Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 12 (19.3.1891)
- Date
- 1891-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492344-5935076-5959651--0566-5374345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
±0;t, oct beleidigte Hochmuth bäumte sich z« ■■■‘ttfcgtn Rachegelüsten im Herzen Haman's ans, und '״* mftfitc Laune begnügte sich nicht damit, gegen .. Einzelnen z» wüthen, sondern er wollte dessen ver- :-rlicheS Verbrechen an seinem ganzen Volke ahnden, in persönlichen Lastern wurzelnde böse Laune war es also, die ihn beb«rrschte, darum wagte er es sogar, um *!,.»n mörderischen Plänen einen minimalen Schein von chtigung zu geben, das Vergehen Mordechai's und ״!ittelbar d«S gesammten Volkes zu einer politischen Frage «״*;«bauschen, indem er dem Könige glaubhaft zu machen, fr t«, daß seine jüdischen Unterthanen seine Befehle miß- 0• :ten und so dem Staate zum mindesten keinen Nutzen brS-i-ten. Wer erblickt in diesen Zügen nicht unwillkürlich sogleich Abbild eines anderen, des modernen Haman, der in unserer Zeit sich ähnlicher unrühmlicher Mittel zur Be- -fung des Judentums bedient? Der moderne Haman. j- :r sogenannte Antisemitismus, wie er seit Mitte der siilzigrr Jahre in Deutschland sein Wesen treibt, unterleidet sich in den Motiven und der Wahl der Kampfes- »lltel in keiner Weise vom biblischen Haman. Die Begrffndung seines unwürdigen Treibens mittelst religiöser Äoiive würde jedes inneren Haltes entbehren und vor dem! freien Urtheile des ZeitlalterS der Aufklärung nicht stand j Helten, die politische Molivierung würde ebenfalls in sich leli: zusammensallen, darum muß die soe.iale Frage zur! Ertmrung herhalten, jene angeblich dem Lande von den fti-xn drohend« sociale Gefahr, — um launenhaften, selbstsvft-gen und böswilligen Verläumdungen >md Tendenzen, dft im künstlich geschürten Volkshasse so verderbliche Früchte - **ז gen, unter dem Deckmantel socialer Interessen einen schein von Berechtigung zu geben. Dabei werden die Fehler j bt* Einzelnen sorgfältig ausgebeutet, aufgebauscht und! dem Ganzen zur Last gelegt, ebenso, wie jener Haman verfuhr. Wenn sonst der Haß gegen das Juvenihum unsere leidenden Vorfahren bedrängte, so entsprang er aus der Leidenschaft des Gemüthes, aus einem ehrlich gemeinten Fanattsmus, was sich, wenn auch nicht entschuldigen, so doch genugsam erklären läßt. Hier ist es indessen keine ehrliche Begeisterung für eine Idee, kein GlaubenSeiser, sondern die Selbstsucht, die gleich jenem Haman den modernen Antisemitismus umgarnt. Aber trotzdem, hoffen »ir, wird jenes anttsemilischc Lug- und Trug-Gewebe uns nicht zu unserem Verderben umgarnen, das Purim-Fett weist uns hin auf den schmählichen Ausgang, den der böse uud zugleich unkluge Haman genommen. So war es und ko wird es immer sein. Der Antisemitismus wird den Bau! des JndenluwS durch seine gehässige und zugleich unkluge j Verhetzung ebenso wenig vernichten, wie jener Haman es vermocht. Vielmehr wird auch an ihm sich einst erfüllen dos Wort des Horaz: Vis consilii eipera mole rait sua. ״Die jeder Besounenheit bare leidenschaftliche Gewalt stürzt unter ihrer eia-uen Loft zusammen." Bericht» »»d £*rref>»nt>cnjrn. Desstschileu»». 8p. Magdeburg, den 16. März. Vor einigen Tagen kanmir ein Buch •§u Gesicht, das den vielverheißenden Tttel führt: ״Aus dem Geistesleben der Gegenwart." (Bunte Blatter von Kuno Stommel, vr. pkil.) Es enthält Abhanvlungen philosophischen, aesthetischen und volkswirthschcftlichen Inhalts. Die erste: ״Glauben wir noch an eine Borselning?" feffeltr ganz besonders meine Aufmerksamkeit. Die «mze Abhandlung jedoch, dilettantenhast angelegt, sttotzt von Oberflächlichkeiten und Widersprüchen. Wolür man an jeder von dem Herrn Verfasser ausgestellten Behauptung Kritik übe«, so müßte man eine unchmgreiche ArbeD^f. Jntenffant ist aber folgendes. Nachdem er zu dem bekannten Er« gebniß gekommen, daß das christliche Princip der Nächste»« liebe aus einer weit höheren Stufe der Ethik stehe, als die alttestamentliche Nächstenliebe, heißt es Seite l l: ״Der letzte Rabbinerkongreß vom Jahr« 1881 erklärt«: .Da» d, 4. »tzebot der Ncichstealiebe. wie es im alten Testament verkündet Word« » ist, als ein uneingeschränktes, alle, Menschen umfassendes Bebot anzn» sehen sei. Nenn dagegen in dem ausgedehnten jüdischen Schrlstthum sich Aussprüche vorfänden, welche sich nicht zu dieser idealen Hshe erheben, so seien dieselben als Meinungen Einzelner zu betrachten, welch«, durch den Druck der Zeiten hervorgerusen, keine verbindende Kraft be» säßen."