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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 45 (1890) · p. Seite 175

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
45 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 175 (sequence 3)
Language
German
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Recht g«r,' fein ftinb ein« Minute lang in den Armen zu -alte», bat sie sich ganze Summen au». Darauf folgte eine noch viel wichtigere Ceremonie — die Wachtnacht. Die Rächt, bevor da» Kind in den Bund Abraham» -«ingeführt witt>, soll für dasselbe, wie man wisse» will, von der allergrößten Gefahr sein. In dichtgeschlostenrn Reihen sollten damals die Hexen auf da» arme Kind Sturm laufen, um e» den Armen der Mutter zu entreißen. Verschärfte Besatzung ist also unbedingt nvthig. Zehn Klausner werden daher au» der Synagoge berufen, damit sie bei unserem Schatze die ganze Nacht Wacht halten. Diese zehn Wachtmänner sehen allerdings nicht sehr heldenmüthig au», denn sie sind zumeist arme, gebrechliche, ausgehungerte Greise, aber sie sind just die besten Schutzpatrone für einen Schatz, wie der unsrige. Da» mußte man sich mit eigenen Augen mit angesehen haben, wie sich diesck armen Leutchen bei un» in der behaglichen, auSgeräumten Stube angesammelt, wie sie sich über da» köstliche Mahl, da» ihnen bereitet wurde, mit dem gesegnetsten Appetit hergemacht, dann ein herzstärkende» Schlückchen zu sich genommen, ein» und noch eins, daß ihr bischen Blut immer mehr in Fluth gerieth und ihnen die welken, eingefallene» Wangen roih färbte. — Wie Sie von Minute zu Minute sich gemüthlicher fühlten, sich ii( Kaftane von Gürtel und Knöpfen befreiten, die Pftifchen anzündeten, schmauchend sich zu einander Hinschten und trauliche Geschichten sich zu erzählen anfinaen, alte Sagen, Legenden aus frommen Büchern oder Erinnerungen au» ihre» Kinderjahren. — Mgn mußte es sich mit angesehen haben, wie die Stimmung immer beseligender wurde, der Kreis immer lauschiger und wie mein Vater, der in ihrer Mitte sah und sie vewirthetr, in wahrer Glückseligkeit strahlte und es ihm so paradiesisch za Muthe war, als würde er den Flügelschlag der guten Hausgenien hören, die in allen Winkl» des traulichen Gemaches umherschwebten. Soll mir nur Jemand behaupten, daß solche armen Leutchen nicht die rechten Schutzpatrone wären für einen Schatz wie der unsere! Gewiß! In einem Hause, wo Hungrige in dieser Weise gesättigt werden, wo ihnen heilige, liebevolle Gastlichkit geboten wird, wo es solchen armen, freudenlosen Menschenkindern vergönnt wird, mitten in ihrem trostlosen Dasein einige Stündchen des Glück» zu verträumen — gewiß, in einem solchen Hause haben die bösen Geister keine Gewalt, müssen die höllischen Hexen, mögen sie noch so tollkühn sem, fliehen und verschwinden, wie nächtliche Schatten vor dem Anblicke der Sonne. In der Thal haben sie auch unfern Schab gut bewacht, denn als sie mit dem Morgenanbruche jjtiter und wohlgemuth unser stau» verließen, regt« sich mein Brüderchen lebeusfrisch in den Armen der Mutter, ruderte wie ein kleiner -Schistskapitän mtt Händen und Füßen und forderte mtt kräftiger Stimme sich Morgenmahl. Aber noch war Alles nicht zu End«. Alle diese KSctraonkn bildeten nur die Vorläufer einer großen Abschlußsverre. Heute soll mein Brüderchen den ersten Besuch der Synagoge machen. Schon mit dem Morgengrauen tummelte sich di« alte Jüdin um da» Kind herum, sie wusch es, wickelte es in schneeige Leinen und rollte darüber «in blaue» AtlaSpolster mit bunten Seidenbändern, so daß e» -allerliebst mit