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Israelitische Wochenschrift · 1891-03-19 · 12 (19.3.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
12 (19.3.1891)
Date
1891-03-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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',Jude bleibt Jude", ,So find sie alle" — das Redenbarten, welche man nicht so selten hören kann. v Daher kann es nicht Wunder nehmen, wenn eine Zahl »on Personen mit dem Namen .Jude' von vornherein den t ®*griff alle- Schlvchtea verbindet. Namentlich ist ihnen i ,Jude' und ,Betrüger' ziemlich gleichbedeutend. Ein jeder billig Denkende und menschlich Fühlende r jvird zugeben, daß dies« Ansicht ein Vorurtheil itt, von dem «an sich endlich frei machen sollte; denn ein solches kann ״׳ 'auf Wahrheit nicht Anspruch machen, f' Besonders aber die Schule hat dir Ausgabe, die ihr ► anvertraute Jugend zu allem Guten, Edlen und Schönen, aber auch zu allem Wahren heranzubilden und zu erziehen. (k Wie uns dünkt, ist jedoch der .Einträgliche Räthselhandel' nicht dazu angethan, den falschen Ansichten und vorgefaßten i: Meinungen einer Reih« von Menschen über Juden und ' Ändenthum «ntgegenzutreten, sondern ihnen im Gegentheil r neue Nahrung zuzuführen, was die Herausgeber gewiß nicht beabsichtigt haben, lln» drängt sogar die Befürchtung auf. daß selbst ein Passus wie: .Wenn er sich gut aufführen würde' oder »mit spitzbüberischer Freundlichkit' unter Um- ^!ständen eine ungewollte Wirkung haben könnte. All das zusammen genommen legt die Frage nahe: Äommt die Erzählung .Einträglicher Räthselhandel' der Forderung nach .den erziehlichen Zweck der Schule .zu fördern', wie eS die .Allgemeinen Bestimmungen" vom .gesammten Inhalt" also auch von jedem einzelnen ,Lheil de» Lesebuche» verlangen? Welchem Umstande überhaupt dieie» Lesestück seine Aufnähme in da» vädagogische Glaubensbekenntniß der Schule zu verdanken hat, können wir natürlich nicht wissen und nicht mit Bestimmtheit sagen; es läßt sich nur vermuthen. Wenn mich mein pädagogisch:» Gefühl richtig leitet, so ist das geschehen wegen der zwölf Rächsel, die dann Vorkommen. Diese sind in der Thal anziehend und entbehren nicht des Interesse». Sie sind oder sollten nach dem Verfasser wohl auch die Hauptsache de» Ganzen sein. Könnten nun nicht die ,kuriosen Fragen' vielleicht allein gebracht werden, also mit Weglassung all' dessen, wa» sich aus den Helden be- ■r zieht, der eine >o jämmerlich« Roll« spielt? *V ■־ Wohl ist tf wahr: Bei den unseren Klassikern oder; sonstigen mustergiltigen Schriftstellern entnommenen Stücken ׳ hat mehr denn je da» Wort Geltung: .Ihr sollt nichts Hinzuthun und nichts davon nehmen.' Aber andererseit- ׳' ist doch auch zuzugeben, daß einzelne Stellen mancher : litterarischen Erzeugnisse der Kinderwelt aus dem einen oder - dem anderen Grunde nicht in derjenigen Form dargeboten werden können, welche der Autor für gut befunden. In solchen Fällen muß die Pietät gegen die Verfasser ein wenig zurücktrrten hinter die pädagogische Rücksichtnahme. So ist e» vollkommen gerechtfertigt, wenn die Herausaeber des vorliegenden Lesebuches einige Nummern für den Schulgrbrauch umgearbeitet haben, w,e z. B. .Der westfälyche Hofschulze' — au» Jmmermann» .Münchhausen' — oder wenn andere von ihnen für den Schulgebrauch ' verändert und gekürzt sind, wie die schöne, der Gartenlaube j* entnommene Geschichte .Roß und Reiter'. Ließe sich bei F unserem ,Schmerzenskind«' nicht eine ähnliche kleine Ampu- £ ׳,- totton ausfübren, um es pädagogischen Zwecken mit gutem r Erfolg dienst«» machen zu können? Eine Bearbeitung der L " Erzählung .EinträgUcher Räthselhandel' für den Schul- " י gebrauch, oder eine Veränderung und Kürzung derselben in!? J dem oben angrdeuieten Ginne dürfte vielen Lesern den bisj£ herigen Stein des Aergernissrs beseitigen, was sicherlich nicht dem ,Deutsche« Bolksfchul-Lesebnche" zum Schaden gereichen würde.') . ti. *) Schreiber diese« tauf versichern. d»ß auch christliche Lehrer ihm ■'» •tfut