Hoffnungen, daß auch die Barbaren, ob auch widerwillig unfern Glaubensgenossen Menschenrechte einräumen, völlig zertrümmern. Gestern lasen wir es in der Hagadah: In jedem Geschlecht ist der Israelit verpflichtet, sich selbst anzusehen als «men, de״ aus Ägypten gezogen ist. Keinem Geschlecht seit den Tagen Mizraims ist die Erfüllung dieser Pflicht leichter geworden als dem unsrigen. Die meisten unter uns kannten die Noch der Unterdrückten, und dürfen sich laben am Hauche der Freiheit. Aber wir sollen uns nicht nur wie Freie, sondernauch erls Befreite fühlen, wir sollen nicht vergessen, aus welchem Zustand uns die Sktade Gottes herausgeführt hat, wir sollen, Frühling und Freiheit sei auch unser Gebet in btefer festlichen Stunde! Wie mancher hat den Frühling ersehnt als den fteundlichen Bote» der laß Allgütiger semc--Hoschung nicht Hä-SchcNMe nsrden: möge der wonnige .Hauch neues Leben wehen durch die müden Glieder, und sie erfrischen und auftichten; manche .Hand, die gern sich geregt hätte um Brvd zu gewinnen, mußte rasten in dem öden Winter; o, es ist die schlimmste Fessel, :venu die Hand sich nicht rühren kann aus Mangel an Arbeit: möge der Frühling ihnen das Heil verkünden, und wie in der Natur alles ivirkt und webt, so möge auch nützliche Menschenkraft nicht ferner feiern. Befteit fühle sich, wer von der Trauer beengt, vom Schmerze gefesselt ist und iverde empfänglich für die Botschaft des Frühlings.. Auch unserm Vaterlande erblühe Freiheit und Frühling, Hoffnung und Zuversicht ziehe ein in die (Hemüthcr, im edlen Wettkampf erstarke der Weift der Wahrheit nnd der «Gerechtigkeit, und erwachse Heil und (Gedeihen allen Genossen dieses großen Gemeinwesens; schütze, o Gort, die jungen Saaten, daß die Felder durch reichen Ertrag dein Landmann seine Mühe lohnen: schütze die jungen Saaten im Hause, daß den Eltern Freude erblühe an ihren Kindern. Erhöre unser Gebet und träuft den Thau von den Höhen auf die Fluren und auf die Seelen! Amen! S. B. <ü»e orthodoxe Predigt eo«tr« Mahd«««. E» ist kein Vergnügen auf abgethaue Geschichten, auf eine r« tritt», noch einmal zurückzukommen. Wir haben unfern Standpunkt zu der Rede, die Maybaum über Berner'» bekannten Bortrag in der Synagoge gehalten und dann in der »Allg. Zeit, des Judenthums" veröffentlicht hat, wie wir glaubten, genügend gekennzeichnet; die Angriffe der .Staatsbürgerzeitll,.z״ gegen den Prediger der Berliner Gemeind« sind in diesen Blättern auf ihre Berechtigung geprüft worden. Natürlich ist uns nicht der Gedanken gekommen, di« ,Staatsbürgerzeitung" überzeugen zu wollen; dieses edle Blatt hat, wie wir es garnicht ander» erwartet hatten, unseren Artikel benutzt, um in einem Auffatz, der dem Spalten lang ist und die Spektakelausschrift,Christen Hetze" trägt, auf» neue gegen die Juden zu lärmen. Die Schüft Prof. Berner'» hat den Titel: Jude uthum und Ehristeuthum und ihre Zukunft. Dcnuoch verwehrt es uns die ,StaatSbüraerzeituug", uns um' diese Schrift zu kümmern. Die ,Etaatsdürgerzeitung" neun