Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 49 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959611--1521-5374234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sie. wem nützt sie? üsJk der Imme malt Ratten, daß »an sie lebend vor sich zu sehe« glaubt, aber fehlt es denn der Welt an Ratten, daß der un» noch welche hmzumalen braucht? Er malt auch Bäume, ganz, «e man sic in den Wäldern sieht, aber haben wir denn nicht genug Bäume, daß der unS noch einige auf Papier vorschmiere? Bon den echten hat man wenigsteus Holz zum Heizen, aber so ein gemalter Baum, wer kann von chm Ruft» haben? Ein wahres Unglück mit dem Jungen, er ist rein wie besessen! Einmal gar mußten wir alle seine Kollegen seinetwegen von dem Pfeifenrohr unseres Rabbi kosten, mehr als eS uns lieb war. Einmal nämlich, als der Rabbi das Talmndbuch des schwarzen Ahrele öffnete, machte er solche verblüffte Augen, daß wir alle von einer unwiderstehlichen Neugierde angezogen, uns zu unserem Rabbi hindrängtrn, um zu sehen, was ihn so sehr in Erstarrung brachte, und siehe, von der Innenseite des Einbanddeckels blickte uns entgegen die gemalte Figur unseres Rabbi in täuschender Aehnlichkeit und mtt einer solchen Komik ausgeführt, daß wir alle in ein lautes Gelächter ausbrachen. DaS Bild zeigte nämlich unseren Rabbi just in dem Augenblicke, wo er mit seinem Pfeifenrohr auf einen von uns losstürzte, mit Schaum vor dem Munde und mit aufgebäumten Pries und Bartspitzen, als wollten sie mit ihm davonfliegen, und da fliegt just auch das Sammetkäppchen ihm vom Haupt und enthüllt auf demselben ein blühendes Geheimniß, das er der Welt immer zu verheimlichen suchte. Das laute Gelächter, das wir bei diesem komffchen Anblick erhoben, brachte daohne dies erregte Blut unsereerzürnten Rabbi noch mehr in Wallung, sotaß er wie ein gereizter Bär sich auf uns stürzte und Hieb auf Hieb mit seinem Pfeifenrohr unter uns vertheilte, worauf er den Urheber, daS schwarze Ahrele, mit beiden Fäusten so zu verarbeiten anfing, daß ihm die Glieder krachten, wobei er unausgesetzt ihm mit kreischender Stimme zuries: .Wart' nur wart', ich werde Dir schon diesen Klexteustl austreiben. Tu Hund!" Doch mit dem Austreiben wollte eS dem guten Manne keinesmeg» so leicht gelingen, wie er es sich gedacht, waS keiner von uns zu bedauern hat, am allerwenigsten das schwarze Ahrele selber. Ein jäher Zufall, der inzwischen kam, gab seinem Leben mit einem Schlage eine sehr glückliche Wendung. Dieser Zufall war in dem Städtchen bekannt unter dem Namen: der verrückte Graf. Der verrückte Graf war in dem Städtchen Geißel und Wohlthäter zugleich denn mit gleicher Freigebigkeit theilt« er Püffe, Maulschellen und reiche Spenden unter die Leute aus. Er galt allgemein als Sonderling und in der That waren auch die Wohlthaten, die er übte, nicht frei von einer römischen Sonderart. Er stellte gleichsam die Humanität immer auf den Kopf und ergötzte sich daran, sie oben mit den Beinen zappeln zu sehen. Aber auch in verkehrte Gestatt hörte die Humanität nicht auf, Humaaität zu bleiben. Um dem Leser einen annähernden Begriff von feinem Wesen zu geben, will ich hier einige Episoden auS seinem Leben erzählen, die geeignet sind, ihn zu charakterisiren. EiueS Tages, als er in der Judengaffe wie gewöhnlich feine Streifzüge machte, bemerkte er einen armen Glaser, der mit mehreren Scheiben unter dem Ar« in jedem Hause Nachfrage hielt, ob für ihn etwa- Arbeit vorhanden sei, ohne auch nur einen einzigen Kreuzer zü verdienen. Ta regte sich in ihm Erbarmen mtt dem armen Manne. .He, Glasermeffter", sprach er ihn an, .hast Du Dir heute schon etwaerarbeitet?" .Nicht einen Kreuzer, allergnädigster Herr Graf!" betheuerte der Arme, der