Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 52 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'firif ftiae BoDUiGtzchLt gtefid _Si* {«inen Sagen die von b<a goftenoi Sonnenstrahlen «liebdste, an lagen von eifrig Betende» besetzte Synagoge, er ... Kantor in seinem langen Seidentalar. die rothe, »de Flamme der Lichter, die vor dem Erlöschen uo- Mal anfflackerten. Doch that schließlich die Er- , da» .Ihrige und Moischele schlief endlich ein. Eöien entzückenden Traum hatte er, ja wunderschön er, und dabei doch schauerlich. Ihm träumte, daß er einem klaren, sonnigen Tage über das Feld lief. Ein jjchtr. leichter Wind umwehte sein Gesicht. Ihm war so net)«, so leicht, so froh zuMnth. Seit langer, lang r sprang er nicht derartig umher. Etwa vor 10 Jahren « junge» Kind, hüpfte er so im Sande, mit dem er spielte, ine Epielgenossen holten ihn ein und zertraten seinen vren. Waü fiel ihm denn gerade jetzt ein, so viel herum- 7. ingen? Tr kann cs sich nicht erklären; seine Füße »gen ihn fort und innerlich drängt ihn etwa». Ihm ist sogar unangenehm so zu Hüpfen, al» ob er noch ganz in wäre. Er will aufhören, aber er kann nicht — e» 5|t ihn, c» wirst ihn in die Höhe. So springt er vom el in da» Thal, vom Thal auf den Hügel. Er springt «.Thal und ihm ist — als ob eine Saite in seiner ' gesprungen wäre; ja, schaurig ist ihm zu Muthe — erklimmt wieder den Hügel, stürzt aber-zurück in« Thal ist wiederum beklommen — r» ist entsetzlich, aber doch er fort und fort. Früher fiel eS ihm so leicht, von Platz zum andern zu laufen und nun wird eS von Sute zu Minute schwerer. Sich doch, die Hügel find groß geworden, daß man nur mit Schaudern zu ihnen »{gehen kann und doch klettert er an ihnen herum, er leben bleibt, tvenn er von dieser Höhe herunterist geradezu wunderbar. Doch noch schrecklicher wird non Minute zu Minute. Da steht schon ein riesiger der einem Berge ähnlich ist, noch eine Sekunde — it herunteroesprungen, er stand an seinem Fußende, kizchen hämmert in ihm. Er sieht sich um und vor ht ein großer, undurchdringlicher Wald, wo Finsterniß hl, au» dem eine eilige Kälte entgegenweht und in «ndertjährige Eichen ihren dichten Blätterschatz Böse» laflen von der Außenwelt. Dieselbe Kraft, die ihn ^ügel zu Hügel trieb, stößt ihn jetzt vorwärt» und ihn in da» Waldesdickicht. Immer schrecklicher er» ikich vor seinen Augen dieser Gigantenwald. Je weiter rch hinzieht, desto dichter wird er, desto schwarzer erdie dunklen Kronen der Bäume, desto ärgerlicher die Blätter, desto niedriger reichen die Zweige, desto!' wird der Stamm der Eiche, um welchen sich in Menge die Lianen schlingeln. Und wenn man über Wirrwarr hinwegschreitet, so offenbaren sich dem neue Holzseile, neue» Dickicht, neue Schlinggewächse, mit kriechenden Zweigen und hinter diesen wieder wieder Schnepfen, wiederum, bösartige» Zischeln der; junger Waldanflug, der ihn immer mehr und , umstrickt. Seine Lage ist schrecklich. Wie arbeitet man in die freie Welt heran»? Soll ich zurückgehen? habe ich ja keinen Weg. Also vorwärts! — Diese» ^chreckdild ist ober unendlich. Umsonst bemüht er sich einem Auge wenigsten» einen lichten Punkt in dieser " »st der Finsterniß herauszufinden. Aber da ist Alle» isterniß gehüllt, Alle» verwischt sich in dieser kalten, sichtigen Dunkelheit. Wa» wird daraus werden? soll uh mich wenden? Da-ist ja kein Ausweg und »un ich doch auch nicht bleiben. Der Wald zicht gnetisch an und hinter mir stößt und drückt mich acht meine Füße wanken. ... Er geht niihr mehr auf allen Bieren, mit seine» magern, schwachen, hoi« Stückchen dünnen Armen wühlt er die Erde Schweiß bedeckt seine Stirn, er ist t>em Er- Er kann weder aufrecht stehen, noch dm Kopf ~i