Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 11 (12.3.1891)
- Date
- 1891-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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t■.1 r .׳. . Die*' Straßenraub und gewaltsame« Einbruch die Juden 1 betheiiigt sind. D«» schreibe« sie der Ursache zu, .11 diesen Verbrechen körperlicher Much und Thatkrast en. Wenn die Juden sich bei den Antisemiten in ״st setzen wollen, müsien sie also recht viel Morde und begehen. (Heiterkeit.) Es giebt schlechte Juden und schlechte -ien, das ist wahr. Es sind ja gerade unter den Führern der ~ e Unglücksfülle vorgekommen (Heiterkeit.) Eine gefährlichere ״»h gewifsenloserr Agitati on könnees gar nicht geben, als die anti- ' iische. Wie es mündlich getrieben wird, so ist es auch in der antise- ׳״nschen Preffe. Nichts ist den Leuten heilig, und dahinter sin, die Junker und die ,Kreuzzeitung- und leider auch ■׳. Ultramontanen. Es ist ihnen gelungen, einen Haß und ' ■׳ Wuth in die Bevölkerung hineinzutragen, die fast unlich erscheint. In der letzten Zeit fängt man denn an, -n einer kräftigeren Bekämpfung deS Antisemitismus rn-u schicken. Ein Verein hat sich gebildet, der 'in Berlin י ' n Sitz hat. und eS ist hohe Zeit, daß er seine Thätig- .^> beginnt. Mit dem Verbot der Bauernvereine, wie rS KreiSamt Gießen gethan hat, wird nur da» Gegentheil 1־:ft. Alle freifinnigen Leute müssen ihre Pflicht thun, -- die Bewegung ist eine durch und durch reaktionäre; ׳■ nicht bloß in öffentlichen Versammlungen, sondern auch ^glichen Verkehr des Lebens müsien sie Front gegen Pest machen, dann wird diese Schmach des Jahr» -erts endlich, ausgelöscht werden. (Anhaltender Beifall.) s!«rr Dr. Luarck ergänzt die Ausführungen des Referenten. » Untisemiten seien nicht blos auf junkerlicher Zeit« zu suchen, ' *crn weit bis ins Nation allibcral« Lager hinein (Beifall) W. Vn Reichstag«wählen hätten Beamte und Geistliche dt« Häuptmir offenen Armen ausgenommen, und solchen gebildeten Leute» miieidies noch viel schwerer angerechaet werden, als ungebildeten BmtLrn. (Beifall.) Als Beispiel krasser Verlogenheit führt der Redner ein» Behauptung Zimmermanns an, di« ,Berliner Getreidejuden' liehe« das Getreide absichtlich verderben und dann mit besserem zu» serr.^rn mahle», um das deutsche Bolk zu vergiften. (Heiterkeit.) Zimmermann habe di« dazu gebrauchte Maschine genau beschriebe«: Redner habe aber von technischer Zeit« die Versicherung erhalten, dag solch« Maschine» überhaupt nicht existirte». Line« Antisemiten, der gleichfalls mit den alten kriminalistischen Unwahrheiten kam, Hab« Redeer dt« Unhaltbarkeit derseiden vorgehalten, worauf der Mann an' -.'^rtet«: ,Wissen Tie, darauf kommt es schließlich nicht an: di« Ho .sstsache ist, daß es di« dummen Bauer» glauben, der Zweck heiligt fcw Mittel!' (Härt, hört!) Da« ist sehr bezeichnend für di« Herren. Lin sseffne« Uriheil über ihre eigene Agitation können sie gar nicht fällt (Beifall.) Mindecke« bei Hanau. 8. März. (Antisemitische Lxcesse.) Böckel, der gestern eine V.ntisemitmversammlung abdaltru wollte, erregte durch die Bekanntgabe, daß nur Gesinuungsgenofsen Lmlaß haben sollte«, eine» derartige« Tumult, daß die Versammlung aufgelöst wurde. Als der Aus »diese Band«- ertönte, erfolgten stürmische Auftritte; Böckel wurde von den G«»1darmcn au» dem Saal geleitet, seine Anhänger wurden späler thatsächlich angegriffen. Schließlich sah sich der Bürgermeister genbthigt miluärischen Schutz zu rrquiriren. Von Hanau kam in ernem Extrazug Militär an. Böckels Rückzug glich einer Flucht. — Au» Mnem ausführlichen Bericht der »Franks. Ztg.