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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 47 (1890) · p. Seite 183

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
47 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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'■r 3m la »gschlesrpendeu schneeweiße» UtlcrSkleid« rauschte! Br«»t herein, ihr seelenlose« „Puppengesicht" trug heute io» strahlenden, triumphirende« A»«druck. Rebe« ihr schritt Er, an den Johanna eben gedacht, ernst wie immer. O, worum war sie hierhergekommen, den halb verwundenen ^Gchwerz auf« Reue zu Weckens Ei« zürnt ihm nicht — sn, sie wünscht ihm alle« Glück der Erde — aber sie hlte ein tiefe« Mitleid mit chm, daß er nun doch dem -'Dämon »Geld" unterlegen war, dem er damal« keine Macht in seinem Taseiu einräumea wollte. Wie ein Traum sah und hvrte sie Alle«, was da unten am Iltar vorging. E« war ihr, al« säße sie im Zu» schauerraum eine» Theater« und dort unten sei die Bühne, auf der Komödie gespielt wurde. Komödie! Und sie spielten -alle mit, da« Brautpaar, die Berwandten, dir e« umringten, »nd scheinbar gerührt die Taschentücher auf die Augen preßten, ja selbst der Prediger, der von Lieb« und Treue und lauter solch schönen Dingen sprach. Ein braver, edler Monn, der nur dre kleine Schwäche hatte, daß er in den Toonreden immer etwa« pretisch wurde und sich und Andern ,-einzureden suchte, daß Lieb« allein da« Paar vor ihm zu« Dumuenßefülirt hatte. Thörichte Zuschauer! Sie wähnten -e« sei ein reizende« Lustspiel, da» da vor chnen aufzeführt wurde — sie aber wußte e» bester: r« war «in Trauerspiel, und e« hieß: „Geld!" Und in ihrem Haupt begann ein -Gedanke den andern zu jagen in tollem Wettlauf, bi» sie -sich verwirrten, bi« sie nicht mehr wußte, wa« sie dacht«; ihre Schläfen hämmerten, ihre Wangen brannten. — Wie >rch «inen Schleier sah sie, wie nun ein allgemeine« Küsten »ter den Hochzeit-gästen begann, wie sich der Zug in Bewegung setzte — und sie sah die vielen Menschen und die; großen vergoldeten GaSkroaleuchter mit den vielen Flammen, und da» Alle« begann sich plötzlich vor ihren Augen im Kreise zu drehen. ... Sie fühlte, sie mußte ohnmächtig werden, wenn sie noch länger hier verweilte. O, nur da« »icht! Rur den Leuten kein Schauspiel geben. Fort — hinan« — so lang« sie noch die Kraft dazu besaß. E« war wohl nur die dumpf« Luft, di« Hitze, die da« Ga» au»- strömte, wa« ihr den Athem raubte und die Sinne verwirrte. Und sie stürmte hinau» — und e« war ihr, al» ab au« dem lustigen Hochzeitsmarsch, den sie dort drinnen eben anstimmteu, lauter kichernd« Stimmen klängen: .Geld, Id — da» liebe Geld!" Auf dem ganzen Weg bi« nach Hau» verfolgten sie i« Stimmen. Dort löste sich ihre heftige Erregung in ^khränen. Di« Mutter verstand den Schmerz ihre» Kinde« 'Mich ohne Worte, und sie versuchte «» nicht, sie mit Worten trösten. Sie kannte ibr vernünftige» Mädchen, sie es würde schon selbst wieder in» Gleichgewicht . Arme« Haunchenl Dein Herz ist noch von heiße: eit erfüllt, — aber Dein kräftiger Wille wird es bald ‘ Nuhe zwingen. Du bist ja kein junge« Ding mehr, seine ersten Illusionen zu Grab« trägt. Du bist ein ^»ftiges, „gesetztes" Mädchen, da« den Lauf der Welt Du weißt r» nur zu gut, daß Du dir Erst« nicht «nd »och lange nicht Eure der Letzte« bleiben wirst, mit schmerzlicher Bitterkett da« Dichterwort wiederholen: .Am Golde hänat — nach Golde .drängt doch Alle« I Ach »lr Armen!" ßte. Die Aar»w<me der Luft. .Und der Herr trleb einen Ostwind in» Land, den ganzen Tag und die ganze Nacht, und de« Morgen» führt« der Ostwind di« Heuschrecke« her." (9. Mos. 10, 18.) Wer einmal zur Frühlingszeit au de» Ufern de« Nil wird sich eriunern, welch ei» an