Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 14 (2.4.1891)
- Date
- 1891-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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:a! mtUfem ft hvsst «»,Ifnmbla fcte warf ... halt« — bcMtoft brr To» frine r stehen dieser vollendeten Thatsache rath- und thatlo» gegenüber. Tief beklagen wir alle den Verlust, tief den «eisen Bater, tief die menschlichen Einrichtungen, die solche -Vorgänge zulassen. Da- Andenken Robert Ziegels werden ivir alle Zeit in Ehren halten!" Referendar Sch. wurde auf Requisition der Göttinger ^Staatsanwaltschaft in Erfurt verhaftet und nach Güttingen sabgeführt, aber gegen Hinterlegung einer Eaution von 15,000 Mark freigelassen. ffrftt, 27. März. Ein Antisemiten - Prozeß, welcher Nicht blohier Aufsehen hervorgerusen. sondern seiner!- Principiellen Bedeutung wegen das Interesse weiterer -■ ifatift in Anspruch nehmen dürste, gelangte gestern vor der *■-־ Strafkammer des hiesigen Landgerichts zur Verhandlung. Aus Antrag verschiedener jüdischer Kaufleute hirrselbst war י «gen den früheren Vorsitzenden des Gorlitzer deutschsocialen Vercins, Major z. D. Mitzlaff. und Lieutenant Rentier Lorenz beide zu Görlitz und als enragirte Antisemiten de» könnt, Anklage wegen Verbreitung antisemitischer Flugblätter, in denen von der jüdischen Kaufmannschaft nicht nachweislich /wahre Thatsachen behauptet wurden und die von dem be- " kannten, erst neulich wegen groben Unfugs vorbestraften >׳ Antisemiten Agitator Fritsch aus Leipzig herrührten, erhoben worden. Der Zuhörerraum war fast überfüllt, denn Man war hier allgemein aus den Ausgang des Prozesses gespannt. Der erste Antrag, lvrlchen die Bertheidigung gleich «ach Eröffnung der Sitzung stellte, lautete auf .Ablehnung des im Richterkollegium sitzenden jüdischen LandgerichtSrath ׳" Wendriner wegen ״Befangenheit". Die Verhandlung muhte . in Folge dessen, da nicht gleich ein Ersatzrichter zur Stelle v war, auf dreiviertel Stunden vertagt werden. Alsdann ertf־' klärte sich der Gerichtshof zwar mit der Ablehnung degenannten Richter» einverstanden, aber nicht, tveil Befangenheit angenommen worden, sondern weil in den Flugblättern jj£ die jüdischen Richter als solche angegriffen seien und es darin heiße, ״die Juden fälschen deutsches Recht und deutsche Sitte." Nachdem die beiden Angeklagten die ettvaS unglaubwürdige Er- Tlürung abgegeben, sie Hütten nicht die Absicht gehabt, die jüdischen -Kunfleule von Wörlitz zu beleidigen, sie Hütten nur in Ausübung ihrer Vsttchten als Antisemiten, als Mitglieder dedeutschsocialen Vereins gthandeU, auch seien nach ihrer Meinung Beleidigungen in den be- :«essenden Flugblättern nicht enthalten, werden vier jener Hetzslugschrstten. welche schier Unglaubliches an Berlüumdungen und B«׳ . schlmpfunaen zum Inhalt haben, verlesen: 1. Die Juden als Aülscher bratschen Recht« und deutscher Litte, 2. Wer schreibt unsere Zeltung? ■8. ▲ndUtar •t altera pari. 4. Extrablatt sür die Weihnacht« mit der Devise: Lauft bet keinem Juden! Auch da« gedruckte ltschreiben, in welchem der hiesige deutsch-sociale Verein um Berng der Flugblütter bittet, und der Strasantrag der jüdischen lestte gelange« zum Bortrag Der Brrtheldiger bezweifelt, das, Firmen als solche, wie e< theilweise hier geschehen, berechtigt sind, .Vtrasanttag zu stellen Die Zeugenvernehmung erstreck» sich lediglich . auf die Feststellung, in welcher Weis« die vertheilung der Flugblätter :Dattgesunden. Danach sind 6000 Blätter zu einer Hülst« in Görlitz, »r anderen in der Provinz zur BertheUung gekommen. Al« Zeugen rtren zwei Gürlitzer antisemitisch« Heißsporne, Hauptmann a. D. jirner und Prrmierlieutenant a. D Winter, sowie der Anttsemiten- LHätwettna; Ingenieur Fritsch-Leipzig. Letzterer giebt erst auf mehr- '■ lmaltgeS Befragen M Vorsitzenden zu, daß er bereit« »egen groben ■ Unfugs vordem»!t. Gerichtshof beschließ«, alle drei Zeugen nicht zu »errtmgen. Major Mitzlaff und Rentier Lorenz geben sich dl« ertanAichst« Mühe, um aachzuweisen, daß dir Flugblütter ״dir volle Wahrheit (!) reden;" bi« Jude» wären bei Angriffen aus ihre Person sehr kMttzsindlich; auch die Antisemiten müßten sich viel gefallen lassen. Der ,VahrheitSbepei«" mißglückt jedoch »ollstündtg. v ' Dir Staatsanwaltschaft weist daraus hin, daß die beiden Angülagten, auch wenn man ihre Pflichten als