Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Aber abgesehen davon, daß die.Judenprefse" uns nach außenhin nicht genützt, ist sie nach innen für uns von großem Schaden gewesen. Sie hat, selbst lau, unter den Juden «ine Lauheit gegen die publicistische Vertretung ihrer eigenen Interessen großgezogen. Wie wäre es sonst erklär« lich, daß in den gegenwärtigen für uns so schlimmen Zeiten die wenigen jüdischen Zeitungen nur kümmerlich fortkommen? Während die antisemitische TageSlitteratur immer mehr anwächst, schrumpfen die jüdischen Zeitungen zusammen. Alte und angesehene wissenschaftliche Journale sind ringegangen, unter den vorhandenen jüdischen Zeitungen dürfte wohl keine einer Abonnenten,zahl von 3000 — wie kläglich! — sich rühmen. Die Juden wollen über sich selbst und ihre Angelegenheiten nichts lesen, weil sie durch die allgemeine ,Judenpresse" von ihrem Schicksal mehr abge« lenft als darauf hingewiesen worden sind, und weil auf diese Weise eine förmliche Lauheit, ja ein Widerwille gegen alles spezifisch jüdische Zeitungswesen unter ihnen großaezogen wurde. Jedes kleine interessante Natiönchen unterhält politische und belletristische Blätter in der Nationalsprache, um die nationalen Angelegenheiten zu besprechen, und die Herzen der Stammverwandten dafür zu erwärmen. Unter den deutschen Juden erscheinen vier bis fünf jüdische Zeitungen, und haben vielleicht alle zusammen nicht soviel Tausende von Lesern unter doppelt so viel Hurlxrttausenden deutscher Juden. Indessen sind die jüdischen Zeitungen selbst nicht von Schuld fteizusprechen. Ohne der einen oder der anderen zu nahe zu treten, kann man doch fast von allen sagen, daß sie keine lebendige Begeisterung, keine warme Theilnabme an den uns interessirenden Angelegeuheiten zu wecken, daß sie die Juden aus ihrer Lethargie und Jndolnz nicht aufzurütteln vermögen. Was ist die Aufgabe einer jüdischen Zeitung in der Gegenwart? E« kann nicht ihre Aufgabe sein, ausschließlich oder auch nur vorwiegend Unterhaltuugslektüre zu bieten. Die Zeit ist für uns nicht unterhaltend, also kann und darf die Zeitung auch nicht darauf ausgehen, blos unterhaltend sein zu wollen. Ein populär-philosophischer Aufsatz, eine gemeinverständliche Abhandlung über ein theologisches oder geschichtliche« Thema, eine jüdische Novelle und dergl. ist gewiß von Werth, und mag belehrend wirken. Aber eine jüdische Zeitung in der Gegenwart nur damit füllen heißt den Kernpunkt umgehen und die jüdischen Leser unter dem Vorwände der Belehrung über dir Lebensfrage des Juden- IhumS hinwrgtäuschen. Göth« mochte während Deutschland unter der stanzüsischen Herrschaft seufzte, sich mit der Farbenlehre und der Morphologie der Pflanzen befassen. Der Mangel an Patriotismus fit ihm dennoch immer verübelt worden. Wenn aber eine jüdische Zeitung heutzutage ihre Leser nicht allwöchentlich mit Flammenschrist darauf hinweist, wie daS Judenthum rings von dem Antisemitismus umstellt ist, wenn sie nicht dem letzteren immer und unauf- Kärlich entgegentritt, die alten Lügen nicht immer von Neuem zurückweist, die alten Verdächtigungen nicht immer von Neuem widerlegt, wenn sie also nicht selbst auf dem Kriegsfüße steht und ihre Leser auf dem Kriegsfüße erhält, dann handelt sie so unpatriotisch wie nur möglich gegen das Judenthum, und kann demselben auch keine Patrioten, keine begeisterten Kämpfer erziehen. Der Jude ist von Natur Optimist. Daist seine Tugend, aber auch seine Schwäche. Er läßt sich nicht gern aus seinem Frohmuth, aus seiner hoffnungsvollen Zuversicht aufstüren. Recht schön. Aber die Zeiten müffea auch danach sein. Wo Alles auf dem Spiele steht, wo ein feind« seliger Ring sich um un» schließt und im Innern der Abfall nm sich greift, da ist die kindliche Zuversicht und die Behaglichkett nicht am Platze, da muß eS heißen: »Heil dem Manne, der stets besorgt ist", und ei» B!Scheu Unruhe und Aufgeregtheit kann da nur von wohlthätiger׳Wrkung sei«. la ES ist gar nicht zu verwundern, wenn di« Juden bei ihrem; jede Aufregung scheuenden Temperament noch am Hefte» eine jüdisch« Zeitung begünstigen, welche sie so wentz totemöglich aufregt, die ihnen belehrende Auffätze, Anekdote«,.