Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 15 (9.4.1891)
- Date
- 1891-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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öffentliche Versammlungen und Reden vorgeschlagen zur! '׳Bekehrung de- Volks, ebenso wird die Verbreitung von! Schriften und Flugschriften empfohlen zur Widerlegung anj ׳tisrmitischer Lügen. Die Juden schlugen längst sotchc Ber-! 1 ckheidigungSmittel vor. aber sie wandten sie nicht an, meist! t aus Furcht, den Feind zu reizen; jetzt werden sic von j , ׳Christen angewandt zur Bekämpfung des gemeinsamen; Feindes. Jüdischerseits wurde in der erwähnten Versammlung , »ngcstanden, daß namentlich die Juden flachen Landes noch | Veranlassung zu antise mitischen Klagen geben, weniger die Bewohner von Städten; nur sei zu bedauern, daß gewöhnlich! für die Fehler Einzelner die Gcsammkheit zur Vertretung gezogen werde. Recht so, aber man darf dies doch nur mit der Hinweisung zugebcn, daß trotzdem die Moralität der Juden gegen die der Christen nicht zurückstehe, daß vielmehr auch im Leben, im Handel und Wandel der Christen die Moralität nicht besser gestellt sei. Wir sagen dies nicht 'zur Entschuldigung oder Vertheidigung der Juden, wir sind vielmehr unter uns mit den Juden nicht zufrieden, wenn sie nicht schlechter sind als andere Menschen, sondern wir verlangen, daß sie besser seien, in Moralität nicht nur nicht zuräckstehen, sondern sich auSzrichnen und hcrvorthun. Nur der Umstand steht den Juden enschuldigcnd zur Seite, daß die politischen und socialen Verhältnisse in der Vorzeit für sie ungünstig gelegen haben und in der Jetztzeit zum Theil noch liegen. Richtig wurde bemerkt, daß die religiös-moralische Erziehung der Juden durch ihre schlechten Schulvcrhältnisse nothleide, da die Lehrer, namentlich auf dem Lande, oft den nothwendig an sie zu stellenden, wissenschaftlichen und pädatogischen Anforderungen nicht genügen. Mit Recht wurde crvorgehoben, die Regierung müsse da helfen, und qs ׳-■ scheint, daß die hessische Regierung den Willen dazu habe. Aber es genügt nicht, gute Lehrer auszubilsen für die wissenschaftlichen Unterrichtsfächer, unsere Lehrer müssen auch tüchtige Religionslehrer für Schule und Volk sein Dafür bedarf der Lehrer außer Vorbildung auch Stellung und Autorität, um nicht vom Vorstand und Gemeinde als ״be* zahlte! Knecht" angesehen und behandelt zu werden. In der Stadt ist es jüngst vorgekommen, daß ein jüdischer Vater, dessen Kind in der öffentlichen Töchterschule von dem jüdischen Religionslehrcr bestraft worden war, sich bei dem . Direktor darüber beklagte: »Ich lasse mein Kind nicht von dem jüdischen Lehrer bestrafen, der von mir bezahlt wird und von mir abhängig ist."' Und auf dem Lande rief kürzlich der Vorsteher in der Synagoge vor versammelter ׳Gemeinde dem Lehrer, einem sehr tüchtigen und allgemein » geschätzten Manne, ohne Grund und Veranlassung zu: ״Sie ' N. N. (nicht Herr), es ist Ihnen hiermit gekündigt, vor de! -ganzrn Gemeinde, damit Sie eS nicht leugnen können; Sie find auf 1 Jahr angenommen, nach Ablauf der Zeit können Sie gehen". Aehnliche Beispiele und schlimmere könnte ich häufen von Stadt und Land, Lehrern und Rabbinern. Da!st enur zu begreiflich, daß es an Lehrern und zumal > tüchtigen Lehrern fehlt, daß man sich in Deutschland nicht vielfach und mit Freuden dem jüdischen CultuSdienste widmet. ° . Auch da- Gehalt der Lehrer muß aufgebessert und deren Zukunft muß gesichert werden, um deren Wirksamkeit nicht von der Willkür der Unverständigen abhängig und deren Freudigkeit am Amte nicht unmöglich zu machen. Man . verlangt gute Lehrer; die Regierung kann sie nicht auder jf- Grdc stampfen, sie müffrn in nöthiger Anzahl erst heran- 9' gebildet werden. Die Landgemeinden haben aber auch nicht i ״ die Mittel, allein ihren Schul- und Cultusverhältnissrn aufzu- £ helfen, die reichen Städte müffen mit für sie eintreten; man i: hilft ihnen ja in der materiellen Noth, warum nicht auch l' rn der geistigen und religiösen? Man bedenke, durch Irrisreligiösität wird auch die Unmoralität gefördert, und man veraesse nicht, für die Unmoralität der Einzelnen wird die £׳:- Gnauuntheil mit verantwortlich gemacht. In gewisser Be- V?. .ziehung mit Recht; denn daß die Jugend weltliche Bildung erlange, Schulunterricht empfange, dazu wird di« Gesammt heit mit verpflichtet; warum nicht auch, daß sic religiös unterrichtet, moralisch erzogen werde? W.T. Mie*d«de». Die hiesige isroel. CultuSgemeinde. 