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Israelitische Wochenschrift · 1891-04-22 · 17/18 (22.4.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
17/18 (22.4.1891)
Date
1891-04-22
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Mühe an« chm sich den Bedarf der Lebens holt; dennoch ist dieser Fischer größer al» der unendliche Octan; denn dieser Ocean weih nichts von sich und einer schwachen Wesenkluge« Thun kann dem Gewaltigen Beute entreißen. Ein Bau, und trotzte er den Jahrhunderten, und ragte er noch so herrlich empor, ist für den da, der ihn bewohnt, allenfalls für den, der ihn bewundert: — er ist zwecklos, wenn er einsam dasteht; so wäre die Welt daS zweckloseste Ding ohne den Menschen, der von ihrem Ertrage sich erhält, an ihrer Schönheit sich ergötzt, an ihrer Grüße sich erbaut; er ist nicht nur die Krone, er ist auch der Zweck der Schöpfung. Bekannt ist das tiefe Wort Rabbi Akiba's: חביב אדם שנברא בצלם. חבה יתירה נודפת לו שנברא בצלם אלהים »üin Liebling Gottes war der Mensch, daß er erschaffen wurde im Ebenbilde der Gottheit; und besonders groß war diese Liebe, daß es ihm kundgethan wurde, daß er ein Ebenbild der Gottheit sei"; bll^rne׳Laturerscheinungcs» vor drnen wir staunend stehen, unsere Ohnmacht an ihrer lieber« macht niessend, sind dennoch nur Werke des Höchsten, kein Hauch einegottr>erwandten Geistes webt in ihnen; aber der Mensch ist nicht nur gottvcrwandt, er weiß eS auch: denn kann in ge'undcm Zustande nichts thun oder leiden, ohne daß sein Bewußtsein wie eine Fackel ihm sein Dasein beleuchtet. Gottesebrnbild sein und diewissen, daS hängt innig zusamnen, und darum bringt Rabbi Akiba, als er seinen Lehrsatz aus der heiligen Schrift erhärten will, nur eine Beweisstelle dafür, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen hatte, nicht aber für das zweite, daß dieser Vorzug ihm kundgethan wurde; denn es kann wohl «iuer ein Künigssohn sein, ohne davon zu wissen; aber eS kann keiner ein Ebenbild Gottes sein, ohne daß er mit größerer oder geringer Deutlichkeit je nach der Klarheit, mit welcher das Göttliche in ihm sich wiederspiegelt, eS ahnen müßte, daß er von der ganzen übrigen Natur sich unter» scheide, daß er durch unsichtbare Fäden mit einer höheren Welt verwoben sei Man hat die menschliche Seele den Mikrokosmos, die ״kleine Welt", genannt, und das mit gutem Grunde; denn die Welt, die wir schauen mit allen ihren Reizen und Herrlichkeiten, sie ist eine Nachschöpfung des Gotteswerkes, in unserer Seele; lebte die Harmonie nicht in unserer Seele, wir würden sie in der Welt nicht suchen und nicht finden; hätte nicht Gott ein Urbild von Schönheit in unser Gemüth eingepstanzt, niemals würden wir das selige Entzücken empfinden, welche das Ebenmaß der Formen in uns hervor» ruft'; einer der tiefften Denker hat es gelehrt, die Urbilder aller 'Dinge, gleichsam das Modell einer vollkommenen Welt, lebt in unserem Geiste, nach ihm messen wir die unsichtbaren Dinge; aus uns heraus holen wir alle die Hoheit und Herrsichkeit, und auch all die Härte und Trübung, die wir in der Natur finden. Rur dem empfindenden Sinn des Menschen ist der Frühling schön; im großen Haushalt der Natur wechseln Wellen und Blühen, Herbst und Frühling; sie weiß davon so wenig wie die Maschine, zu der materialistisches Denken freilich so gern auch den Menschen erniedrigen möchte; uns aber ist derFrühling der lieblicheBote; wir sindentzückt, wenn