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Israelitische Wochenschrift · 1891-04-09 · 15 (9.4.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
15 (9.4.1891)
Date
1891-04-09
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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tir. Name an« trennt. Wir achten de» Mann nicht gering. n«i( er vorläufig noch allein steht, wir sind ringckenk der Mahnung, die unsere Alten an die Satzrmg knüpfen, daß bei dem Passahlamme das unscheinbare Mob nicht fehlen dürfte: Sehet, sagen sie, das Mob ist von den Menschen für Nichts erachtet und seine Kraft ist so groß vor Gott, daß t:■ an vielen Stellen der Schrift mit der hochragenden Leder zusammen genannt wird. Ein so reines edles Streben ist schon an sich der höchsten Verehrung würdig, ist schon an sich eine Bürgschaft, daß die Nacht einmal weichen wird. Wir Israeliten werden uns. am wenigsten an heiliger Ltätte, in den Streit der Meinungen mischen, die innerhalb der herrschenden religiösen BekenntnissrdiesesLandes sich geltend machen, das wäre ebenso unklug als ungeziemend. So kann deshalb der bei weitem größte Thcil dieser wichtigen Schrift kein Gegenstand unserer Betrachtung sein, aber einige Bemerkungen . c:■ tiefdringenden Denkers sind auch für un« Juden von höchste« Werthe. Welches sind die Fundamente deS neuen religiösen 2'aues, den der fromme und aufgeklärte Krieger aufnchten will? Gottesfurcht und Nächstenliebe, die Lehre: der Mensch :st ein Ebenbild Gottes, und die zehn Gebote. Nun an diesen Grundsäulen hat der Jude nichts auszusetzcn. Unter den Festen seines Bekenntnisses vermißt der weise Mann, der wie ein rechter Reformator nicht nur einreiße«, sondern auch ausbauen will, eins: ein Bußsest; ec veriaagt dafür drei Tage in herbstlicher Zeit, .ein ernstes Wesen, so sagt er, muß während der ganzen Zeit durch die Lande gehen, keinerlei Treiben gesellschaftlicher oder sonstiger Art darf störend an uns hcrantreten.- In der ganzen Schrift ist von Juden und jüdisch-religiösen Einrichtungen nicht die Rede; aber muß es uns nicht mit auftichtiger Ärnugthuung erfüllen, wenn ein religiöser Denker ganz aus eigenem Antrieb für seine religiöse Gemeinschaft ein Fest ׳ordert, wie wir es seit Jahrtausenden durch die Weisheit unserer Gesetzgeber besitzen? Roch ernes ähnlichen Momentes sei hier erwähnt. Ter freisinnige Mann will für die Feier des allwüchentltthen Ruhetages nicht viel Regeln aufstellen, aber er bemerkt »och: .schon der Sonnabend Abend muß uns ein lieber, stiller Freund werden, den wir gern im trautesten Kreise »erbringen;' wir Juden, die wir unseie Sabbathe, unsere feeste stets am Abend vorher beginnen lassen, die wir den Legen kennen, den die häusliche Frier am Abend bringt, wiften am Besten wie richtig der Verfasser empfunden hat und sind erfreut über den Einklang des modernen Denker» mit unfein altjüdischen Einrichtungen. Tiesgegründet ist. was der ftomme Mann über den Eid »orbringt, daß zur Bekräftigung eines Versprechens ein Eid weder verlangt noch angenommen werden dürfe. Wir sehen eS mit Schmerz, daß der Eid seine Weihe, ja seine Bedeurug für dir Rechtsprechung zum Theil rinbüßt, u<ti( viel zuviel geschworen wird. Aber die Juden haben diese Menge von Schwüren nie gekannt, niemals ist eS z. B. einer jüdischen Gemeinde in den Sinn gekommen, einen Rabbiner durch einen Schwur zur pünktliche» Wahrnehmung seiner amtlichen Aufgaben oder gar auf ein bestimmtes BekenntniS zuverpflichten. Der Autor, dem es um seinen Gottrsglauben hochheiliger Ernst ist, fragt: .Warum soll dir Ausübuug freudig übernommener Berufspflichten jeder Art mit .einem Eid belastet werden, wo es die Liebe zum Vaterlande doch ganz selbstverständlich mache, daß jeder bemüht ist, seine Pflicht zu thun, der Eid aber nimmer vor Pflichtverletzung schützt?" Drese Frage und ähnliche sind so berechtigt, daß schon unsere Altvordern sie sich vorgelegt und uie derartige Eide verlangt *haben. Ern jüdischer Predigrr kann, weil er nicht auf ein bestimmet» Bekenntnis verpflichtet ist, nie durch da» Aussprechrn seiner Ueber- »eugung mit seinem Gewissen in Widerstrest gerathen. Nicht einmal einen Zeugeurid kennt das Judenthum. War ein Zeuge glaubwürdig, so galt seine Aussage, ohne daß eS eine» Eide» bedurfte; war er nicht glaubwürdig, so nüpe^ der Eid nickt«. Die praktische Erfahrung der RechtSaelehr««.