Herz pocht so laut, daß e» nach eine«, nach ju*R Schlägen ju gekringen drotz. Die Hände zittern, die Füße wanken, die Knieen schlagen aneinander. Da« Blut strömt ihn zu den Schläfen, hämmert in den Ader» mit solch einer Kraft, daß ihm der Kopf unendlich schwer wird. Ach, wie schwer, wie wenig Luft, könnte ich doch noch einmal aus freier Brust aufathinen Oh. oh! Moischele wacht auf. W. lief zu ihm heran. „WaS ist'Dir. mein Junge, Du seufzst ja so sehr, ist Dir übel?" „Ja. mein Kopf, meine Brust", seufzte Moischele, der noch nicht ganz munter war. W. knöpfte ihm den Kragen auf, entblößte seinen Hal». Moischele wurde e» wohler. „Nun, wie sühltt Du Dich jetzt?" „Jetzt ist mir wieder wohl. Ich hatte nur den Athem verloren." „Ja, hier ist e« sehr schwül. Biel TabakSqualm. Aber komm nur auf die Plattform heraus, dort wi'd Dir bald besser werden. Sie gingen hinaus. Der kühle Nachtwind erfrischte da» Gesicht de« Knaben. Er fing an regelmäßiger zu athmen und beruhigte sich allmählich Nach zwei Tagen erreichten unsere Reisenden ihr Z el. Die große lärmende Hauptstadt machte auf Maische etnett bewältigenden Eindruck. Wie gedrückt, wie nichtig, wie winzig kam er sich in der großen Stadt zwischen der Million Einwohner vor. Die von Publikum wimmelnden Straßen, die Kathedralen und &Uujen, deren hohe und spitze Thürme stolz zum Himmel emporragte»; die Schlösser mit den vielen kleinen Balkonen, die au» ahen, al» ob sie an die Fayaden angehängt wären; die prächtigen Reihen sechSetagiger Häuser, Denkmäler, Fontaine«, Stein» und Eisenbrücken mit massiven Brouzeftgureu, die glänzenden Geschäfte mit den großen Spiegelfenster», in denen verschiedene Waaren ausgestellt waren und die unzählige hin- und herwogende, vielbeschäftigte Menschenmenge. Der Knabe konnte sich an diesem entzückenden Schauspiele nicht satt sehen. Einen grellen Contrast zum lärmenden Straßentrubel bildete die Familie, in der Moischele untergebracht wurde: hier herrschte Ruhe und Stille. Die Familie bestand au» zwei alten Leuten, einem Mann und einer Frau. Sie be wohnten große Zimmer einer dritten Etage, hatten sich vom äußern Treiben ganz abgesondert in ihrem friedlichen, {je* müthlichen Winkelchen, in dem Alle» an da» Altertümliche, Vergangene erinnerte. Moischele wurde liebevoll, wie ein Verwandter empfangen. Auf Reinlichkeit und Accurateffe wurde in diesem altmodischen Hause pedantisch gesehen. Dank der rührenden Sorgfalt, Zuvorkommenheit und Liebe, mit der ihm die alten Leute entgegenkamen, lernte er sie auch seinerseits bald lieb gewinnen. In seinen Brieftn, die er -nach Hause schrieb, konnte er nie ohne Rührung seiner Wirthe Erwähnung thun. Trotz alledem sehnte er sich in der ersten Zeit sehr nach Hause. Doch allmählich kühlte sich da» brennende Heimweh und Moischele fühlte sich bald in seinem neuen Kreise ganz heimisch. Auf Marmorbein» Befehl wurde er in Sprachen und Wissenschaften eingeweiht. Der zukünftige Künstler sollte auch ein gebildeter Mann sein. Den Morgen über war er im Conservatorium beschäftigt, wo seine Stimmbegabung große Anerkennung fand. Moischele lernte leicht und eifrig. Der Professor arbeitete mit Liebe und Interesse an seiner musikalischen Ausbildung und prophezeite ihm besonderen Ruhm. Am Nachmittag nahm er da» deutsche und französische Wörterbuch zur Hand und lüste malhemarische Aufgaben. Auch durfte er einmal in der Woche nach Hause Briefe schreiben. Er unterließ eS nie sich nach Selda zu erkundigen. Die letztere nahm keinen geringen Platz in feinem Innern ein, mit ihr war er ja auferzogen, an sie knüpften sich seine Jugenderinnerungen, da sie zusammen ihre Jugend zugebracht hatten. Ihre Spiele waren ernsterer Art, wenn er sie arrangirte.