Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 49 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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*%\ Herautgegtben von Dr. M. Attzmer in Magdeburg. © l«r Viitrrbfilfiiai iah firlrhrtiii fir hir fiinilir. * Inhalt J»t |Bt(r|allmg ittb Ktlkhnrß ftr die ismittisl-e fnilir. Hut meinem Nebelbuche. Silhouetten von Ralhan Samuely. .Das Rösele.- — Ein jüdischer Eulenspiegel. Lon Ludwig * Frank. (Fortsetzung.) — Zu llhanuka. — III. Tempelweihe. — Räthsel-Äufgaben. — Räthsel-AuslSsungen. NlndetNgtrr |i«in< tot diesem »litte ist Hui meinem Gebetbmhe. Silhouetten von Nathan Samuely. Dck» Rösele. „Weißt Du, lieber Leser, wa» ein .Rösele' ist? Gewiß nicht, aber wenn Du zufällig an dem jüdischen Wochenfeste in einem kleinen galizischen Städtchen verweilen solltest, so wird Dein Blick sich sofort gebannt fühlen von vielen Bildchen, die aus jedemFenster Dir entgegenblicken, Bildchen, welche Gegend'n und Szenen aus dem heiligen Lande vorpellen: ein Libanonwäldchen, die Lilien von Saron, einen Machenden Berg — den Berg Sinai — und dergleichen mehr. Befragst Du nun das erste beste Jüngelchen, da» Dir in den «reg läuft, was diese Bildchen denn eigentlich bedeuten, so wird eS Dich bestimmt höchst befremdet ansehen und Dir antworten: »Wie, sie sind ein jüdisch Kind und nicht, wa» diese Bildchen sind? Da» sind ja „Röselech', zu alten {[eiten an dem Wochenfeste die Fenster unserer iCttern und Bareltern geziert haben, und ein Rösele — wer weiß da» nicht? — ein Rösele ist ein Rösele!' Ein solche» Rösele liegt seit vielen Jahren in meinem Gebetbuch — allerding» stark vergilbt und von dem Zahn der Zeit arg verstümmelt, aber noch immer erkennbar genug, um zu wissen, daß da» eben ein Rösele ist! Derjenige, der vor vielen Jahren, al» Knabe, diese» Nösele gemalt, wird sich gewiß nicht mehr daran erinnern, nur kommt e» sehr oft in den Sinn, und ganz be- .sonder» heute, nachdem ich eine Notiz in der Zeitung ge- " n, die auf diese» Rösele Bezug hat; ja, al» Fortsetzung elben anzusehen wäre; jene Notu nämlich lautet: „Der -Eichst bekannte Historienmaler Arthur Liebgott, der sein t Bild hier ausgestellt hat, wurde für seine kunstvolle mg mit dem ersten Prämienprei» ausgezeichnet.' Wie aber so ein Herne» „Rösele' Einen zuweilen von dnnkelsten Niederung auf die sonnigste Höhe de» Glücke» eu kan»! Wäre nicht diese» Röstle, dann würde Atttecr Liebgott bi» zum heutigen Tage nur da» ze Ahrel« geblieben sem, wäre vielleicht heute ein oderein Schnorrer, und am allerwenigsten er sich in einem europäischen Zeitunasblatte al» lichst bekannter Historienmaler verzeichnet sehen! Wie aber kam überhaupt da» schwarze Ahrele dazu, dari» solche herrliche „Röselech' zu malen? Ja, wer da» erfahren will, der beliebe bei der Biene anzufragen, sie gelehrt hat, ihren Honigseim zu erzeugen, bei den ln, von wem sie e» gelernt haben, so kunstgerecht ihre zu bauen, bei den Bäumen, sich an jedem neuen Mg mit Blättern und Blüthen zu schmücken, bei den eu, sich so farbenprächtig jede» Jahr herauSzuputzen, bei den rierchen, so wunderbare Lieder zu singen. — ~ Kraft, die jene treibt und drängt zu schaffen, zu zu dofxn und so frisch in die Welt hirrcinzusingen, trieb und drängte auch da» schwarze Ahrele. seine .Röselech' zu malen, denn von seinem Vater konnte er es nicht gelernt haben, der ja nur Flickschneider war, ebensowenig auch von seinem Großvater, der zeitlebens in der Klau» hockte; möglich wohl, daß diese Kraft sich ihm von seinem Urgroßvater vererbte, aber Jenem hat der Zufall nicht so glücklich mitgespielt, wie seinem Enkelkinde, dem schwarzen Ahrele, weshalb jener göttliche Funken in ihm verglommen und erloschen ist, so daß Niemand von demselben später etwa» erfahren konnte. Auch aber da» schwarze Ahrele hatte genug zu kämpfen und zu leiden, bevor jener Zufall seinem Leben eine so glückliche Wendung gegeben hat, denn gegen die ihm innewohnende treibende und drängende Kraft erwachte eine andere, die sie im Keime zu ersticken sich bemühte und diese war keine andere, al» die seine» Melamed, eine» knöchernen Männlein» mit wildrollenden Augen und eisernen Fäusten, von denen da» schwarze Ahrele fast jeden Tag einige Kraftproben erhielt, daß sich ihm schier die Glieder verrenkten. .Watt'!' knirschte da» wüthende Männlein, al» er ihn einmal dabei erwischte, wie er während seine» Bortrage» au» dem Talmud verstohlen auf ein Papier, da» er auf dem Schooße hielt, einige Figuren hinzeichnete, .matt', ich will Dir mit dem da wa» aufmalen!' und jach sauste da» Pfeifenrohr in seiner Hand über den Rücken de» armen Ahrele. „Und nun weiter!' fuhr drauf der Wütherich mit singender Sttmme in seinem Vottrag fort: „Ein Ei» da» gelegt wurde am Feiertag!' „Ein Ei, da» gelegt wurde am Feiertag', wimmerte ih« da« schwarze Ahrele mit weinerlicher Stimme nach und verwünschte in seinem Herzen da» fatale Ei bi» in da» zehnte Geschlecht hinein, da» just am Feiertag in die Welt kommen mußte, um ihm soviel Leid und Schmerzen zu verursachen,, aber kaum daß einige Augenblicke vorüber waren, vergaß da» schwarze Ahrele schon wieder den wüthenden Melamed mit seinem wuchtigen Pfeifenrohr und behielt nur noch die Hemte mit ihv'm Li in gutem Andenken, indem inzwischen auf de» Papier, da» er schon wieder hervorholte, eine hockende Henne entstand mit aufgeblasenen Federn und gespreizten Flügeln» die sich eben eifrig damit beschäftigte, ein Ei zu legen. Zu Hause hatten auch die Eltern mit dem schwarzen Ahrele ihre liebe Roth: Tag und Nacht nur schmiettn und klexen, bald auf dem Tisch, bald auf der Bank und bald wieder auf den Wänden, baß nirgend» ein Stückchen Platz rein zu sehen ist. Da» ist ihm gar nicht mehr auszutreiben» nicht mit Watten, nicht mit Schlägen! Wa» soll au» dem Jungen eigentlich werden? Hätte er wenigsten» f» einen Hang »um Schnitzen, zum Schreiben, zum Nähen» zum Baumeistern, so ließe sich doch hoffen, au» de». Jungen wird eiu Tischler, ein Schneider, ein Schreiber oder ein Baumeister werden — zum mindesten etwa»,. wa» einem Lrcü» giebt, aber so eine Schmiererei, wer brauch»