Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 47 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hu. %ft>! ■— da» Geld! Wie lang« war «s - '3 sie ähnliche Gedanken aussprach, nur in etwa» a-d-r^ Form und au anderer Stelle. ' r, einem kleinen Kurort war e», wo sie sich mit der leidenden Mutter während der Schulferien aufgehalten hatte. 7 gab wenig Abwechselung, wenig Berkehr in dem «nt- ..genen Nest, und die beiden Damen suchten auch keine auf. führten hier dasselbe zurückgezogne, einfache Leben, wie ir der Stadt; tHeils ihrer Neigung zur Einsamkeit wegen,; Ü3 aus Rücksicht aus ihre knappen Mittel. Wie sie nun doch zu einer Bekanntschaft gekommen r ren, sie wußten es sich später kaum selbst zu erklären. Tatsache war und blieb es aber, daß die beiden Frauen nun plötzlich .inen Gesellschafter hatten, der während der Snzen Dauer ihres Aufenthaltes von ihnen unzertrennlich ien. Die alte Frau gewöhnte sich an den liebenswürdigen jungen Mann, der auch eine solch .einsame Seele" war, bis sie ihn fast mit mütterlicher Zättlichkeit liebte — und ihre Tochter? — Sie schien wieder aufzublühen, sich zu verjüngen in dem geistvollen, anregenden Verkehr. wie sie itjti bis jetzt stets ersehnt, aber noch nie gefunden hatte. Sie vermißte ihn, wenn er einmal nicht zur gewohnten Zeit kam, sie zählte die Stunden, die Minuten, bis er erschien, kie beschäftigte sich im Geist mit ihm. Ihr ganzes Denken und Fühlen sprach sie offen vor ihm aus, er vergalt ihr Gleiches mit Gleichem. Er erzählte ihr seinen Lrbensgang, wie er hatte anfänglich studiren wollen, wie ihm aber der plötzlich cingetretene Tod seines BaterS daran verhindett halt. So hatte er denn mit schwerem Herzen dem gelehrten Berus entsagt und war Kaufmann geworden. Nun fühlte er sich wohl in dieser, obzwar abhängigen Stellung, die ihm eine befriedigende Thätigkeit und ein gutes Auskommen schaffte. »Und was war die eigentliche Ursache, daß Sie Ihre Laufbahn ändern mußten?" hatte sie dann geftagt. Er hatte sie ganz verwundert angeblickt. „Die Ursache? Ich hatte eben kein Geld, darum mutzte ich verzichten." J »Geld!" sie lachte laut aus. »Immer dasselbe, daß es doch die größte Rolle in unserem Leben spielen muß!" »Es kommt darauf an", war seine Erwiderung, »was wir selbst ihm für eine Macht einräumen. Wir dürfen cs nur nicht zum Herrscher über uns werden lassen, in unfern Handlungen uns nicht ausschließlich von ihm bestimmen lassen! sie antwortete daraus und bald geriethen sie in ein i eifrige Gespräch, das zum Gegenstand das »Geld" hatte, j All das Bittere, das sie deswegen im Herzen trug, kam : zum Ausdruck. Sie klagte, wie alle Ideale aus -der Welt verschwunden — von der Herrschaft des Mammon verbringt feien. Sie sprachen auch über die Geldheiraten, die nun besonders in ihrem und seinem Volke — an der Tagesordnung seien. Er nahm diesen Gegenstand mit großem Eifer auf. Rein, er wollte sich nie nach dieser Sitte seine» Volkes richten, wenn er heirathe — und das würde er sicher thuo — sollte ihn nur die Neigung bestimmen, nicht äußere Bottheile. .Nicht Reichthum", antwortete sie verwundert. »Dann sind Sie sicher eine Ausnahme von der Regel. Aber — dann wird sie wenigstens sehr schön sein müssen!" Er schüttelte ernst den Kops. »Auch Schönheit braucht sie nicht zu besitzen, nur jene Ännluth, die nichts weiter ist, als der Wiederschein einer liebenswürdigen, edlen Seele. Klugheit, gepaart mst Bescheidenheit, Herzensgüte, Verständnitz für alles Schöne und Große — das muß die Frau besitzen, die mich glücklich machen soll!" Wie ein Blitz war e§ bei diesen Worten durch ihre Seele gefahren. Waren das nicht die Eigenschaften, die er, wie er stets behauptet, nach kurzer Bekanntschaft an chr entdeckt hatte? Und wenn sie noch Zweifel begen konnte — seine Blicke sagten ihr, daß er sei» Ideal