eine» Lhamsin» Ä»er Unterschied rgeu »nd -de» an einem Tage mit Nord- und Ostwind besteht. Weh» Ehamsin*), der dürr«; heiße Süd, dann ist da» Erwache» von einer Art meteorologische» Kater« begleitet; die Glttder zerschlage», da» Haupt schwer, der Magen steif und rauh wie «in alter Füzbeutel; weht Nord» oder Ostwind, dapa sind dir Nerven angespannt, der Tag geht an wie ein frisch und akttv komponttte« Lustspiel. Und dazu die Sonne! Wer von Epvpten spricht, muß von der Sonne reden, denn sie ist de« Lande» eigentliche» Element, sie beherrscht und durchdringt alle»; sind einmal die düstern Staubwirbel de« Chamstn gewichen, so leuchtet eine übermäßige Lichtquelle herab aus Land und Leute, a»f Baum und Hau«, daß man meint, die Tage«helle müsse durch Sand und Mauern dringen; kann man doch bei geschlossenen Holzläden ohne Schwierigkeit Druckschrift lesen! Und da» Ueberraschendste bleibt immer, daß bei Ehamsin, also bei bedecktem Himmel, die Hitze ärger ist, al« bei wolkenlosem Nord- und Ostwindwetter. Den Eingeborenen freilich scheint der Ehamsin ebensowenig zu imponieren al» uns ein kleiner Schneefall oder eine Regenbö« im März. Hatten sich doch in den letzt« Tagen endlose Schaaren von Pilgern (zu Kameel, Roß, Esck oder Fuß) von Helwan, meinem Domizil au«, in die Wüste begeben, um an einem dort tageSmarschweit entlegenen heiligen Wallfahrtsorte ihre jährlichen Andachtsübungen an dem Grabe eine« Weli (Heiligen) zu verrichten. Unverdrossen waren sie durch Sand. Staub und Gluth hinausgezogen, ein Herr von Fliegen und einen Schwarm Bettler zurücklassend. Eine» Morgen» hatte ich. geweckt durch die helle frische Ostlust, schon um 8 Uhr die Spitzen der in verschiedenen Richtungen die Wüste durchschneidendea Karawanenzüge zurücktehren gesehen. Wie feine schwarz« Bleistiftstrich« in da» leuchtende Gelb der endlosen Sandflächr gezeichnet, erschienen sie am Horizont. Näher kommend, lüsten sich die dunklen Striche in Punkte, in Figuren auf, und Bormtttag« zogen die ersten lewhinschlürsenden Kameele mit ihrer Last von Weibern und Kindern an mir vorbei, um noch vor Abend Kairo zu erreichen. Bunt durch einander drängten sich in schmaler Linie Männer, Pferd«, Ziegen und Schaft dazwischen. Während sie flüchtige Rast am Brunnen hielten, gab« lebhafte- Geschrei und gewaltiges Armwersen. Dabei deuteten sie fleißig nach Osten, aus die flachen, tafelartig geschichteten Hügel der arabischen Wüste; e« mußte etwa« Besondere« Vorfällen sein, aber wa» es war, gelang mir nicht zu ergründen. Ermattet von langem Zuschauen — der Borbcimarsch dauerte Nachmittags noch ohne Unterbrechung fort — suchte ich einer Siesta Erholung und verzog mich auf» Lager hinter die Mückennetze. So war'« vier Uhr geworden, al« ich mich erhob, um nach der Karawane zu sehen, deren vielstimmige Laute immer noch durch« Fenster herauf tönten. Ein Blick durch die Spalten der Lädenrichtig, sie ziehen immer noch daher, ununterbrochen, gleichmäßigen, bedächtigen Schritte«! Und ern am Horizont kommen immer noch mehr, die „Bleistift» triche" stehen immer noch fest in der Wüst« gezeichnet! Ich ing an zu schätzen: e» müssen an die fünfzig bi» sechzig Tausend Menschen sein, dc« von der Wallfahrt heimkehrtr». .Wie dce Heuschrrcken", murmelte ich; und zur Abwechslung begebe ich mich auf einen erhöhten Standort, am Ausgange de» Orte», um weiter zu beobachten. Indem ich den Horizont mit dem Blick überfahre, sehe ich da plötzlich einen sonderbaren Rauch, der gradlinig cr‘ gestiegen, sich nach oben verbreitet; zwischen den üstlicl 1 Der Chamstn (pPOR), der von Südost kommend« Eiüstemoi hat seine» Namen von seiner öOtägigen Dauer (mk Ende Li Mitte Juni.) I» Aratien heistr er 4

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