h^e». sie bedauern 1At «ichmtzm, dies«« OtfätMt* ״»Wie,« MI »»rlleg«»-« Sestalt. Der «sderwe $«»««. •iM PnetM-BetrachM», im« Sutaois v««» e«-Sertt». Das Räderwerk der geschichtlichen Entwickelung des Judenthum« dreht sich, wie dasjenige aller Völker, um die Axr einer großen Idee, um den Gedanken des reinen Monothet»mu», der seinem historischen Leben im Lause der verflossen«» Jahrhunderte der Impuls gegeben. Diese Jve« beherrscht vn» noch heute, welcher religiösen Richtung wir auch angrhüren, wie wir über die ceremonielle Ausgestaltung dersäben auch denken mögen. Ihre Festigkeit und Thätigkeit ist aber im wesentlichen da» äußere Merkmals wodurch wir sie von anderen die Welt bewegenden Idee» unterscheiden können. Während letztere unzLdlige Male im Wechsel de» historischen Lebens sich verändert, während so gar religiöse Grundgedanken Fremder so häufig dem mächtigrn Druck« der Aeitverhältnisf« erlagen, um neuen Gedanken das Feld zu räumen, während ein jedes Jahrhundert gewisirrmaßen seine religiöse oder sociale Idee besitzt, die demselbrn da» ihm eigenthümliche Gepräge giebt, — ist der Grundgedanke der jüdischen Religion der Macht der Zeiten nicht gewichen, da» Judenthum hat ihn au» dem ägyptischen Sklavenjoche in die nationale Freiheit, au» seiner staatlichen Selbstständigkeit unverändert zu den Völkern hinausgetragen und bis heute bewahn. Kein Wunder nahm wenn diese dir Jahrtausende so unerschütterlich überdauernde Idee so oft in der Geschichte an fremden Gegensätzen sich gerieben und so oft dem Tode nah« zu sein schien. Das Judenthum gleicht einem im weiten Ocea« vereinzelt dastehenden Felsblock, den die schäumend« Brandung umtobt, zuweilen überflutet, aber immer wieder erhebt er fich von Neuem über den Spiegel der See, »otzend der Gewalt des zornigen Elements. Go hören wir denn auch von unzähligen Verfolgungen die unser« Vorfahren erleiden mußten. Meist war es die blind« Wuth, mit der fanatischer Glaubenseiser die Gemüther gegen anders Denkende und Glaubende erfüllte, welche jede humane Herzen»r«gung erstickte um den Neid und Haß freie Bahn zu schaffen. Die» gilt von der syrischen Verfolgung der Makkabäerzrit, ebenso wie von Hadrianifchen, von der spanischen Inquisition und anderen mittelalterlichen Bedrückungen, wenn auch zuweilen vielleicht noch politisch« Absichten die verschiedenen Machthaber zu derartigen Grausamkeiten veranlaßten. Ganz anders geartet sind indessen di« Motiv«, welche nach der Erzählung de» Buche« Esther H a m a n zur Ausführung seiner BersolgungSpläne gegen die Juden bestimmten. Offenbar liegt hier weder in politischen Absichten noch in religiöser Unduldsamkeit der Grund für sein Verhalten. Denn in welcher Weise konnten wohl — vorausgesetzt, daß wir am geschichllichen Lharacter des Buches frsthaltrn — zur Zeit Ahasver'«, d. h. de« Perserkvnig Lerxes, die gegew über den persischen Unterthanen so verschwindend genügen jüdischen Bewohnern dem Staat« gefährlich werden? Da» Stammland der Israeliten, Judäa, war damals ohnehin schon seit der Rückkehr au» der babylonischen Gefangenschaft persisch« Provinz, die fast aurschließlich von Juden o.wohnt war, und sollte man annehmen, daß der König von der Ermordung resp. Vertreibung der Juden und der dadurch herbeigeführten Entvölkerung sich einen politischen Nutzen versprochen hav«? Gewiß nicht. Daß indessen auch Religio»«haß die damalige« Machthaber nicht geleitet Hab«; rraiedt sich aus dem ganzen Character de» Buche«, welchem religiöse Tendenzen so fern liegen, daß der Name Gotte« nicht einmal darin erwähnt ist. Außerdem haben gerade di« persischen Machthaber in religiösea Dingen ein« seltene Toleranz und mild« Gesinnung bewahrt. Worin liegt nun der Grund? Die Antwort wird «ns nicht schwer falle». Mord-chai hatte Haman's Ehrgeiz deleidigt, indem er sich, getreu der religiösen Borschnst aber entgegen dem Befehle bei Königs, weigerte, vor Haman m» Knie zu beugen. Aber die wild«; schrankenlose Selbstsucht

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