Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 47 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959610--1517-5374231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leb ZMiHb ßeht-de« Polizetvieistek dk»tA sagt: Herr Obrist! Er nimmt ei»en 8«rto» Holzpopstr, zeichnet mit dem ift die nüthigen Schachteln vor und schneidet sie mit Messer heraus. Zum Bekleben der Schachteln befiehlt Wlassow«ky, weiße« Moireepapier ui nennen. Al* Leb d den Kleister mit dem Pinsel ausschmieren will, nimmt vlafiow-ky den Pinsel: Mach'* mit den Fingern, Jud! wehe Dir. wenn Du nur ein Fleckchen machst! Dann Deine Arbeit umsonst und Du verläßt sofort Riga! Leb David sieht den Polizeimeister ruhig an und sagt: Herr Obrist. Und er bringt die Arbeit fertig, eine Schachtel fügt sich die andere; da* Bekleben macht die größte Schwierigkeit, seine Moireepapier ist mit den schwierigen Händen so u fasse». Mit den Lippen, mit den Nägelspitzen eb David da« Kunststück zu Stande, st Sachverständigen sind befriedigt, aber nicht Wlassowsky. da er durchaus etwas au-gesetzt haben will, sagen die tändigrn. welche den Zorn deS Tyrannen fürchten: Der Jude hätte statt Holzpapier auch Lumpenpapier wen können. Da« ist noch schwerer. Leb David wendete ein: Ich hätte e« auch mit Lumpenpapier machen können. ich habe lein«. Lasten sie e« aut sein, Herr Oberst, bin ein armer, ein sehr armer Mann, der sein Brod lsam verdient. Aber Wlassowsky hat schon die reizend gearbeiteten ' eln ergriffen, zu Boden geworfen und mit den Füßen Er befiehlt. si. Lumpenpapier zu holen, wi wirst die« : Mach'« Meister hin und sagt mit sanfter Stimme: Mach't ,l. Jude! Und der arme, hungrige Leb David Paß sieht den elfter ruhig an und sagt: Gut, Herr Obrist. *'Unb von Neuem beginnt er die Arbeit. Und der viel- "ästigst Polizeimeister findet Zeit genug, sich an der _l deS armen Manne« zu weiden — ach, er ist eifrig seinem Beruf! . . . Endlich, endlich ist Lev David stetig, gstbt sich WlaffowSki zufrieden und schiebt mit seine» ab. Am andern Tag erscheint bei Leb David ein schnit und bringt die Erlaubniß, in Riga zu bleiben, nur unter der Bedingung, daß er auf seinen Rang al« verzichte und wieder zum „Podmeister", nämlich zum [, herabsteste, worein Paß nothgedrungen willigen Wa« WlaffowSky davon hat? Run, als Geselle kann -David nicht soviel verdienen, wie al« Meister. Al« darf er nur allein arbeiten, ohne Mithelfer. Und ist für Leb David eben ein große« Unglück. Die erzählte Geschichte hat sich schnell in ganz Riga verbreitet dst Leute möchten den arme« Mann mit Aufträgen fen. Aber Leb David kann nicht« übernehmen, vermag er nur wenig auSzurichten. Er könnte mit Familie so bequem leben. Aber sst müssen darben, — der Polizeimeister e« will. Welch' kleine, fast lächerlich kleinliche Geschichten. Aber wie gut illustreren sie die Zustände in meiner flücklichen Heimath! Wird e« noch lange so bleiben? (Man könnte ja dem Polizeimeister Wlassowsky, wenn verlasteu müßte, ein Pflästerchen auflrgen, ihm eine e Stellung geben. Vielleicht al« Gouverneur. — bei den Kalmücken. Au« Wilna berichtet ein Augenzeuge: „fjxrr Ingenieur (3*r.) war seit 26 Jahren in russischen Estenisten auf der nach Libau führenden Strecke angestellt; Zeit bekleidete er den Posten eine« Station«- ia der Nähe von Wilna. Bor etwa vier Monaten Negierung die Strecke a» und sämmtliche i«rael. Glauben« halber nach einander ent» daß «an mit ihm mit Rücksicht letzten mf ferne Sm#i Dienstzeit eine Ausnahme smache» werde. Bald sollte er leider erfahren, wie sehr er sich geirrt hatte. Der