ehrerbietig tief den Hut zog. .So komme spätestens in einer Stunde in die Weinstube zu N.', befahl er ihn, ,»o Du mich bereits fiudeu wirst, aber bringe Dir so viel Scheiben mit, als uur Du und Deiu Geh«fe viel Arbeit für Dich — verstanden?' □ Der Glaser, »erstand und eine Stunde später erschien er mit seinem Gehülfen in der betreffende« Weinstube, beide mtt Scheiben beladen in allen, nur möglichen Größen. .Wo befehlen der allergnädigste Herr?' fragte er de, bereit» dort wartenden Grafen. .Nun eben hier, wo Du bist!" .Hier?" wiederholte der Glaser befremdet, der sich nach allen ©eiten in der Stube umsah, .hier fehlt ja keine einzige Scheibe!" .Aber Dir Hungerleider fehlt eS mit Weib und Kind an Futter, und da werden auch schon Scheiben fehle» müssen. — Verstehst?" Und der Glaser verstand schon wiederum, denn der Graf erhob seinen dicken Keilenstock und fuhr mit demselben gegen eine Scheibe los, drß diese klirrend in Stücke au»- einanderflog und von dieser ging 'es zu einer andern und darauf wieder zu einer andern, bi» alle Scheiben der Fenster und Schränke zertrümmert waren. .Siehst Du", sagte darauf der Graf unter laute« Lachen, .siehst Du wie wir uns Rath zu geben wissen. — Jetzt faß an, Glaser, aber nur rasch!" Der Glaser brachte seine Scheiben bis zu der letzte« an, denn, als ihm noch peinige zurückblieben, zerschlug der Graf mit seinem Keilenstock auf» Neue einige frisch hineingesetzte Scheiben, bis der Glaser auch die letzte anbrachte. .Jetzt", rief ihm der Graf zu, al» er mit seiner Arbeit fertig war, indem er ihm dreißig Gulden hinwarf, .jetzt geh' mit Deinem Verdienst Deine Jungen füttern!" Ein anderes Mal wieder ritt er auf seine« weißen Rappen auf dem Marktplatze herum und sah, wie unter den Händlerinnen die dort ihren Sitz hatten, «ine arm» Jüdin mtt heiserer, beinahe eingetrockneter Stimme aller Welt ihren Kram von irdenen Töpfen und Schüsseln auswch ohne auch nur einen Heller zu lösen. Da bemächtigte shG seiner wieder jenes Gefühl von Mttleid und, seine Reitpeitsche sctzvingend, sprengte er mit einem Satze «itt» unter die Töpfe und Schüsseln hinein, daß dies« im Rn U tausend Scherbenstücke zerstampft waren. Die arme Jüdin riß weit den Mund ans, aber nur um freudig auSzurnfen: .Dank dem allergnädigsten Herr!", denn bevor sie Zett hatte, einen Schrei oder einen Fluch auszustoßen, lag eine günstig banknotr ihr zu Füßen — das Zehnfache von dem Wer ihres ganzen Kram«. Warum der Graf diese barocke Art für seine WoG» thaten gewählt hatte, daranf gab es überall nur eine AM . wort: .Weil er eben der verrückte Graf ist!" Er selber l freilich ein andere» Motiv dafür: .Bei mir", sagte er im wenn darauf die Rede kam, .bei mir gilt die Parole: l und leben kaffen! Ich will wohl den Armen und Dür' helfen, aber auch ich will dabei leben und mir ei» er Stündchen machen, und wenn so Tchffe und Sch Trümmer auseinanderflieaen, so habe ich meine daran. Uebrigens will ich auch, daß die Leute ihre» . verdienen und nicht erbetteln. Im Allgemeine» kommt auch meine Zerstörungslust Bielen zu statten: de« Herrn, den Arveitern und den Glasern. Das w aber auch eine schöne Sache, wenn sich da Niemand fin sollte, der die Scheiben zerstörte. Da müßte» die , bald ihren Betrieb eiustellen! Und was geschieht dünn, den vielen armen Arbeitern? So ist es «am« « der Eine hat den Beruf zu schaffe», und der Zweite z«1 stören, da» gleicht sich au»!" Dieser verrückte Graf war es auch den die B» 4 dazu bestimmte, unseren schwarzen Ähnle auf die Bei« helfen. ES war am schönen Wochenfeste. Alle jüdischen; schmückten sich wie alljährlich, mit de« fwttnWlr" der Blätter, und in den Fenstern prangten die all .Röselcch".' Die Reichea wetteiferten miteinaateh