- ergiebt sich, «eß di« Requisition von Militär nicht veranlaßt worden ist Lurch die Aufiösung der Böckel'schen Versammlung, sondern Mrrch spätere Vorgänge. Die Auflösung der Versammlung »»r uochwendig geworden wegen deSlumultnarischea Charakter» derselben. Socialdemokraten und Antisemiten überboten sich Gegenseitig in Ruhestörungen. Nach der Versammlung senden Excesse in einem WirthShauS statt. Böckel war mit «dgiehenden Lozialdemokrattn, den i er beleidigende Worte Ober Bebel und Liebknecht zugerufen hatte, so in Lonstikt tzerachen, daß die Gendarmerie blank zog. Auf diesen Bor- Ml ist es wohl auch zurückzuführen, daß um 7,9 Uhr da» Militär m Hanau alarmin und zwei Aompagmeu nach WSiudeckrn drrigitt wurde». Da» Milstär rückte in Be- Dleinivg des Landrath» und de» Polizeikommiffar» mst «nkgepstanzrr« Bajoner von ein, fand aber Alle» ruhig und tzteür jesort wieder nach Hanau ab, wo e« Nacht» um 2 Uhr wieder rintraf. Unter der Einwohnerschaft Wind herrschte allgemeine Entrüstung über den Versuch Böckel», die antiscmitsiche Hetze in die sonst so stille Gemeinde za trage« £»ftem<6»1lHf«nt. Wien, lieber die antisemitische Wahlbewegung schreibt die ,Bolksztg.- sie sei eine Erscheinung, welche fürchten läßt, daß Wien, wenn e» nur noch ein« kurze Zeit so fortgehh das stolze Diadem der Metropole vom Haupt gerissen wird. Nicht das Häusermeer, nicht die Meuschenmaffe, licht die Theater. Äkufeen sind «S, welche einem Orte den Charakter einer Hauptstadt aufdrücken, sondern da» von ihm au»-- strahlende wirtbschaftliche, politische, geistige, kurz dakulturelle Leben. Aber das Wien des heutigen Wahlkampfes, das de» antisemitischen Fürsten Liechtenstein und seiner Land-knechtr, ist politisch untergeordnet wie ein Bergdors. Di« Wähler befanden sich im Sinnestaumcl, berauscht durch Hetzrede« berauscht durch Spirituosen. Sobald r» bekamst wurde, daß Prinz Liechtenstein in die engere Wahl komme, kam der AuftraK daß das Freibier ununterbrochen bis Sonnabend Abend, also drei Tage lang zu fließen habe Die Gasthäuser, die Prinz Alois Liechtenstein gemiethet hatte, waren von Durstige« überfüllt. Am Freitag blieb eS sogar nicht bei den Getränken allein, es gab auch Schinkenbrödchen und Krenwürstel. Ein häßliches Wahlmanöver war es, daß am Freitag ichwarz» umrandete Zettel vertheilt wurden, aus denen zu lesen war, daß der Gegenkandidat Dr. Kronawetter mst den heiligen Sterbesakramenten versehen.wurde. Von den siegreichen antisemittschen Kandidaten viel Auf- Hebens machen, erheischt mehr Selbstverleugnung, als sie werch sind. Zn welchen Folgen diese frevelhafte Hetze führt, ersehen nnr an den Vorgängen in Kolema in Galizien, wo der deutsch-liberale Bekämpfer des AnttsemstiSmu» Dr. Bloch, zur Wahl gegen einen Polen stand und siegte. Dort haben die gegen die Juden aufgehetzteu Bauern Gewaltthätigkesten verübt und Plünderungen voraenommm am Wahltage, dm S. d. M., die nach einem Telegramm, den 8. d. M, noch nicht zu Ende warm, so daß der Ministerpräsident Taaffe telegraphisch um Smdung von Truppen unk Verhängung des Standrechts ersucht wurde. In Sloboda (unwett Kolemea) wurden die Wohnungen der Juden geMndert. ES kamen schwere Verwundungen vor; kb r e i Juden wurden getödtet. Kra »?reich. Start». In dem neuesten Heft der Berne de deux monde» vom 15. Februar d. I. veröffmtlicht der Professor der Geschichte und Nationalökonomie em Jnstttute von Frank- - reich, Leoroy-Beaulieu einm 40 Seiten langen Artikel über .Die Juden und der Antisemit i»mu».- Der, Artikel mthält nur die erste Abtheilung: ,Religiös« Boruriheile-, eine weitere Serie wird folgen. Wir begnügen un» mst den kurzen auSzüglichm Notizm: ,Die Emanzipatio» der Juden in Frankreich datirt vom Jahre 1791; dieselbe! sit dem Abbäe Gregoire. Duport .und Robespierre z« ver-e danken. In der damaligen Nationalversammlung Hab Rewbell und die Abgeordneten de» Elsaffes sich dageg ausgesprochen. Dst meistm Völker hadm da» BnkpE' Frankreichs nachaeahmt. England hat die Gleichstellung* der J«raelitm erst 1849 und 1850 vollendet, Dänemarr 1849, Oesterreich-Ungam 1887 und 1871, Jtalim 1860 und 1870, die Schweiz 1869 nnd 1874, Serbim und: Bulgarien 1878 und 1879; Rußland und Rumänien;, Spanien und Portugal haben allein dm Sa der Aufklärung verschmäht. Rußland hat allein die Hälfte all«- lebend«, Israeliten in seinem Reiche; e» gibt 8—9 Millionm Juden, in Europa wohnm 7—8 Millionen. Rußland hat 3—4 Millionm. Das russische Gebiet war dm Jude« unter dm erstm Romanow verböte». Die Bevölkerung» strömte chm von Palm zu, da» i« Mittelalter da» Ceutrvm^ Iscaels war. Nach Rußland kommen Oesterr« ' und Preußen; erster«» het 1,6