^ wird sicherlüh dieser Anschauung beipflrchtrn; so blieb de«; Juden die Heiligkeit de» Eides unangetastet und was die religiöse Begeisterung de» Reformators als eine Neuerung mit heiße», heiligen Worten empfiehlt, ist gute alte jüdische Sitte. Ernstester Erwägung würdig sind die Bemerkungen über die Geistlichkeit. Hier ersehnt er für sein religiöses Bekenntniß einen Zustand, wie er lange Zeit unter den Juden bestanden hat, daß nämlich religiöse Kcnntniß nicht nur bei den Rabbinern, den bestallten -religiösen Führer« der Gemeinde, vorhanden war, sondern daß viele mitten in aller weltlichen Berufsarbeit Zeit gewannen, sich mit der Tora zu beschäftigen. Die Zeit ist vielleicht unwiederbringlich dahin; jeder Beruf verlangt heute die ganze Hingebung eines tüchtigen Mannes, wenn die Leistung über das Maaß des Gewöhnlichen sich erheben soll. Natürlich begründet unter uns nur das größerc Maaß von religiösen Kenntnissen eine« , Unterschied zwischen der Gemeinde und dem religiöse» ' Führer; einen sonstigen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien kennt das Judcnthum nicht. Wir' können den kühnen Mann, der eine Welt zum Kampf fordert, nicht hinausbegleiten in den wogenden Streif, wir müfsen abseits stehen, aber wir sollen Acht haben aus die Zeichen der Zeit, es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Jemand, der auf seinen Beruf verzichtet, um der Religion selbstlos zu dienen, der unendliche Mühsal auf sich ladet, um defsentwillen, was er al» wahr anerkannt hat^ wenn solch' ein Held der Religiosität fast aus der ganze« Linie dem Judenthum sich nähert und es sollen seine Anregung auch bei uns einen fruchtbaren Boden finden. Bon Israel gilt vor allem der Vers des JesaiaS, von dem wir ausgegangen sind: .DaS Erste ist eingetroffen, ich kündige Euch Neue», bevor eS ausiproß, melde ich es Euch". Alles, waS die Propheten von der Zukunft melden,!ist nicht so erstaunlich wie die Vergangenheit JSraclS von dem Augep» blich da Gott seine erste Satzung, beginnend mit den Worten: .Dieser Monat sei Euch das Haupt der Monate-, uns kündete bis auf diesen Tag. Unsere Feinde berufen sich, um . die eigene Feindseligkeit zu begründ«!, daraus, daß wir stets aimefeindet worden sind; sie vergessen in der Leidenschaft ihres Hasses^ daß sie damit uns das höchste Lob spenden wegen unser«, Kraft zu dulden und zu überwinden, oder daß sie uns als - besondere Schützlinge der Gottheit darstellen. Mit untrüglicher Deutlichkeit haben wir in der Geschichte in ,de» Ersten, das eingetroffey ist", die Verheißung, daß Gott mit uns etwas Besonderes vor hat. Dann müssen wir aber be», müht sein, etwas Besonderes zu werden, uns auszuzeichne« durch Tüchtigkeit und Treue, durch begeistertes Einste« für " die Ideale der Religion, .und Dein Streben sei'» in Lie be,^ d Jndeß ist doch auch unter uns mancher Mißstand hcrvorgetreten, den wir nach dem Rathe deedlen Mannes, der selbstlos ist und Selbstlosigkeit jordert, beseitigen könnte»; wie vielen Predigern ist cs, als ginge ihnen ein Schwert durchs Herz, wenn sie mit theilaehmendem (Yemüthe bef irgend einem Familienfeste Worte der Erbauung, oder de« traurigem Anlaß Worte deS Trostes gesprochen haben und dann dafür bezahlt werden; aus tiefer Seele kam das Wort freudiger oder schmerzlicher Theilnahme, aber muß nicht der Glaube an die Ehrlichkeit der Worte dies« Empfindungen erschüttert werden, wenn dafür ein Sold entrichtet wird. Mancher Mißbrauch hat sich so, eingebürgert,, daß die Menschen glauben, es müßte so sein, aber auch i« unseren Kreisen sollte man gegen das Mahnwort sich nicht verschließen, daß dir Religion verliert, wenn ihr Segens» oder Trostwort wie eine Waarr verkauft wird. und Drin Leben sei die That".

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