׳ Micellen darbietet, und ihnen verschweigt, auf was für ei»v» , unterminirten Boden wir stehen. Hat man doch der einen Äer anderen jüdischen Zeitung, die ein bischen scharf gege«- unsere Gegner losguig. den Borwurf gemacht, daß sie de» Antisemitismus züchte und stuktificire. Ein köstlicher Ei»-^ fall, über den einmal unsere Nachkommen lachen werdet wenn ihnen nicht daS Lachen überhaupt vergangen sein wird." Nichtkann mehr unfern zuversichtlichen Leichtsinn, unsere unverantwortliche Kurzsichtigkeit «zeugen, als dies« A»- ' schauung, welche eS so wenig als die Aufgabe der jüdische» Publicistik betrachtet, den Antisemitismus auf- Nachdrücklichste zu bekämpfen, daß sie vielmehr meint, er würde bloS durch sie galvanisirt und fortgeftistet, aber absterben, wen» dm Juden keine Notiz davon nehmen. Da» Umgekehrte ist da« Richtige. Der Antisemitismus ist viel mehr im Rechte» we«» er seinerseits auf die Erschlaffung und die Ohnmacht d«L Judenthums rechnet Denn er findet keine schlagfertigst» Gegner. Oder nehmen die zahllosen Antisemitenblätter etwa von einer der bestehenden jüdischen Zeitungen Notiz! So lange diese unfern Gegnern nicht gefährlich etf ' ' von ihnen keiner Beachtung gewürdigt werden, so haben sie ihren Beruf und ihre Aufgabe verfehlt, möge» auch von den spärlichen jüdischen Abonnenten so sehr weg»» ihre« ,ruhigen Tones״ und ihre« ,abwechselungSmjWAi Inhalts״ gelobt und — nicht gelesen werden. ES hat eine Zeit gegeben, wo der Jude am Sabbatß« Nachmittag, wie ehemals ein jüdisch-deutsches Buch, so di» jüdische Zeitung vornahm, die etwa» Neue« war, und darüber einschlief. Solche Sabbath-Nachmittag-Lektürr schaffen, ist jetzt nicht mehr die Zeit, denn e« ist lei zum schlafen. Die jüdische Zeitung soll des belel Inhalt» nicht ermangeln, da» ist gar keine Frage, aber? soll nicht durchaus so gehalten sein, als ob wir weiter Sorgen hätten, als über wissenschaftliche Fragen un« unterrichten. Wir leben in einer Zeit de- Kampfe« und Zeitung muß der Ausdruck der Zeit sein, sonst ist sie d Wir lächeln heute über die Talmudgelehrten vergauß Tage, die, unbekümmert u.n da», was um sie vorgiUA, bekümmert um die Schmach und Schande, welcher Judenthum und die Juden prrisgeaeben waren, in pilpulistische Spekulation sich sorglos vertiefen DaS waren die Männer, von denen man sagt, daß sie landesübliche Münze nicht kannte», und von eine» di Männer, der in Ungarn lebte, wird sogar erzählt, daß als daselbst die Revolution wüthete, sich kein« Klarheit' verschaffen konnte, waS eine Revolution sei, da ma»' nicht »rnonreä bernettodno" sein, (gegen die Herrschaft nicht auflehnen) dürfe. So naiv und weltfremd, so spönnen in ihre Kreise waren jene Männer. Aber eS die meisten jüdischen Zeitungen der Gegenwart während da» Judenthum mitten im Feuer steht, ihre blo» belehren, bloS unterhalten, blo« angenehm an Uebrigen aber ihren Sabbath - Nachmittagstören wollen? Beftuern müßt ihr sie, daß ihr auswallt, daß sie innerlich empütt werden und sich ea ob der Schmach, der Zurücksetzung, der Verkenn« Verkleinerung, welche wir erdulden, so daß sie ihre« wie einst dem Hannibal sein Vater, den Kampfe«» dir kriegerische Entschlossenheit einimpsen, welche feige flucht verachtet. Dann werden unsere Gegner Rest euch haben und euch für gefährlich halten, wenn sie daß ibr ihnen auf den Fersen sitzt, sie in ihren f winkeln aufsuchet und ihr verderbliche« Treiben < Alsdann möget ihr auch der Vermehrung eurer bester. ,, ih« a 1 anctMär Schliff ■I *) Dies geschieht allerdings nicht jelte»; auch »nsere«! diese »«etdeM^e «he, schon •ft Mhtl gmmbt*.