bereit» gefunden hatte. ■ .; Mit einem wahren Sturm im Herzen kam sie heut nach ■, Hause. Wie war e» denn möglich, daß er an ihr» de» alternden Mädchen, Gefalle« fand? Waren sie auch a» Jahren einander gleich — er, der Mann, stand in seiner Kraft und Blüthe, während st«, da» Mädchen, schon vou einem herbstlichen Hauch gestreift war. Er gehörte der Jugend an und sie-? Und doch seine Blicke, seine Andeutuuge» konnte sie nicht mißverstehe«. Abend», als die Mutter in dem Stübchen, da» ihn«« hier gemeinsam zur Wohnung dientt, schon schlich schlich Johanna, die Lampe in der Hand, vor den Spiegel und bettachtete prüftud da» Bild, da» der Spiegel zurückwarf. Aengstlich spähte sie, obnicht ein Fältchen in ihrem Gesicht nicht ein graue» Haar in ihren dunklen Flechten sich zeige. Sie errvthete noch jetzt, wenn sie daran dachte, wie thöricht sie damals gewesen. Eine Frau, auch die Klügste und Ernsteste, wird eitel wie die jüngste Tanzstunde»- besucherin, wenn e» sich für sie darum handelt, einem bestimmten Manne zu gefallen. Sie sucht die» nicht durch ihre Hauptvorzüge, durch Geist und echte LiebenSwürdigkÜt zu erreichen, sondern vor allem durch ihre äußere Erschein»». Sie wird äußerlich, all ihre schönen Tugenden gelten imc jetzt als nebensächliche untergeordnete Vorzüge, es liegt ihr weniger daran, gut und klug zu erscheinen: sie will vor allen Dingen schön sein! So erging e» nun Johanna. Ju ihrer Kleidung war sie zwar stets sorgfältig gewesen, aber ohne daraus zu achttn, daß sie ihre Erscheinung amh in da» vortheilhafteste Licht rückte, zu ihrer Verschönerung beitrug. Nun begann sie auch daraus Wetth zu legen. Sie fa& daß er die Veränderung in ihrer äußeren Äcscheinung bemerkte und daß sie ihm gefiel, und sie war glücklich darüber. Ach — es war eine schöne Zeit — damals! Eine allgemeine Bewegung entstand plötzlich unter de» Versammelten. Die ersten HochzritSgäste waren erschien«»; darunter mehrere junge Mädchen mit .ihren" Herren. Die Zuschauerinnen steckten die Köpfe zusammen, kritisitten die Neuangekommenen, bewundetten hier und da, und spöttelt»! noch mehr Johanne sah nur flüchtig hin, dann glitt ihr Blick wieder achtlos ab. Ihre Gedanken kchtten in die Vergangenheft zurück. Vergangenheit! — Vergänglichkeit! Schmerzliche Worte! Sie mußttn ihr heut, gerade hier in den Sinn kommen, w» Alles ftohe Gegenwatt athmetr! — Ach, auch ihr war die Gegenwart einft wunderschön gewesen. Es war nicht ausgesprochen worden zwischen ihnen, aber sie wußttn auch ohne Worte, daß sie einander wetth waren. Beim Abschied hatte er nur geftagt, ob er ihr schreiben dürft — und sie hatte ihm diese Erlaubniß gern ettheilt. Es war stets eia Festtag für sie, wenn sie einen seiner schönen, iuhalt» ' reichen Briefen erhielt. Von seiner Neigung stand Nichtö in den Briefen, auch in ihren Antworten nicht; — da» war. zwischen ihnen nicht nvthig, sie lasen zwischen den Zeilat,-^ Einmal schttrb er, daß er sie besuchen wolle, und ihr Hetzt pochte in freudiger Erwattung. Sie ahnte ja, wozu < kommen wollte. — Aber ein unvorhergesehener Zwischeusa« verhinderte seinen Besuch; er verschoo ihn und unterließ ih»^ dann ganz. Auch seine Briefe waren immer selttner und - seltener geworden, bi« sie ganz auSblieben. E» war selben Zeit, als eine ihrer Pttvatschülettnnen ihr erzähl daß in einer der reichsten Familien der Stadt demuäch eine Verlobung stattfinden werde. Keine Mftne veränbevft-j sie, als sie den Namen de» Bräutigam» vernäh«. NiemaM^ merkte ttwas von dem heftigen Sturm, der in ihrem Inner» > tobtt. Auch chre Mutter nicht. Mein — in ihrem/ Kämmerlein trug sie unter heißen Thränen ihren Mäd träum zu Grabe. vv; Abermals ward ihr Gedankenaang unterbrochen. DO Hochzeftmusik ließ einen Tusch erschalle», unter de« schauern entstand athemlos« Süll«; und alle Köpft sich dem Eisgang zu.