1806 aus 17 Familien bestehend von welche» nur eine rin Vermögen von über 200 fl. besaß, hatte in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhundertin Folge einer lande-- herrlichen Verordnung vom 2S. November 1806 einen sehr geringen Zuwachs zu verzeichnen. Diese Verordnung schrieb nämlich vor. daß aus jeder Familie nur das älteite Kind auf den Handel zu recipiren, jede» nachgeborene dagegen nur unter der Bedingung in den landesherrlichen Schutz aufzunehmen sei. daß es rin bürgerliche- Gewerbe oder Ackrban ohne Benutzung von christlichem Gesinde treibe; weiter be» stimmte sie, daß bei Aufnahmen in den Schutz von inländischen Juden männlichen Geschlechts ein Vermögen von mindesten- 800 fl., weiblichen Geschlechts von 300 fl., von ausländischer, aber ein solcher von 1500 bezw. 1000 fl. nachzuweisen sei Bei diesen Beschränkungen war man von der Erwägung ausgegangen, daß im Herzogthum 5233 größtentheilarme Inden wohnten, die auf Kosten ihrer christlichen Mitnachbarn Handel trieben. Einige zwanzig Familien stark, benutzte die hiesige israelitische CultuSgemeinde bis 1325 den Ueberbau eines 35' langen, 15' breiten Holzstalles der Sabel'schen Hofraithc »eben der »Stadt Darmstadt" in der oberen Webergassc als Synagoge, dann acquirirtc sic von der Wwe. Schramm für 2500 Gulden den vormals Mahr'schen Gartensaal an der Ecke de- MichelöbergeS und der Schwalbacherstraße und wandelte diesen in die Synagoge um. Zu den Gesammtkosten von 5377 fl. 44 Kr. brachte die hiesige Judengemeinl»«. da sie »zum grüßten Theilc arm und ohne Nahrungsquellen" war. zunächst nur 683 fl. 36 Kr. auf 1000 fl. schenkte M. A. von Rothschild in Frankfurt, 694 fl. S Kr. gingen von sonstigen Wohlthätern ein, 3000 fi. mußten ausgenommen werden. Die Einroeihung dieser Shnagogc geschah im Februar 1826 durch den Rabbiner Salomo» Herxheimer von Dotzheim, wobei eS indessen den Festtheil» nehmen! versagt blieb, die Thora in feierlichem Aufzuge audem alten in das neue Gotteshaus zu überführen. Bon 32 im Jahre 1826 war die Gemeinde bis 1840 erst auf 46 Mitglieder oder Familien gekommen, von denen 32 Handel- 1 Putzmacherei, 3 Wirthschaft betrieben, 2 Weber, 1 Schuhmacher, 1 Gutsbesitzer, 6 aber geschäft-lowaren; sie ent, richteten jährlich zusammen 721 fl Abgaben Dir 1848 erfolgte Gleichstellung der Juden mit den übrigen Landeslindern bewirkte ein so rasches Aufblühen?der Judengcmeu-.dedaß bereits 1857 die Erbauung einer geräumigeren Synagoge erwogen werden mußte; man nahm damals den sog. Amte hausgarten am LandgenchtSgebüude al« Bauplatz in Aussicht. Nach weitläufigen Verhandlungen wurde der Synagogeaba» im Schlichter'schen Garten am Michelsberg von herzogliche- Landesregierung unterm 17. Juli 1863 genehmigt und unter Leitung des Baumeisters Hoffmann bis 1870 mit einem Kostauswand von 106.420 fl. hergestellt. Während dir Baues (1865) wurden hier 576 Israeliten ge;ählt. Nach der Volkszählung von 1885 befinden sich hier 430 jüd. Familien mit ca. 1600 Seelen. Auch eine sog. Nebensynagoge wurde im Hause des Samuel Bär von 11 israelischen Einwohnern aufgetha», als im April 1845 der freidenkende Rabbiner Süskind eine liturgische Reform durchsührte. Bon der Herzog!. Regierung anfangs der 50 er Jayre verboten, scheint sie im Stillen fortgeblüht und zu der 1869 gebildeten orthodoxen Religion-- gesellschaft den Grundstock abgegeben zu haben, die Ende 1875 47 Hau«haltungen mit 215 Seelen umsaßte (Nach dem Jahrbuch des D. I. G. B. zählte die alt-i-r. Kultusgemeinde i. I. 1890 nur 150 Seelen.) Lesterr-tch-Un-ar». ' Mie». Bei den GemrinderathSwahlen haben die ״vereinigten Lhnsten" oder Antisemiten im dritten Wahlkürper «inen glänzenden Sieg ׳ erfochten. Damit ist das»