Ehef.Jngenieur ließ ihn nämlich wissen, daß er seines Dienfte« entsetzt werden würde, wenn er nicht sein Bekenntniß wechselst und sich taufen lstße. Rach dieser Eröffnung begab sich Herr Kwiransky dann nach seiner Wohnung, in welcher man ihn kurz darauf erhängt vorfand. Sein Leichnam wurde nach Wilna überführt und hier am 3. Nov. beerdigt. Zahlreiche Juden und Christen wohnten der Trauerfeierlichkeit bin. Der Charakter und die Beruf«» treue de« Verstorbenen sichern dem von einem so tragischen Schicksal Betroffenen einen Anspruch auf die größte Sympathie. ihre« Ei« jüdischer E«le«spiegel. Bon Ludwig Frank. Lange bevor ich mit dem echten und wahren Eulenspiegel, dem Till au« Magdeburg, bekannt wurde, wußte ich die Abenteuer und Schwänke emes andern Eulenspiegel«, eine« jüdischen Tills, und sein Name — Lübele Fürth Im Elsaß und im südlichen Baden, welch' beide Länder sich um dst Ehre, seine Heimath zu sein, streiten, erzählt ma« sich hunderte seiner Abenteuer, welche alle dst Spuren de« speziell jüdischen BolkSwitze« tragen. Einige« davon will ich, wie ich eS gehört habe, hier wiedergeben: * lieber dst Jugendjahre des Löbele Fürth weiß man nicht viel; bestimmte historische Nachrichten haben wir erst seit dem Tage, al« Lübele Choßen wurde und al« solcher eine Kalle bekam. Die Angehörigen Löbele'S und er selbst Ware» hoch erfreut über den in Aussicht gesstllten »guten Schidduch". — Doch die Eltern der Braut hörte», Löbele sti etwas flatterhaft, und schickst» ihm deshalb einen großen Schreib»- brief, worin sie ihm die Verlobung wieder aufsagstn. Löbele Fürth selbst hätte sich wohl gestvstet, aber er wußst, daß die Eltern über sein Mißgeschick bestübt sein würden und saun deshalb, wie er ihnen auf schonende Weise die Nachricht beibringen könne. — Run lebte im Hau« von Löbest'ü Eltern ein behäbiger, gefleckter Kater, der fich gewöhnlich auf der Ofenbank gütlich that. Zu ihm ging Löbele hmstr den Ofen, während die Elstrn im gleichen Zimmer am Tische saßen. — Zärtlich streichelst er das Fell de« Mäusejäge^ dann sprach er mit tiefem Seufzer: »Pullile (Anstichen) weißt auch schon, daß ich kin Choßen mehr bin?" Dst Elstrn erfuhren auf diese Weise das Unglück; sie wollte» zwar für Löbele wieder eine andere Kalle suchen, er aber litt e« nicht, und so ist e« gekommen, daß Lübele zeitlebens ein Junggeselle geblieben ist. E« ging ihm ganz wohl auch ohne Frau; er ward bald bekannt wegen seines Verstandes und der Rathgeber aller jüd. Hausfrauen in seinem Dorfe und Umgebung. Einst klagst ihm eine Frau, sst habe erst fünf Gänse für Osstrn gestopft, während sie sechs fett machen wolle, ihr Mann aber «olle Ihr keine GanS mehr kaufen. Lübele gab ihr folgenden Rath: »Hänge mit Anbruch der Rächt die fünfte fette Gans vors Fensstr, nimm sie Morgen« wieder weg, und sage Deinem Mann, dst Sau« sei Dir über Nacht gestohlen worden; dann muß er doch wieder eine and« Gans kaufen, und Dir ist geholfen." Alle Danke«« warte der Frau zurückweisend, nicht aber dst leckre GanSbrust, dst sie idm zum Dank für den Rath gab, ging Löbele Fürth nach Hause. — Dst Frau, de« Rache Lübele- Eulenspiegels folgend, hing die fette Gans vor» Fenster. — Bald darauf schlich im Dunkel der Nacht Löbele heran, nahm dst Gan« schmunzelnd hinweg und trug sie »ach Hause. — Der Schrecken der Frau, als sie ihre Gan« (16 Pfd. Gewicht) nicht mehr vorfand, war unbeschreiblich. Am andern Tage kam Lübele zu ihr la« Haus. Händeringend und jammernd lief ihm dst Frau eatäegen: -Lübele^ Lübele, dst Gau« ist wirklich gegannest (gestohlen)!" Frernd»;<•