—Nir begrüßen mit Genugthuung, fährt der Verfasser sott, dies« amtlich« Erklärung, weil sie von vornherein die Bestrebungen jener Leute abschaeidet, die mit dem Talmud in der Hand neuerdings über das Iudentdum hergesallen sind »nd geglaubt haben, die nächst de» Ehristrnthum gewaltigste Religion aller Zeiten mit einigen geringschäyigen Zeilen abthun zu können". So anerkennswerth diese Behauptung, so wagen wir doch die Meinung zu äußern, daß das Judenthum auch scho» vor Entstehung des Chrittcnthums die ״gewalttgstc Ncligion aller Zcitcn" war. Nun heißt cs weiter: .Tie Äußerung de» Rabbinerkongrefles geht, ohne dcm «eiste der mosaischen Lebrc zu widerstreiten, ^dieses Zugeständniß ist deachlenswerih!) einen bedeutenden Schritt über die Abgeschlossenheit und den Egoismus des auserwählten Voltes zur Zeit der Pharisäerherrschaft i» Jerusalem hinaus ״ Welch eine Logik! Der MosaiSmus ist ebensowenig ״zur Zeit der Phurisäerfchaft" entstanden, als die Religion Ehnski zur;(eit der Inquisition, der Hexenprozessc, der Hierachie, des Klassen und Rassenhasses und der Intoleranz neuester;(eit. Weiter meint der Verfasser: ״Man kann eben die jüdische und antike Nächstenliebe, welch« exclusiv und national waren, nicht ohne Weiteres in das Prinzip der christlichen Liebe verwandeln, indem man sie international giltig erklärt. Tann iväre das Ehristenthnm im Grunde nicht viel mehr als ein internationales crweiiettes Iudenlhuin und das Erscheinen Jesu auf Lrden ziemlich überflüssig geivrscn". Hie haeret aqua. Das ist der wahre Grund, weßhalb gegen die alttcstainentlichc Nächstenliebe polemisirt wird. Die Nächstenliebe, im alten Testament gepredigt, erstreckt sich auf alle Menschen ohne Unterschied dcs Bolkes und dcs Glaubens, sic ist aus!lSerkthätigkcit gegründet und nicht blos pachologischer Natur. Zu einem ganz audercn Ergebuiß als Herr Stommel kommt Professor Tr. Contzen in seinem Werke: ״D« National-Oekonomie. ei» politisches Bedürfniß unserer Zeit." Vorträge und Abhandlungen aus dem Gebiete der Volkswirthschaft, worin es u. S. :13 heißt: »Die sociale Frag«, bemerkt Kübel mit vollem Recht, kan« in Israel gar nicht gestellt werden. Melche Matette ist allem ttwaigen Revolutionsgeist hier zum Boraus entzogen! Glückliches Bolk! Was als höchste Errungenschaft der Neuzeit gilt, was im Abendland mit Strömen von Blut, mit Ungerechtigkeiten aller Art erzwungen wurde oder werden wird, Tu, Bolk Gottes, warst vor beiläufig 300» Jahre« schon lin gesicherten Besitzthum dieser ״Freiheit". Und was begründet«, was sicherte diesen Besitz? Nicht' selbst erfundene Theorien, nicht der Menschcnwitz überhaupt, nein, Dein Besetz, Dein so oft als bar»׳ barisch und vorsinlfluihlich verschrieenes Besetz. Weisheit und zarte Menschenliebe sind hier im schönsten Bund« mit göttlicher Helligteit l Ti« Weisheit, die, ohne Brrletzung des EigenlhumS, ohne gewalrsame und widernaiiirliche Nivellirung, doch die materiell« Gleichheit, soweit es möglich, sördrtt, di«, indem sie den Nässenden Abgrund zwischen Arm und Reich unmöglich macht, den Staat vor so vielen Konvulsionen bewahrt! Die Menschenliebe, die auch im Aennften den Bruder vor Bott respektirrn heißt und seine ohnehin schwere Lag« nicht noch zu verbittern erlaubt." Wir sehen hier, wie der gelehrte Verfasser jedes consessionelle Borurtheil von sich abgestreift hat und nur einer ״von Vorurtheilen fteien Liebe" nachstrebt. Sobald der. Be» griff ״Nächstenliebe" erst theologisch analysirt wird, zerstiebt die Humanität in alle Winde. Darum sagt auch, Le,sing so wahr: ״Ich habe noch immer die besten Christen unter denen gesunden, die von der Theologie am wenigsten wußten."