die starre Decke von dem Strome genommen wird und die srssellos« Flnth zum Meere hineilt. nach de« sie sich zu sehnen scheint, wenn der Seim den harten Boden sprengt und zur Sonne emporstrebt, deren Strahl ihn so lange vergebens suchte, wenn die Herden wieder hinau-ziehen auf die grünenden Tristen und frei sich regen auf weitem Gefilde. Der Frühling, den wir erleben, durch den wir aufleben, er ist unnur verständlich im Bilde der Freiheit. Wir sehen die Natur unter dem Gleichniß eine» Riesen, der so lange Fesseln getragen hatte und fast erstarrt war unter ihrem Drucke; aber plötzlich regt er seine Glieder, mit mächtigem, tosendem Andrang bricht er das Erz und schaffendfreudig erhebt er sich zu fördernder That. Nicht der Frühling als Naturvorgang, sondern der Frühling, den unsere Seele bildet und empfindet, ist der Freiheit innig verwandt. Darum betont eS die Schrift, wenn sie vom Auszug der Juden aus Aegypten redet: .Heute ziehet Ihr hinaus ' im Frühlingsmonde", wo di« Stimme der Natur sich vereint mit der Gottesstimme, die aus dem Walten der Äsfchlchtkfpricht, umunsdieSeligkeit derAreihA.voll empfinden . zu lassen. Der Mensch entlehnt der Natnr die Bilder, um die Bewegungen seiner Seele sich an« schaulich zu machen, und mit dem Odem seines Gemüthes durchweht er die Natur, um sie zu beleben und zu beseelen; der Frühling ist die Ver« körperung der Freiheit und die Freiheit ist die Vergeistigung des Frühlings. Mit dem Worte spielend aber im Gedanken tief sagen dir Alten, einen Vers des Hohen Liede« deutend. סממני באע־ישוח, בשתי אשות באש של מטה ובאש של מפלה .Sie haben mich gestärkt mit dem doppelten Feuer", dem Feuer von oben, daS in unserer Seele lodert, und mit dem Feuer von unten, das aus der GotteSschvpfung uns entgegenfiammt; aber dieses letzter« muß von uns selbst entzündet werden. Darum hat die Betrachtung des Frühling« etwa« so ungemein Tröstendes und Belebendes. Der Leidende sieht in dem Thautropfen, der von der Sonne beleuchtet und sodann von ihr aufgesogen wird, ein Gleichniß» wie seine Thräne zuerst vom Strahl der Liebe verklärt und sodann ganz von ihm getrocknet wird. Der Frühling, der nichts spendet al« die!knospen, giebt Allen Muth, denn die Knospe ist dir Hoffnung; sie richtet auf, sie ermuthigt, und angesichts der Frühlingssonne vergißt man es eine Weil, daß so oft Hoffnungen und Knospen vorzeitig gebrochen werden. Mit einem unübersetzbaren Wortspiele sagt der Midrasch דינצנים נראו באי־ץ המצחים נראו באר? .Die Knospen werden sichtbar auf dem Boden, d. i. die Sieger werden sichtbar;" hat der zarte Keim den Winter überwunden und sich als Sieger erwiesen und sich zur Sonne anfgerungen, die anS Millionen» weiter ׳Ferne ihr Licht ihm sendet, warum sollte der Mensch verzagen, warum sollte er nicht hoffen, daß der Strahl vom den Höhen auch sein arme« Herz finden und erwärmen werde; Furcht und Muthlosigkeit sind die schlimmste Fessel, welche die Menschen tragen, wer fürchtet, ist fast verloren; wer feig der Gefahr auSweicht, der wird fast immer von ihr erreicht; da lehrt un« die Natur, daß wir auch vor Stürmen nicht bangen dürfen; wie sollte denn die harte Kruste, die der Winter um Feld und Fluth gelegt hat; weichen, wenn nicht der Sturm an ihr rüttelt sie erschüttert sie zerreißt. Verzaget nicht und verzweifrll nicht, wenn eS stürmt, eS sind die Stürme, die den Frülsting bringen. ..ם־', ׳ י

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