dem holden Köpfchen aus dem'schimmernden Blau hervorblickte. Gar viele weibliche Verwandten, alle in ihren Feierkleidern, fanden sich bei uns ein, um mein «rüderen auf seinem ersten Gang zu begleite». Der Vater begab sich, schon früh Morgen» mtt einer große» Anzahl von Berwandttn in die Synagoge. -mit Widerstreben ließ sich die Mutter ihr Herzdea Armen nehmen. Dt« alte Jüdin, inihre! geh-llt, trug das Kind nicht ohne Stolz und » und es folgten alle die azcheru Frauen. So bewegte sich der ftierliche Zug di« Straße entlang der Synagoge zu. Der schwarze Leiser begrüßte den neuen Gast, al» die Alte mtt ihm die Schwelle der Synagoge übertrat, mit dem jüdischen Willkommenrufe: »Boruch habo!"') Was man mit meinem kleinen Brüderchen in der Synagoge vorhatte, wird wohl einem Jede» der Leser bekannt sein, der arme Wicht mußte etwa» von sich in der Synagoge zurücklassen, und oaß er da» nicht mit großer Freudigkit gethan hat, bewie» sein Zeteru und Schreien, da» den ganzen liri>en Tag fortdauerte. . Aber unbekümmert darum fing c» bei un» an, erst recht lustig zu werden. Alle die mit ln der Svnagoge waren, sttömten zu un» nach -Hause, wo sie sich bei Speis und Trank gütlich thaten. Mir jedoch war. es heute durchaus nicht ftöhlich zu Muthe. Da» Leid, welche» man meinem Brüderchen in der Synagoge angethan hat, gab mir viel zu drnkn. Ich fühlte, daß sich mir schon wieder eine Fluth von Fragen in dem Kopse regte. Mein guter Bater, der mehr al» alle andern im Hause mit mir Geould hatte, war «» auch jetzt, der den Ansturm meiner Fragen über sich ergehen ließ. .Bakr", begann ich »warum haben sie denn di« ganze Nacht mein Brüderchen überwacht?* »Damit ihm kein Leid geschehe!" .Hm", machte ich „da dachte ich» ander»!' „Und wie hast Du Dir'S gedacht?" »Daß sie ihn überwacht haben, damit er ihnen nicht davon laufe!" Der Vat«r lachte laut auf. »Und was für Grund hätte er denn davonznlaufen?" fragte er. „Hm", räusperte ich mich »Grund wäre schon, weil sie ihm ohne jedes Verschulden in der Synagoge so wehe, gethan haben!" „Bist Du aber «in Narrele!" lachk der Bater, indem er mir einen sanften Backensttich gab. Und er war den ganzen Tag so glücklich mein guter Bater. Jede paar Minuten schlich er zum Wiegelchen hin, und wenn er sich vom alten Hausdrachen nicht bewacht glaubte, bog er sich freudentrunkn drüber hin und berührte leis« mit seine« Lippen das frische Mündchen des schlafenden Kindes. Ist mein Brüderchen durch den Brrlust jenes TheilchenS wirklich im Preise so gestiegen? Darüber herrschen die verschiedensten Meinungen im Leben. Aber Thatsache ist es, daß mein guter Vater, der nie etwas gegen sein« Ueberzeugung gethan hatte, just au jenem Tage die Schätzung seine» Ki»des vornahm, und dessen Werth sich in seinem Gebetbuche taxirk aus nicht weniger, nicht um ein beschnittenes Dukatchen weniger, al» auf — «ine Million Dukaten. D«O BegrLbAitz «. K. Peix-tlo'- New-York, 21. Sepkmber. Ei» zahlreicher Trauerzug geleitek Sonntag Morgen, den 7. Tischri die sterblichen Ueberrrste Benjamin Franklin Pr»xotto's zur letzte« Ruhestätte. Di« Beamten de« »Tempel Israel", zu besten Bor» stand der Verstorbene gehörte, offerirkn ihre Synagoge zur Abhaltung der Trauerfeierlichkeiten. Da aber dieArranaement« von der spanisch » portugiesischen Gemeinde» zu welcher der Verstorbene und seine Vorfahren gehört«, getrost« ward«, so benutzte mau de« mit de« Tempel verbundenen' Gchulsaal, während die größte Zahl der Anwesenden sich i» der Synagoge plaeirten. *) »fefegatt W ber gekowme». *

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