Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 47 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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' V '\‘ 'i > ltll- IW' H eraaigtgefxn Bon Ihr. ft Netz «er ln Magdeburg. Z« DNatzilln» n> Kllchmi» fll »!k KrielilW -wilit. .. Geld. Tki»e «nt der jüd. «rsellschnft non «. «ln»ber^ — Die Sarawan« der Lust. — Allerlei für den Famlkt^ rfnnnlt * ttf*. ®« »ohlvechkmdr« »int — «Sthsel-Aufgaben. — «Ltbsel-Auflssungen. (Unbrfn«tnr «nitn* n« klcfan «attr tft «tters»,».) »«ld. Etijj« om» der jüd. Gesellschaft von v. Gin tberg. Wagen auf Wage» rollt durch die schmale Straße. ^Droben an den Häuser» fliegen die Fenster auf, und neu- Fra«euköpfe beuDen sich herab, um möglichst viel von lichkeit da unten zu erspähe». Da» Rollen von Magenrädern ist ihre» Ohren ja nicht- Ungewohntes, und ifcarum würden sie keinen Schritt »eit gehen; aber da» ist 'nicht dawohlbekannte Raffeln der Lastfuhrwerke, nicht der 'wackelige Trab der Droschken, die hier und da die Straße issirrn, daS ist auch nicht davornehm-gedämpfte Geräusch i» da» elegante commerzienräthliche Gefährt aus dem Pflaster . Hervorrust. — e» ist ein ganz eigener Ton, den nur HochzeitSstroschken erzeugen können. Ja, eine Hochzeit findet heut im Städtchen statt; —;und wenn diese Thatsache an und für sich auch gar nicht» öhnliche» hat, da di« Gemeinde mit jungen heirathS- und — heirnthrlustigen Mädchen überreich gesegnet ^ist, so ist doch gerade heut« bsouderer Grund zur Neugierde ' anden, denn eine» der reichsten Mädchen der Stadt tritt heut vor den Altar. Grund genug, daß die Synagoge, in 'welcher der Trauakt statthaben soll, fast bi« auf da» letzte hen gefüllt ist, und daß noch immer mehr Neugierige strömen. Heute gehen sie pünktlicher als gewöhnlich hi», obgleich eausgemachte Thatsache ist, daß jede Trauung '4m Städtchen erst em bis zwei Stunden nach dem ursprünglich festgesetzten Zeitpunkt stattßndet. Heut aber wäre e» stoch »iöalich, daß man sich verrechnet, wenn man auf diese LupGnktlichkeit baute. Bei den Leuten, die heute Hochzeit .wachen, liegt eine solche Möglichkeit sehr nahe — sie müssen stnwer etwa» Besondere» haben! GS fiele ihnen am Ende ■da, einmal ausunhm-weise recht pünktlich zu sein — und e» doch schab«, wenn «an so um den ganzen — oder Aoch wenigsten» um den halben Spaß käme! Sie sind ja ganz besonder» erwartungsvoll, all die Mädchen und mit denen da- Gotte»hau« ungefüllt ist, wie selten einem Feiertage. Nicht daß sie aubesonderer Sympathie di« Braut hergekommeu sind, um drei Stunde» lang sich strängen, zn langweilen und zu plaudern, »ein, die Heldin Ta^S ist sogar etwaunbeliebt im Städtchen — aber ch eine Kleiderpracht wird sich heut entfalte»! Wie viel rd ezu bewundern, zu besprechen und zu bekritteln geben solch einer reichen Hochzeit! Einige allerdings sind da, sie eben bei keiner Trauung sthlen — andere, seltenere at nur die außerordentliche Gelegenheit cheräelockt.!t eine ist in der Synagoge, deren Anwesenheit stlbst Verwunderung erregt. Ist doch selten Ewa- — am gsten aber ein solche» Schauspiel — im Stande, rt Zurückgezogenheit zu entreißen. E» ist Johanne die Jndustrielehreriu an der jüdischen Schule de» Sie lebt füll und bescheiden mit ihrer Mutter von Pension, welche die Gemeinde der Lehrrrwittwe 'hiß und von dem eigenen bescheidenen Ein- Mich ihrer von »5 Privatstuuden zuiß kommen, da» sie durch ÄrtHeilung vergrößern bemüht ist. Hannchen Herz ist nicht nur eine tüchtige Zeichen- und Handarbeit-Lehrerin, sie ist ein in jeder Beziehung gebildete» Mädchen. Ihr Vater, der gar große, die Anforderungen seiner " Stellung al» Gemeinde - Schullehrer weit übersteigen** Kenntnisse besaß, hatte auch seiner Tochter früh die zu den Wissenschaften eingeflößt und sie selbst unterri Diese Kcnntniffe, sowie sein guter Name, waren da» eil . Erbtheil, das er seinem Kinde hinterlassen konnte. Irdische Schätze zu sammeln — diese Kunst hatte der edle, uneigen» nützige Mann nicht verstanden. Johanne war also eio .arme» Mädchen", wenn sic und ihre Mutter auch nicht zu entbehren nöthig hatten und ein, wenn auch bescheidenes aber anständige», ja behagliche» Hau» wesen führten. Man. hattc oa» ernste, liebenswürdige Mädchen überall Krn ihre Schülerinnen verehrten sie sogar — sie aber pflegt keinerlei Verkehr und zog sich so viel al» möglich von dt» . Treiben der Welt zurück. Umsomehr war man erstaunt, sie heute unter den Ne»-' gierigen in der Synagoge zu sehen. Allerdings hielt sie sich fern von der lachenden, plaudernden, klatschenden Menge: sie saß allein, hinter einem Pfeiler halbverborgen. Rvrgierde hatte sie nicht Hergetrieben, da» war gewiß, dies« weibliche Untugend war ihrer Natur stemd, wa» aber konnte Johanne für em sonstiges Interesse an dem Mädchen habe» da» heut vor den Altar trat Manch Eine zerbrach sich de» Kopf über diese und verschiedene Bemerkungen wurden darüber ge> Dann verdrängten andere Gesprächsstoffe diesen Gegen, ES war doch gar zu interessant, seine Bermutbungen ta; auszutauschen wa» wohl Die oder Jene anhaoen, wie die Braut auSsehen würde — —? ,Ob wohl das he Paar auS Liebe heirathe?" wagte ein junger “ schüchtern hinzuwerfen. Allgemeines Kichern ^lohnte Naivetät. »AuS Liebe? — Wer heirathet heutzutage überhaupt au» Liebe! Und nun gar diese hohle, ein gebildete Modepqwe, diese Braut! — Aber Geld, liebe» Kind, Geld hat sie — mch da» ist nun wohl die allgemeine Losung. Schönheit — ach ja, da» ist eine ganz angenehme Zugabe, aber wenn Du kein Geld hat, wird sie Dir auch ni^" “ stand, Geist, Gemüth, liebe» Kind, Du zu naiv? Wer schätzt solche Eigenschafte wenn es nicht zugleich reich ist!" So philosopbirten die jungen Mädchen, echte Kinder ihrer Zech ganz laut und ungenirt unter einander. Da» Wort .Geld", da» wiederholt aus ihren altklugen Reden klang, drang auch zu den Ohren der Einsamen httttec der Säule. Eine unendliche Bitterkeit griff Platz in ihre« Herze«. Ja, sie hatten Recht, di« Kinder da drüben. Rur «ne Macht regiert in der West, und «lles Schöne und Edle