Mitglieder eines politischen Vereins anerkennen wolle, weit k. über das Maaß de- Erlaubten hinau-grgangen seien und stch ungesetzlicher Mittel bedient hätten; die Flugblätter entschielten schwere Beleidigungen. Der Antrag, der Auflage. f nchörde lautete auf IVO Mt. Geldstrafe für jeden Angegten, ferner auf PublikationSdefugniß der Sttafantragler und Kassirung der noch vorhandenen Exemplare der FlugbKSrr. Der BertheiLiger «einte, die Flugblätter seien »ft harmlosen geschichflichen Abhandlungen auf gleiche Stufe zu stellen; in ihnen sei nicht von den Görlitzer Kauf-. leutrn die Red«; die Firmen, welch« der Strafantrag unter» zeichnet, seien hierzu nicht berechtigt und plaMn für Frei» svrrchung Der Gerichtshof ist nicht dieser Ansicht und vrrurtheilt die Angeflagten v. Mitzlaff und Lorenz nach de« Anträge de» Staatsanwalts. In der Begründung de» Uriheils wird gesagt, daß § 193 nicht in Betracht komme; die Beleidigungen sind sehr schwer, denn eS werde den Juden vorgeworfen, daß sie in Handel und Wandel be» trügen, daß sei die Quintessenz der Artikel. Das Bewußt» sein zu beleidigen, fei bei der Bildung der Angeflagten wohl vorhanden gewesen. Die Berurtheilung hat insofern eine prinzipielle Bedeutung. als es da» erste Mal ist, daß Verbreiter antisemitischer Flugschrifttn bestraft worden sind. ^kssen*) im März. Am 10. d. Mts. Abend» hielt Herr Rabb. Dr. Bloch in der ״historischen Gesellschaft für die Provinz Posen" einen öffentlichen Vortrag über da- Thema: ״Sagen aus dem Posener Ghetto." Die überaus zahlreiche, aus den Mitgliedern der Gesellschaft und deren Angehörigen bestehende Zuhörerschaft folgte den geistvollen Ausführungen, die viel Neues boten, mit gespanntester Aufmerksamkeit. Vor 10 Jahren, so etwa begann der Bortrag, hat der schwedische Gelehrte Jophus Bugge die sonderbare Entdeckung gemacht, daß der Sagenkreis der ״Edda" mit jüdischen und christliche» Bestandtheileu durchgesetzt sei. Dem sei aber nicht so. Es war die Sage vom Tode Baldurs, was Bugge zu solcher Annahme wohl verleitet hatte. Es findet sich nämlich in einer jüdischen Schrift eine Sage über den Vorgang bei der Kreuzigung, nach welcher, als das Kreuzesartheil gefällt gewesen wäre, kein Baum sich habe dazu hergcbc» wollen, als Kreuzcsstamm zu dienen. Da habe Judas erkannt, daß Christus in Bezug hierauf, alle Bäume in Eid genommen gehabt; an die Stauden aber konnlc er hierbei nicht gedacht haben, weshalb jener eine mehrere Fuß hohe Kohlstaude be» schaffte, die das Material zum Kreuze geliefert. — Der erste, welcher gegen die jüdische Priorität dieses Sagenmotiv- Front machte, war der hochverdiente und sreisinnige Kenner des deutschen Sagengebiets, Professor Dr. Schwär tz. der frühere Direktor des hiesigen Friedrich-Wilhelmsgymnasiums. Wo es sich bei verwandten Anklängen unter den Juden um mythische Begriffsformen handelt, da ist die Priorität auf deutscher Seite zu suchen; dagegen hat das deutsche Volk in Bezug auf Parabeln, pointirte oder moralische Geschichtchen, wie wir solche so oft in Schullesebücher finden, so manches abgelauscht. Die Juden im Mittelalter durften keinen Grund und Boden besitzen, Wald und Flur ivar ihnen verschlossen, in Folge dessen die eigentliche Sage bei ihnen nicht anskommen konnte; es waren haupsächlich die Legende und das Märchen, die sie schöpferlich in der Atmosphäre deS Ghetto gebildet haben. Auch in dem Posener Ghetto zeigen die Ueberlieserungen dieselbe Gestalt. Der Erzählung-stoff muß hier ziemlich bedeutend gewesen sein; indcß sind hvervon nur Trümmer übrig geblieben, -die im Lause der Zeit gehörig modernisirt worden sind. (Wir brachten dieselben us vorwöchentlichen ״Familienblatt". Red.) Zum Schluß wies der Redner auf die unsterblichen Verdienste deutfcher Männer um die Mythenforschung hin. Jakob Grimm, Adalbert Kuhn u. a., ihnen hatte der liebe Gott eine Wünscheiruthe in die Wiege gelegt; sie berührten mit dieser Wünschelruthe de» Märchentand und Sagenflitter, und er wandelt« sich in pures Gold, blitzendes Edelgestein und leuchtende Flämmchen. Sie lehrten die Deutschen ihre mythologischen Schätze kennen, würdigen und verstehn. Ihnen verdankt man auch den Antrieb, die Ghettosagen zu sammeln und ihre Bedeutung zu schätzen. In solchen Ammenmärchen und Altweiberschnack entdeckten sie Quellen *) Mußte Raummangel» «egen au» vor. Rr. zurückbleiben. (Reb.)